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Andreas Henning ist Ausbildungsleiter bei der Freiwilligen Feuerwehr Bad Soden.

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Ausbildungsleiter Andreas Henning verordnet Übung mit Überraschungsfaktor

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150 Jahre Freiwillige Feuerwehr Bad Soden – das ist ein Grund zum Feiern. Diese Zeitung begleitet sie mit einer kleinen Serie durchs Jubiläumsjahr. Heute geht es um Leben und Tod. Das Szenario ist aber „nur“ nachgestellt.

Weißer Helm. Nach oben geklapptes Visier. Die knallrote ärmellose Signalfarben-Weste trägt Tobias Butzer über der dunklen Uniform, die mit reflektierenden gelben Streifen überzogen ist. Ein schlimmer Anblick bietet sich ihm, als er aus dem Einsatzleitwagen springt und Seite an Seite mit seinem Feuerwehrkollegen Bernd Rothländer den Unfallort am Neuenhainer Sauerborn inspiziert.

Der weinrote Volvo im Straßengraben ist völlig hinüber. Die Frontscheibe ist zertrümmert, das Dach fast vollständig eingedrückt. Unter dem Wagen ist eine Person samt Fahrrad eingeklemmt. Ein paar Meter weiter liegt ein silberner Hyundai; er ist auf die Beifahrerseite gekippt. Zwei Personen stecken drin und können sich nicht befreien. Butzer blickt sich um, Rettungskräfte des DRK stoßen hinzu. Sie müssen die Lage in Sekundenschnelle erfassen. Der Zugführer muss rasch anordnen, was zuerst zu tun ist und wer welche Aufgaben übernimmt. Aber keine bange. Das Szenario ist nachgestellt. Verletzt ist niemand. Ein Ernstfall liegt nicht vor. Die Freiwillige Feuerwehr Bad Soden und das DRK üben mit rund zwei Dutzend Leuten unter den aufmerksamen und strengen Augen von Ausbildungsleiter Andreas Henning. Der 52-Jährige ist ein Feuerwehr-Haudegen, wie er im Buche steht. Schon als Dreikäsehoch schnupperte er bei der Feuerwehr hinein. Seit 43 Jahren ist er im „Geschäft“. Henning hat sich die Übung ausgedacht. Er schlüpft in die Rolle eines Zeugen, der anfangs gleich mal zwei Feuerwehrleute in die falsche Richtung lotst, als sie nach der Volvo-Fahrerin suchen, die unter Schock vom Unfallort wegrannte und nicht zu sehen ist. Ist seine Finte gemein? Ein bisschen, aber Schikane ist das nicht. Bei Einsätzen kommt es immer wieder vor, dass Zeugen sich widersprechen oder in der Aufregung irreführende Hinweise geben. Wenn Henning erzählt, welche Schwierigkeiten er in den Ablauf der Übung einbaut, lächelt er schelmisch. Der Schalk in ihm tritt hervor.

Tobias Butzer, Zugführer in der Probephase, liegt am Anfang richtig, als er die Kräfte nach Absprache mit dem DRK schnell am Volvo bündelt. Die Verletzten im Hyundai sind ansprechbar. Der Radfahrer in der Form einer Puppe hat dagegen einen schwachen Puls, eine schwache Atmung und ist nicht ansprechbar. Eine Rotkreuzlerin weicht trotzdem nicht vom schmerzgeplagten Duo im Hyundai. Das sei richtig, urteilt Henning zufrieden. „Wenn Sie in so einer Lage einmal bei einem Patienten waren, muss zwingend jemand dabei bleiben“, sagt er. Es ist wichtig, die Opfer nicht allein zu lassen, sie zu beruhigen und zu erklären, was die Rettungskräfte unternehmen.

Nebenan beim Radler geht es um Leben und Tod. „Er muss schnell raus“, ordnet der Notarzt an. Die Retter stabilisieren das Genick und den Rücken und heben den Volvo nach einigen Vorbereitungen im Hauruckverfahren an. Sie klemmen eine massive Holzlatte unter die Karosserie und ziehen den Radler heraus. Normalerweise haben andere Techniken Vorrang. Aber wenn Eile geboten ist, dann muss es auch mal mit der Holzlatte gehen.

Andreas Henning guckt dieser Szene zufrieden zu und sieht doch Unheil auf seine Kameraden zukommen. Denn so richtig es ist, den Radler zu retten, so sehr verzögert sich die Hilfe für die Hyundai-Insassen. Das schmeckt dem erfahrenen Übungsleiter nicht. „Spätestens nach einer Stunde muss ein Verletzer in einem Krankenhaus sein“, erläutert Henning dem Kreisblatt-Reporter. Es wäre nach seiner Ansicht zwingend nötig und möglich, „an beiden Autos gleichzeitig zu arbeiten“. Genug Einsatzkräfte seien an Ort und Stelle. Aber die Zeit verrinnt. Erst als der schwer verletzte Radfahrer herausgezogen ist, widmen sich die Einsatzkräfte den zwei eingeklemmten Personen, verkörpert von Benni Bauer und Julian Marx. Die Jugendlichen halten am schwülwarmen Donnerstagabend in beängstigender Enge mehr als eine Stunde durch. Die Feuerwehrleute schneiden die Windschutzscheibe am beschädigten Wagen heraus und schützen dabei die Insassen, indem sie ein Plexiglas zwischen sie und die Scheibe legen. Sie machen sich daran, das widerspenstige Dach mit einer Rettungsschere aufzuschneiden.

„Die Stunde ist überschritten“, stellt Henning fest. Aber der Übungsleiter reißt niemandem den Kopf ab. Er beobachtet, er registriert Stärken und Schwächen der Einsatzkräfte, er merkt sich gute und verbesserungswürdige Aktionen. Er lobt. Tobias Butzers Erkundung gleich zu Beginn sei beispielsweise sehr gut gewesen. „Ruhig, sachlich“, betont der Zugführer mit der jahrzehntelangen Erfahrung. Alles kommt später in der Manöverkritik zur Sprache.

Die beiden Feuerwehrleute, die nach der verschwundenen Autofahrerin suchen, rennen einen Feldweg hinunter, bleiben aber abrupt stehen. Aus dem Unterholz dringt eine mechanisch-blecherne Stimme: „Hallo, Hilfe!“ Die beiden schwenken um, dringen zwischen Büschen und Bäumen rasch zur Verletzten durch – ebenfalls eine Puppe, die ihre Stimme von einem Sprachsimulator erhält. Die Männer erkundigen sich, wie es ihr geht. Oberlöschmeister Martin Heiderich hockt daneben und verleiht der Verletzten nun ihre Stimme – Rückenprobleme. Die Männer hieven sie auf eine Trage und schleppen sie aus dem Gebüsch. Heiderich meint später, das Vorgehen sei „zu forsch“ gewesen. Auch diesen Aspekt bringt Andreas Henning in der Nachbesprechung auf den Tisch.

Das Besondere an diesem Abend in Neuenhain: Es ist eine Geheim-Übung. Die Feuerwehrleute ahnten vorher zwar, dass irgendetwas mit Autoverkehr auf sie zukommt. Sie wussten aber nicht, was genau ihnen der gewiefte Übungsleiter serviert. Übungen mit Überraschungsfaktor gibt’s mehrfach pro Jahr. Mal steht Feuerbekämpfung im Fokus, mal der Umgang mit Gefahrgut, mal ein Rettungsmanöver aus großen Höhen. Diesmal sind viele Neulinge und Leute mit neuen Aufgaben mit von der Partie. Andreas Henning lacht: „Die müssen lernen und ordentlich rangenommen werden. Schließlich müssen uns irgendwann einmal ersetzen.“

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