Blick ins Innenleben des Anhängers. Die Messung der Geschwindigkeit ist laserbasiert.
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Blick ins Innenleben des Anhängers. Die Messung der Geschwindigkeit ist laserbasiert.

Geschwindigkeitsmessung

Dieses Glupschauge nimmt Temposünder ins Visier

  • Andreas Schick
    VonAndreas Schick
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Stadt nutzt seit November einen Blitzer-Anhänger. Bürgermeister Blasch: Es geht nicht um Abzocke.

Neuenhain -Unangenehm riecht's, leicht muffig, ranzig. Wer dem gepanzerten Gebilde mit der schmalen Glasscheibe an der Kronthaler Straße zu nahe kommt, nimmt die üble Ausdünstung schwach wahr: Er rührt von Buttersäure, einer farblosen Flüssigkeit, die Haut und Augen schädigen kann. Doch keine Angst: Vom Blitzer-Anhänger geht keine Gefahr mehr aus. Die Stadt Bad Soden hat ihn reinigen lassen, nachdem im Herbst jemand mit krimineller Energie die Buttersäure über dem mehr als eine Tonne schweren Gefährt ausgekippt hatte. War es reiner Vandalismus? Reagierte jemand stinksauer, weil er geblitzt wurde? Das ist unklar. Niemand wird gerne erwischt, aber ein Racheakt mit Buttersäure ist deplatziert. Noch hängt der miese Geruch sachte in der Luft.

Die Stadt hat den Anhänger seit dem 11. November 2021 im Einsatz, um Temposünder zu blitzen und zu bestrafen. Er ermöglicht es, eine Straße ohne Personal für längere Zeit zu überwachen und Daten zu erfassen. Bürgermeister und Verkehrsdezernent Frank Blasch (CDU) spricht von einem "semi-stationären Messgerät", das flexibel einsetzbar sei. Unter anderem aufgrund des Fahrzeugcharakters darf die Stadt den Anhänger nicht willkürlich irgendwo abstellen. Die Polizei muss die Standorte genehmigen. So sind Messungen beispielsweise nur dort erlaubt, wo Verstöße in signifikanter Größenordnung auftreten. Die Fachabteilung "Sicherheit, Ordnung und Prävention" im Rathaus darf den Blitz-Anhänger an zehn Standorten einsetzen, prüfte aber in einer mehrmonatigen Testphase viel mehr Plätze auf ihre Tauglichkeit und rechtliche Zulässigkeit. So habe sich beispielsweise der Sodener Weg in Altenhain als ungeeigneter Standort erwiesen.

Als Anja Mendez Sanchez von der Ordnungspolizei die Klappe öffnet, wird das Innenleben sichtbar: Die Kamera mit Blitzvorrichtung, Kabel und Module werden sichtbar. Es ist möglich, die Messanlage ohne Anhänger einzusetzen. Die Kamera lässt sich herausnehmen. Der Magistrat hat das Personal schulen lassen, damit es die Anlage bedienen und Messdaten auswerten kann. Seit dem 11. November zählte sie rund 81 000 Fahrzeuge, die das Gerät in 530 Stunden und an verschiedenen Standorten erfasste. 447 Mal haben Autofahrer die erlaubte Höchstgeschwindigkeit überschritten. Spitzenreiter war jemand mit Tempo 91, wo 50 erlaubt war. Beim Probelauf in der Kronthaler Straße waren 97 Prozent der Fahrzeuge schneller als zulässig (Tempo 30). 97 Prozent? Richtig. 15 Prozent der Autos hatten 53 oder mehr auf dem Tacho. Das hat die Stadt veranlasst, dort näher hinzuschauen, weil der Standort nahe der Neuenhainer Feuerwehr und Teil des Schulwegs sei.

Will die Stadt mit ihrer Blitzerei Geld verdienen und Leute abzocken, die für das Autofahren ohnehin steuerlich belastet sind? Frank Blasch verneint. "Mir wäre am liebsten, wir würden keinen Euro einnehmen", versichert der Rathauschef bei der gestrigen Ortsbesichtigung in der Kronthaler Straße. Sicherheit im Straßenverkehr stehe für ihn und die Stadt im Vordergrund. Deswegen habe die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, ein solches mobiles Blitzgerät anzuschaffen. Blasch betont, es sei zunächst gemietet. Entscheidet sich die Stadt, es nach sechs Monaten Laufzeit anzuschaffen, so werde die Leasing-Summe auf den Kaufpreis von 200 000 Euro angerechnet. Die Kamera, die Bad Soden bisher für Kontrollen einsetzte, hätte ohnehin ausgetauscht werden müssen. Das allein wäre in die Zehntausende gegangen.

Was spülte der neue Blitzer bisher in die Kasse? 18 000 Euro wurden nach Angaben des Bürgermeisters seit November fällig. Allerdings darf Bad Soden sich nicht über die komplette Summe freuen. Geldbußen über 55 Euro verhänge das Regierungspräsidium Kassel als zuständige Bußgeldstelle, erläutern Frank Blasch und Abteilungsleiterin Anett Putbrese. Von den Einnahmen erhalte die Stadt einen prozentualen Anteil, den die beiden nicht näher beziffern. Verwarnungsgelder bis 55 Euro wandern in die Stadtkasse. Das klingt nicht danach, als könnte die klamme Stadt ihre angespannte Finanzlage spürbar verbessern. So oder so lautet die Bitte: Fuß vom Gas!

Bürgermeister Frank Blasch (links) blickt im Beisein von Fachbereichsleiter Michael Serba zum massiv gebauten Blitzer-Anhänger, der in der Kronthaler Straße in Neuenhain steht.

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