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Darmkrebs: Zu wenige nutzen Vorsorge

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Er hat gute Argumente für eine Darmspiegelung zur Darmkrebsvorsorge: Chefarzt Professor Clemens Jaeger.
Er hat gute Argumente für eine Darmspiegelung zur Darmkrebsvorsorge: Chefarzt Professor Clemens Jaeger. © Knapp

Darmspiegelungen können Krebs verhindern. Warum die Vorsorge dennoch gescheut wird, darüber hat unsere Mitarbeiterin Barbara Schmidt mit Clemens Jaeger, Chefarzt der Klinik für Darmerkrankungen am Bad Sodener Krankenhaus, gesprochen.

Herr Professor Jaeger, der Darm gilt als unterschätztes Organ. Heilpraktiker sprechen sogar von einem „Schlüsselorgan für Leib und Seele“. Trotzdem ist er nicht gerade ein beliebtes Gesprächsthema. Würden Sie das gern ändern?

CLEMENS JAEGER: Das würde ich sehr gern ändern, gerade im Blick auf das Thema Darmspiegelung. Mit der Koloskopie, so der Fachbegriff, haben wir ein wirklich wirksames Instrument in der Hand, mit dem wir viele segensreiche Dinge tun können.

Die Darmspiegelung wird bei der Darmkrebs-Vorsorge eingesetzt. Diese Tumor-Erkrankung ist in Deutschland recht häufig. Mal statistisch betrachtet: Wie viele Menschen im Main-Taunus-Kreis sind im Laufe eines Jahres von einem solchen Befund betroffen?

JAEGER: Rein statistisch spricht man von rund 50 Neuerkrankungen im Jahr pro 100 000 Personen. Hochgerechnet auf den Main-Taunus-Kreis, der aktuell um die 230.000 Einwohner hat, sind wir bei rund 120 Neuerkrankungen pro Jahr. Wir haben 2017 in unserer Klinik, die ja zertifiziertes Darmzentrum ist, 113 Patienten behandelt, bei denen Darmkrebs neu diagnostiziert wurde.

Klingt viel. Dabei gibt es doch eine Vorsorgeuntersuchung. Wird diese nicht genügend wahrgenommen?

JAEGER: Das ist ein wichtiger Punkt. Von den Anspruchsberechtigten, das sind Versicherte ab 50 Jahren, nehmen bisher nur 18 bis 20 Prozent an den Vorsorgeprogrammen teil. Diesen Anteil haben wir in Deutschland leider, trotz aller Werbung, die wir dafür machen, bisher nicht wirklich steigern können. Die Politik will jetzt ein anderes Verfahren auf den Weg bringen. Versicherte, die einen Anspruch auf diese Vorsorgeuntersuchung haben, sollen ein Einladungsschreiben erhalten, ähnlich wie es das für die Mammografie in der Brustkrebsvorsorge schon gibt. Damit werden wir hoffentlich mehr Menschen bewegen können, sich für die Koloskopie zu entscheiden.

Woran liegt es denn Ihrer Erfahrung nach, dass die Vorsorge wenig wahrgenommen wird?

JAEGER: Da sind drei Aspekte zu nennen. Zum ersten ist es die Sorge vor der Belastung durch die Darm-Reinigung. Dabei ist diese heute viel leichter zu erreichen als früher. Bei uns trinken die Patienten am Vorabend zwei Liter Flüssigkeit. Nur einer davon ist noch eine angerührte Lösung eines verordneten Mittels, der zweite Liter Flüssigkeit kann einfach nur Wasser sein. Diese Prozedur wird am Morgen vor der Untersuchung wiederholt. Dann ist der Darm zuverlässig sauber.

Man hört schon mal, das Zeug sei eklig, was man da trinken muss.

JAEGER: Wenn man den ersten Liter Flüssigkeit kühl stellt und mit ein bisschen Apfelsaft mischt, ist er geschmacklich so, dass die wenigsten Patienten es noch als Belastung empfinden, ihn zu trinken.

Der zweite Aspekt?

JAEGER: Das ist die eigentliche Untersuchung. Vielen Menschen ist sie unangenehm. Wir bieten jedem eine Schlaf- oder Schlummerspritze an, was von den allermeisten auch genutzt wird. Das ist keine Narkose, der Patient bekommt aber von der Untersuchung so gar nichts mit. Der dritte Aspekt schließlich ist die Angst vor dem Ergebnis. Da kann ich sehr gut auf die Zahlen verweisen. Seit dem Jahr 2002, also seit die Vorsorge angeboten wird, wurden fünf Millionen Untersuchungen gemacht und dadurch 200 000 Neuerkrankungen verhindert. Es handelt sich also um ein sehr, sehr wirksames Instrument der Vorsorge. Mehr noch: Wer eine Koloskopie machen lässt, hat ein 90 Prozent niedrigeres Risiko, in den nächsten zehn Jahren Darmkrebs zu bekommen.

Warum nutzen diese Vorsorgeuntersuchung dennoch so wenige? Mangelt es an Aufklärung?

JAEGER: Ja – wobei ich mittlerweile glaube, dass die Kenntnis über die Vorsorge gut angekommen ist bei den Menschen, aber die genannten drei Aspekte verhindern noch immer bei vielen, dass sie zur Anwendung kommt. Es ist eine Kopf-Entscheidung. Mir zeigt sie, dass ich etwas tun muss gegen diese drei Barrieren.

Muss der, der sich für die Vorsorge entscheidet, dafür in ein Krankenhaus?

JAEGER: Nein. Es gibt auch niedergelassene Kollegen, die es anbieten. Dass Patienten die entsprechenden Fachpraxen aufsuchen, ist sogar hier im Umkreis der häufigere Fall.

Können Sie das konkretisieren?

JAEGER: Im gesamten Bereich des Darmzentrums, zu dem ja auch niedergelassene Ärzte gehören, sind es 7000 bis 8000 Darmspiegelungen pro Jahr. Davon leistet meine Abteilung rund 2200.

Haben Sie selbst ihren Darm auch schon untersuchen lassen?

JAEGER: Ja, ich bin überzeugt von der Methode und wollte einfach wissen, was ich meinen Patienten zumute. Und ich habe festgestellt: Ich bin im Gespräch ein anderer im Gegenüber, als wenn ich es nicht gemacht hätte.

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