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Bewährungsstrafen für mutmaßliche Raser

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Von: Alexander Schneider

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Die Verteidiger sehen es als unbewiesen an, dass ihre Mandanten beim Alleestraßen-Unfall am Steuer saßen. Die beiden Männer zogen es vor, zu schweigen.

Bad Soden/Königstein - Der Raser-Verkehrsunfall am frühen Sonntagmorgen des 5. Juli 2020 in der Bad Sodener Innenstadt war damals in aller Munde: Tagelang lieferte er Gesprächsstoff, auch über die Ortsgrenzen hinaus. Eine 44 Jahre alte Bad Sodenerin war nach Mitternacht auf der Rückkehr von einem Grillfest, als ihr Pkw an der Kreuzung Allee-/Brunnen-/Gartenstraße von einem schwarzen Sportwagen gerammt und ins Schaufenster des Haushaltswarengeschäftes Napp geschleudert wurde. Der Sportwagen war nach ihren Worten "aus dem Nichts" aufgetaucht.

Die Frau erlitt einen Schock. Der Sportwagenfahrer war bei dem Horrorunfall offenbar unverletzt geblieben, er flüchtete zu Fuß. Der 130 000 Euro teure Nissan GTR (570 PS), dessen linkes Vorderrad verloren ging, krachte gegen den Pfosten einer Laterne. Der Fahrer haute ab, ohne sich um die möglicherweise schwer verletzte Frau zu kümmern.

Vor dem Königsteiner Amtsgericht wurde dem mutmaßlichen Fahrer und einem Bekannten, der mit einem roten 510 PS starken Porsche GT3, Neuwert rund 175 000 Euro, in der gleichen Nacht in Bad Soden unterwegs war, der Prozess gemacht: Das Gericht, das von einem illegalen Straßenrennen ausgegangen ist, befand beide Angeklagte in allen Punkten der Anklage für schuldig: Vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs, Teilnahme an einem verbotenen Straßenrennen, gefährliche Körperverletzung, Unfallflucht, Sachbeschädigung.

Richterin liest den Männern die Leviten

Die Urteile gegen die Männer, die im Verlauf des Prozesses zur Sache schwiegen und nur ihre Anwälte reden ließen, liegen - ähnlich wie die beiden PS-Boliden - in der "Oberklasse": Der Nissan-Fahrer erhielt eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten sowie eine Bewährungsauflage von 5000 Euro. Der Führerschein ist für zwei Jahre weg.

Deutlich teurer kommt der Highspeed-Ausflug durch die Kurstadt den Porsche-Fahrer. Zwar kam er mit neun Monaten auf Bewährung und zwei Jahren Führerscheinsperre sowie 10 000 Euro Bewährungsauflage glimpflicher davon; er wurde aber zusätzlich zu 156 300 Euro Wertersatz verdonnert. Das Gericht hatte den inzwischen zu diesem Preis verkauften Porsche als Tatmittel eingestuft.

Die Richterin hat den Angeklagten gehörig die Leviten gelesen. Sie hätten unter Ausnutzung der maximal möglichen Geschwindigkeit mit einem "Wahnsinnstempo" andere Verkehrsteilnehmer gefährdet. Beide Raser hätten zumindest billigend in Kauf genommen, dass Menschen schwer verletzt oder sogar getötet werden könnten, indem sie mit mehr als Tempo 100 in die City gebrettert seien. Das sei für sie "nicht zu fassen", sagte die Richterin. Das Schlimmste sei, dass die Männer sich einfach aus dem Staub gemacht hätten, ohne sich vorher zu vergewissern, ob und gegebenenfalls wie schwer die 44-Jährige verletzt war.

Die Angeklagten könnten von Glück reden, dass ihre Sache, die weit dramatischer hätte enden können, am Amtsgericht und nicht vor dem Landgericht verhandelt wurde. Das könnte sich jedoch bald ändern, denn weiter könnten die Verteidigerplädoyers auf Freispruch und das Urteil kaum auseinanderliegen. Rechtskräftig dürfte die Entscheidung des Amtsgerichts wohl nicht so schnell werden. Einer der Anwälte hatte bereits vor dem Ende der Beweisaufnahme durchblicken lassen, dass es wohl "in die zweite Runde" gehen wird. Dann wird doch am Landgericht verhandelt. Beide Verteidiger haben auf Freispruch für ihre Mandanten plädiert. Schließlich habe keiner der Zeugen die beiden Männer am Steuer sitzen sehen. Noch dazu dürften die Zeugen durch die Berichterstattung in den Medien, in denen gleich von einem illegalen Rennen die Rede gewesen sei, beeinflusst gewesen sein. Auch habe sich der Nissan-Fahrer später freiwillig bei der Polizei gestellt und sich kooperativ verhalten. Das tue man nicht, wenn man sich so etwas geleistet hat.

Dass am Seiten-Airbag des Nissan DNA-Material seines Mandanten gesichert wurde, sei kein Beweis, dass er gefahren sei. Er habe das Auto nur geliehen, könne auch Beifahrer gewesen sein, dem tatsächlichen Fahrer aus dem Cockpit herausgeholfen und dabei Kontakt mit dem Airbag gehabt haben. Auch der Anwalt des Porsche-Fahrers sah keinen sicheren Beweis für die Schuld seines Mandanten. Niemand habe ihn erkannt. Er habe das Auto zwar oft gefahren, könne aber auch auf dem Beifahrersitz gesessen haben, dort sei gar nicht erst nach Spuren gesucht worden.

Für das Gericht und die Staatsanwältin haben sich die Tatvorwürfe hingegen "ohne jeglichen vernünftigen Zweifel" als zutreffend erwiesen, wie die Richterin sagte. Demnach waren die beiden Sportwagen von der B 8 kommend über die Niederhofheimer Straße Richtung Innenstadt gerast, wobei die Fahrt des Nissan nach Kollision mit dem Auto der unbeteiligten Fahrerin und dem Aufprall gegen den Lampenpfosten abrupt gestoppt wurde.

Gutachter fordern Hilfe aus Japan an

Der Porsche-Fahrer hat zur Überzeugung des Gerichts den Unfall bemerkt, gewendet und den zu Fuß geflüchteten Nissan-Fahrer ein paar Straßen weiter wieder aufgenommen. Das Gericht stützte sich auf eine ganze Reihe von Zeugenaussagen. So gab es Beobachtungen, wonach die beiden Autos schon am Nachmittag vor dem Unfall durch halsbrecherische Fahrweise auf der B 519 aufgefallen sein sollen. Aus der Tatnacht berichtete ein Zeuge, der mit seinem E-Bike auf der Niederhofheimer Straße unterwegs war. Dieser Zeuge sagte, dass er zwischen den beiden Kreiseln so aggressiv von den beiden Sportwagen bedrängt worden sei, dass er aus Angst, überfahren zu werden, im zweiten Kreisel den "Exit" genommen habe. Eine Frau schilderte, sie habe die beiden rasenden Sportwagen ebenfalls gesehen. Die Fahrzeuge hätten "so dicht aufeinander gehängt", dass es so ausgesehen habe, "als seien sie ein Auto". Ein Zeuge will bei erlaubtem "Tempo 30" auf einer digitalen Anzeigetafel am Straßenrand einen "dreistelligen Wert" gesehen haben.

Einer der drei Gutachter bezifferte das unmittelbar vor dem Unfall gefahrene Tempo des Nissan mit 109 Kilometern pro Stunde. Die Ermittlung der Daten sei schwierig gewesen, die Dokumentation habe beim Hersteller in Japan angefordert werden müssen. Nissan jedoch halte sich mit der Herausgabe von im Hintergrund gesicherten Fahrdaten sehr bedeckt; er habe drei relativ wenig aussagekräftige Screenshots erhalten, sagte der Gutachter. Das führte dazu, dass der Verteidiger des Nissan-Fahrers das Gutachten als nicht verwertbar einstufte. Es gebe Ungereimtheiten. Auch weil die Laufleistung des Autos bei zwei der Screenshots um einen Kilometer differierte.

Ein Polizeibeamter untersucht in der Nacht des Unfalls (5. Juli 2020) Spuren am roten Sportwagen.
Ein Polizeibeamter untersucht in der Nacht des Unfalls (5. Juli 2020) Spuren am roten Sportwagen. © Wiesbaden 112

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