Winfried Kracke hat mit seinem DKW-Motorrad, Baujahr 1953, in der Ausstellung einen nostalgischen Akzent gesetzt.
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Winfried Kracke hat mit seinem DKW-Motorrad, Baujahr 1953, in der Ausstellung einen nostalgischen Akzent gesetzt.

Hommage an das Wirtschaftswunder

Ausstellung in der Stadtgalerie erinnert an die Nachkriegszeit

Nierentische, DKW-Motorräder oder das typische Tapetenmuster: Unzählige Exponate aus den 50er Jahren hat Christiane Schalles, Chefin des Stadtmuseums, über viele Jahre zusammentragen. Das Ergebnis ist eine sehenswerte Ausstellung.

Teenager in bunten Petticoats wirbeln über die Tapete. Gummibaum, Nierentische und Tulpenlampe spiegeln die Atmosphäre im Wohnzimmer der 50er Jahre wider. Unweit steht eine altmodische Musiktruhe mit Plattenspieler und großem Radioapparat. Entspannt lässt sich Brigitte Moritz-Bisinger in einem der typischen Polstersessel nieder. So eine Tapete, lacht die alteingesessene Sodenerin, habe auch in ihrem Zimmer mal die Wand geschmückt. Eine rote Lambretta, ein schwarzes DKW-Motorrad, beide Baujahr 1953, ein creme-farbiges Kaffeegeschirr von Rosenthal mit goldenem Rand sind weitere Relikte, die an das Lebensgefühl der Nachkriegsjahre und das aufstrebende Wirtschaftswunder erinnern.

Amerikaner ziehen ein

„Chewing Gum und Kurkonzerte“ ist die Ausstellung in der Stadtgalerie im historischen Badehaus betitelt, die 20 Jahre Bad Sodener Geschichte von 1945 bis 1965 in Dokumenten, Texten, Bildern und Schwarz-Weiß-Fotos aufleben lässt. Die mit der „Stunde null“ am 29. März 1945 beginnt, als die Amerikaner in Bad Soden einziehen, historische Gebäude, Kurvillen und Hotels beschlagnahmen und ihre Besatzungssoldaten in Privathäusern unterbringen. Selbst das Freibad im Altenhainer Tal wurde in den Jahren 1946/47 ausschließlich von den Amerikanern genutzt. Beschlagnahmt wurde auch das ehemalige Kurhaus, das zehn Jahre lang bis 1954 als „Manor House“ in amerikanischer Hand war.

Es geht aufwärts

Damals, erinnert Bürgermeister Frank Blasch in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung, sei ein Stück amerikanischer Kultur nach Deutschland geschwappt, das für die Zukunft entscheidende Weichen gestellt habe. Nicht einfach sei die Zeit für die Menschen in Bad Soden gewesen. Armut, Hunger und Wohnungsnot bestimmen den Alltag. Die Bevölkerungszahl in der kleinen Kurstadt ist explosionsartig gewachsen. Von 3900 Einwohnern in 1939 auf fast das Doppelte in 1948. Flüchtlinge und Heimatvertriebene suchen eine neue Existenz. 1947 erhält Bad Soden die Stadtrechte.

Und es geht aufwärts. Der Kurbetrieb, der nach dem Krieg darniederlag, kommt wieder in Schwung. Ein neues Kurviertel zwischen Eichwald und Salinenstraße entsteht. Der Neue Kurpark wird angelegt und die neue Trinkhalle am Quellenpark gebaut. Erstmals siedeln sich mit den Rosenthal-Werken, der Much-AG, Produzent der weltbekannten Spalt-Tablette, und der Eden-Waren GmbH größere Unternehmen in der Kurstadt an. Die Freunde Adolf Volpert und Albert Bisinger gründen in Bad Soden eine Autowerkstatt, die sich bald zum exklusiven Volkswagenhändler für amerikanische Kunden entwickelt. Arbeitskräfte werden gebraucht. Neue Wohnviertel entstehen, einige Unternehmen schaffen selbst Wohnraum für ihre Mitarbeiter.

Es ist eine spannende Ausstellung, die Christiane Schalles, Chefin des Stadtmuseums und Stadtarchivs, mit ihrem Team konzipiert hat. „Viel Energie hat sie hineingesteckt“, lobt der Rathauschef, „und etwas Bleibendes für die Nachwelt geschaffen“. Über Monate, ja sogar Jahre hat die Kunsthistorikerin interessante Ausstellungs-Objekte zusammengetragen. Im Internet hat sie geforscht und mit zahlreichen Sodener Zeitzeugen kommuniziert. Das Rosenthal-Kaffeeservice etwa wurde von der Sodenerin Anita Zeeh gestiftet. Sie hat es seinerzeit von den Amerikanern ersteigert, als diese 1954 aus dem Kurhaus auszogen und keine Verwendung mehr dafür hatten. Ein Flugzeugmodell steht als Leihgabe in der Vitrine. Als 15-Jähriger hatte der Neuenhainer Werner Köhlein das Modell auf Wunsch der Amerikaner gebaut, als er im Europäischen Hof als Heizer beschäftigt war. Und Walter Scheinert hat mit seiner roten Lambretta und Winfried Kracke mit seinem DKW-Motorrad zum Gelingen der Ausstellung beigetragen.

Aufnahmen, die Abc-Schützen zeigen, die bei der Einschulung in der Theodor-Heuss-Schule 1951 Brezeln erhielten. „Keine Tüten“ hatte der Schulleiter an die Eltern appelliert: „Wir wollen keine armen Kinder sehen“. Fotos vom ersten Supermarkt in Soden, dem Konsum „Hartmann“ am Adlerplatz, vom Rex-Kino im großen Saal im Rheinischen Hof, wo heute die City-Arkaden stehen. Aufnahmen von Schwarzmarkt- und Tauschgeschäften – 50 Zigaretten gegen ein halbes Kilo Butter – sind charakteristisch für das Leben in den Nachkriegsjahren.

Begleitend zur Ausstellung hat Christiane Schalles eine umfassende Dokumentation erarbeitet, mit der sich die Besucher auf eine interessante Zeitreise einlassen können. Für 10 Euro ist die Broschüre in der Stadtgalerie erhältlich.

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