HK_Schick_01_211020
+
Christian Immel und seine Lebensgefährtin Lisa Fey sortieren Äste und Blätter aus der diesjährigen Ernte, die kurze Zeit später in der sogenannten Rätzmühle, einer Art Häckselmaschine, landen wird.

Apfelschmiede in Bad Soden

Boskoop und Jonagold runden den Geschmack ab

  • vonEsther Fuchs
    schließen

Apfelwein mit besonderer Note: Christian Immel produziert Stöffche aus seltenen und alten Sorten.

Neuenhain -Es rappelt, scheppert, summt und ruckelt. Zwölf Tonnen rot-grüner Äpfel bahnen sich geräuschvoll den Weg über ein Förderband, das mit Wasser überspült wird. Die am Morgen angefahrene Ernte wird gereinigt. Christian Immel und seine Partnerin Lisa Fey unterstützen den Arbeitsschritt mit ihren Händen. Neben der Apparatur kniend sortieren sie Äste, Blattwerk und größere Zweige aus. "Das soll ja nicht mitverarbeitet werden", erklärt Christian Immel seine Arbeit. Er produziert Apfelwein.

Seine Eltern haben in Neuenhain in der Schulstraße 5 ein denkmalgeschütztes Ensemble gekauft, das seit 2015 eine neue Nutzung erfährt. Es handelt sich um die frühere katholische Konfessionsschule von 1749. Christian Immel wurde zum Unternehmensgründer - dort, wo vor mehr als 200 Jahren Kinder das Abc paukten, ist heute die "Apfelschmiede Neuenhain". Für Christian Immel ist in dem Gebäude mit Stall-Teil und rückwärtig frei stehender Scheune ein Traum in Erfüllung gegangen. In Stiefeln und Arbeitskleidung hat er auch am Tag des Kreisblatt-Besuchs sein Tagesziel vor Augen. Die Lieferung Kernobst soll bis zum Abend zu Saft verarbeitet worden sein.

"Die Idee, Apfelwein herzustellen, entstand eigentlich aus einer Laune heraus", berichtet Christian Immel. "Ich habe mit Freunden für den Eigenverbrauch im kleinen Rahmen gekeltert", sagt der Unternehmer und schiebt eine Ladung glänzender Früchte in Richtung Förderschnecke. Dort verschwindet das Obst in Windeseile. Der Schlund der in Fachkreisen so genannten "Rätzmühle" ist groß und hungrig. Das Mahlwerk des rund 3,60 Meter langen, einen Meter breiten und 2,50 Meter hohen elektrischen Häckselgeräts zerkleinert die Früchte mit lautem Getöse. Scharfe Messer schneiden die Äpfel, bis nur noch braunes Mus ("Maische") übrigbleibt.

Die Maische gibt den Apfelsaft frei und rutscht über drei Walzen in einen Container. Der fruchtig riechende Apfelsaft hingegen fließt im unteren Teil der Maschine über einen Edelstahlausgießer in eine Wanne. Dort läuft der Saft durch ein feines Netz, das gleichzeitig den während des Zerkleinerns entstandenen Schaum abhebt. "Die Maische bekommt ein örtlicher Schäfer als Futter für seine Tiere. Wir möchten nachhaltig arbeiten", berichtet Christian Immel, der gelernter Süßmoster ist und ein Getränketechnologie-Studium in Geisenheim absolviert hat.

"Der Wein wird gut schmecken"

Die Apfelweinproduktion nahm 2014 mit 300 bis 400 Litern für den Hausgebrauch ihren Anfang. 2016 flatterte der erste größere Auftrag ins Haus: Die Apfelschmiede belieferte die beliebte "Geeleriewekerb", die in Neuenhain ein echtes Großereignis und etabliert ist.

Nur vier Jahre später fließen tausende Liter frischen Safts durch ein Dutzend Schläuche in zwölf große Edelstahlbehälter mit einem Fassungsvermögen von 2000 bis 12 000 Liter. Sie stehen zusammen mit kleineren Tanks in der Scheune des alten Schulhauses und haben ein Fassungsvermögen von 72 000 Litern. "Es war an der Zeit zu expandieren", sagt der Apfelbauer und schmunzelt. Nicht zuletzt möchte er die liebevoll in Eigenregie renovierte vierseitige Hofanlage mit zweigeschossigem Wohnhaus bald mit seiner Partnerin nutzen. Am Reitplatz Neuenhain hat Christian Immel deshalb eine Kelter- und Maschinenhalle mit Platz für Tanks, Maschinen und Traktoren gebaut.

Auch wenn die Ernte 2020 nach dem letztjährigen Jahrhundert-Ertrag eher bescheiden ausfiel, blickt er positiv in die Zukunft. Seine Streuobstwiesen zwischen Schwalbach und Königstein punkten mit alten, seltenen Sorten. Bohnapfel, Trierer und Schafsnase geben seinem Wein die besondere Note. Neue Gehölze wie Boskoop und Jonagold runden den Geschmack ab.

"Wir hatten in 2020 zwar eine schlechte Blüte, einen trockenen Sommer und geringe Niederschläge. Doch der Wein wird trotzdem gut schmecken", ist Christian Immel zuversichtlich. Er weiß: "Schon bald wird in den Tanks der Gärprozess einsetzen." Mit einem Alkoholgehalt von 6,8 Prozent soll das "Stöffchen" dann ab Anfang nächsten Jahres die Geschmacksknospen der Verkoster verwöhnen. esther fuchs

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare