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Der Letzte macht das Blut weg: Tatortreiniger gewährt Blick hinter die Kulissen

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Von: Juliane Schneider

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Tatortreiniger Marcell Engel aus Bad Soden gewährt Einblicke in einen Beruf, der emotional an die Nieren geht. Auch auf TikTok ist er aktiv.

Bad Soden - Zerbrochenes Glas, alte Plastikflaschen und Kleider liegen verstreut auf dem Teppich, die verschlissene Matratze ist blutgetränkt. Blutspuren im ganzen Raum deuten auf einen Todeskampf hin. So oder ähnlich sehen Tatorte aus, die Marcell Engel mit seinem Team von „Akut SOS Clean“ seit fast drei Jahrzehnten reinigt. Bei einem „Tatort Live Event“ hat der Bad Sodener Unternehmer am Samstag drei Örtlichkeiten nachgestellt. Drei Situationen, in denen Menschen gestorben sind. Schicksale, die ihn nicht unberührt lassen.

Vor allem die Fäulnistatorte, die entstehen, wenn Leichen wochenlang unbemerkt in Wohnungen liegen. „Einsamkeit“ überschreibt er in seiner einführenden Video-Präsentation auf dem Firmengelände den Einsatz, mit dem seine Mitarbeiter gerade erst konfrontiert waren, der in eine Wohnung führt, in der schon der Duschvorhang bis zur Hälfte mit Schimmel bedeckt ist. „So möchte niemand leben und sterben.“ Der Auftritt auf der Bühne liegt Marcell Engel. Den 60 zum Teil weit angereisten Gästen, die mit einem Getränk an Biertischen in dem umfunktionierten Lagerraum sitzen, ist er kein Unbekannter. Die einen haben seinen Online-Kurs gebucht, andere seinen Podcast „Todesursache“ gehört, in dem er jeden Freitag über seine Einsätze berichtet.

„Tatort Live Event“: Tatortreiniger aus Bad Soden mit Podcast und TikTok-Account

Auch auf TikTok ist er aktiv, hat auf Instagram 146 000 Follower. 2021 erschien sein Buch „Die 7 Prinzipien des Tatortreinigers. Geschichten über Mord, Gewalt, Liebe und Hoffnung“, davor schon eins über Mobbing. Auch fachlich ist sein Rat weltweit gefragt. „Wir waren überall“, sagt er, „nur noch nicht auf dem Mond und der ISS.“ Spezialisiert sei man auch auf denkmalgeschützte Altbauten, bei denen ein kontaminierter alter Balken nicht einfach herausgerissen werden kann. Hier kommt Chemie zum Einsatz, die der Geschäftsmann gemeinsam mit einem Chemiker entwickelt hat und sogar vertreibt.

Eher zufällig kommt er vor fast 30 Jahren - gerade mal 21 Jahre jung - auf die Idee, sich in dem Bereich selbstständig zu machen. Durch die Mitarbeit im elterlichen Abschleppunternehmen war er an ein Fahrzeug gekommen, in dem sich jemand erschossen hatte. Das hatte er gereinigt und mit dem ehrlichen Hinweis auf das Tatgeschehen weiterverkauft. Nach und nach macht er die Tatortreinigung zum gut laufenden Geschäft mit Dependenzen in vielen Ländern. Doch vor allem die menschlichen Geschichten, mit denen er an Einsatzorten konfrontiert wird, lassen ihn nicht los. „Wenn die Ehefrau im Nebenraum weint, während man den Ort reinigt, in dem sich ihr Mann das Leben genommen hat.“

Marcell Engel inmitten eines authentisch nachgestellten Tatortes: Kein Anblick für zartbesaitete Menschen, zumal oft tragische Schicksale dahinter stecken.
Marcell Engel inmitten eines authentisch nachgestellten Tatortes: Kein Anblick für zartbesaitete Menschen, zumal oft tragische Schicksale dahinter stecken. © Juliane Schneider

Tatortreiniger aus Bad Soden stellt Szenen nach - Auftritt in der Batschkapp in Frankfurt

Den Tatort des Wiesbadener Arztes, der sich jüngst in Anwesenheit eines Patienten in den Kopf geschossen hatte, hat er für die Veranstaltung nachgestellt. In Schutzanzügen betreten die Gäste den gelblich, halbdunklen Raum in einem Container, schauen auf die Pritsche, die Flecken und Überreste - in diesem Falle Schafhirn - die sich im ganzen Raum verteilen. Nichts für schwache Nerven, aber wirklichkeitsnah. Besonders der letzte Tatort, in dem noch Originalutensilien des einsam Verstorbenen liegen. Ein süßlicher Geruch durchzieht den Raum. Wer den Online-Kurs gebucht hat, kann überlegen, ob er die Arbeit wirklich verkraften könnte.

Auch Ekel muss überwunden werden, wie ein Blick in den Kühlschrank zeigt, der aus einer anderen geräumten Wohnung stammt, in der schon seit Wochen der Strom abgestellt war. Doch es sind vor allem die Schicksale der Menschen, denen Engel eine Stimme verleihen will. Eifersucht, die zu Gewalt führt, Zukunftsangst, die die Anzahl der Suizide 500-fach in die Höhe schnellen lasse. „Wir merken das bei unserer Arbeit zuerst“, sagt er. Drastisch erhöht sei die Anfrage am Tag nach der Meldung gewesen, dass ein Atomkrieg nicht auszuschließen sei.

Unter dem Titel „Tatort Leben live - was wir von den Toten lernen können - lädt er am 21. Dezember in die Batschkapp ein, nächstes Jahr will er mit einem Programm auf Tour gehen. Den herzzerreißenden Abschiedsbrief eines Verzweifelten hat dessen Frau zur Veröffentlichung freigegeben: Mahnung an die Lebenden, sich rechtzeitig umeinander zu kümmern, Mahnung an die Lebensmüden, was sie ihren Angehörigen ganz real zumuten. (Juliane Schneider)

Acht »Mörderische Schwestern« entführten bei der »Ladies Crime Night« in der Stadtbibliothek in Frankfurt das Publikum in eine Welt aus Mord und Totschlag.

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