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Ehrung für eine, die in Bad Soden tief verwurzelt ist

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Von: Brigitte Kramer

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Dietmut Thilenius am Champagnerbrunnen: Die Quelle ist in ihrer mineralischen Zusammensetzung der Körperflüssigkeit ähnlich und kann bei Beschwerden angewendet werden.
Dietmut Thilenius am Champagnerbrunnen: Die Quelle ist in ihrer mineralischen Zusammensetzung der Körperflüssigkeit ähnlich und kann bei Beschwerden angewendet werden. © kramer

Dietmut Thilenius erhält die höchste Auszeichnung der Stadt.

Bad Soden -Dietmut Thilenius wartet für das vereinbarte Gespräch an der Ecke vor ihrem Wohnhaus. Sie möchte noch eben zum Champagnerbrunnen im Wilhelmspark gehen, sagt die Ärztin, dort wolle sie der Reporterin etwas zeigen.

An Ort und Stelle weist sie auf die Tafel an der Quelle XIX a hin und kritisiert, dass die Informationen für die Besucher an dem frei zugänglichen Champagnerbrunnen "alle falsch" seien. Dass etwa das Quellwasser für Kleinkinder, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, Schwangere und Stillende nicht geeignet sei, stimme einfach nicht. Im Gegenteil: Aufgrund der Vielzahl der Mineralstoffe, die in ihrer Zusammensetzung der Körperflüssigkeit auffallend ähnlich sind, zähle die Heilquelle 19 a zu einer der vielseitigsten in der Stadt.

Die Internistin Dietmut Thilenius, die bis 1996 in Bad Soden ihre Praxis geführt hat, beruft sich auf ihre über Jahrzehnte gesammelten medizinischen Erfahrungen, die sie in der Broschüre "Die Heilquellen in Bad Soden am Taunus" im August 2014 veröffentlicht hat. Dass fehlerhafte Informationen noch heute auf den städtischen Tafeln an den jeweiligen Heilquellen stehen, beklagt sie. Dagegen habe sie bisher nichts ausrichten können. Das bedauere sie sehr.

Am Donnerstag wird der Urenkelin des ersten von der Nassauischen Regierung im Jahr 1842 bestellten Kurarztes in Bad Soden, Dr. Otto Thilenius, die Ehrenbürgerschaft verliehen. Die höchste Auszeichnung, die die Stadt Bad Soden zu vergeben hat. Alle fünf Fraktionen im Stadtparlament haben der Ehrung zugestimmt. Das Engagement der Medizinerin für den Erhalt und die Pflege der Sodener Heilquellen ist einer der Gründe.

Kampf gegen Querverriegelung

Als sie von der Auszeichnung erfuhr, verrät Dietmut Thilenius, habe sie sich spontan gefragt: "Wie komme ich dazu?" Dann habe sie die Jahre in ihrer Heimatstadt Revue passieren lassen und ihr sei bewusst geworden, "wie sehr ich in Bad Soden verwurzelt bin". Insofern habe sie das verstanden.

Der "Maritim-Überfall 1972" zählt zu den herausfordernsten Aktionen der engagierten Sodenerin. Buchstäblich überrumpelt wurden die Sodener Bürger von der städtischen Leitung damals mit der Nachricht, schildert Dietmut Thilenius, dass der Bau eines neuen, modernen Hotels am Alten Kurpark unmittelbar bevorstehe. 150 Meter breit und 50 Meter hoch - höher als der Kirchturm der evangelischen Kirche in Neuenhain - sollte das Maritim-Hotel anstelle des alten Kurhauses errichtet werden.

"Gegen diese Querverriegelung der Luftzufuhr vom Taunus in die Innenstadt", erinnert sich die damals 41-Jährige, "initiierte ich mit zwei Frauen und drei Männern einen Bürgeraufstand." Die Ärztin sammelte Unterschriften und der Sodener Geologe Professor Förstner fertigte ein Modell des Hotelkomplexes, das in der Trinkhalle ausgestellt wurde.

Der Zulauf der Sodener Bürger sei überwältigend gewesen. Passend zum ersten Spatenstich am 1. August 1972 erschien dann ihr Leserbrief in der "Bad Sodener Zeitung" mit den Worten, "da beginnen die Totengräber ihre Arbeit".

Gegen das Vergessen

Der Bürgeraufstand gelang. Das Normenkontrollverfahren gegen die Stadt beim Verwaltungsgerichtshof in Kassel war erfolgreich und das Maritim wurde nicht in den überdimensionalen Ausmaßen gebaut. Heute steht dort das H+-Hotel. "Das habe ich mit Temperament geleitet", sagt Dietmut Thilenius schmunzelnd. Und es sei richtig gewesen, sonst stünde dort dieser Hochbau, der nicht nur die Frischluftzufuhr vom Taunus, sondern auch die Optik in der Stadt beeinträchtigt hätte.

"Die Judenverfolgung hat mich mitgenommen", blickt Dietmut Thilenius zurück, "und dass meine Mutter so in Panik geriet". An jenem 10. November 1938 sei sie auf ihrem Heimweg von der Schule durch Soden gegangen. Die Bilder von der unmenschlichen Vertreibung der alten und kranken Patienten aus der Kuranstalt in der Talstraße, die verwüsteten jüdischen Häuser, die Zerstörung der Synagoge - diese Bilder haben sich der damals Siebenjährigen eingeprägt. Dietmut Thilenius wird weiter dafür kämpfen, um diese grauenhaften Erinnerungen in der Gesellschaft lebendig zu erhalten.

So ist sie Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine in Bad Soden, hat über Jahre Führungen über den jüdischen Friedhof in Bad Soden organisiert, berichtet in Schulen über die schreckliche Zeit des Naziregimes und engagiert sich im Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im Main-Taunus-Kreis.

Als Dietmut Thilenius im Jahr 1996 nach 30 Jahren als Internistin ihre Praxis an einen Internisten in Soden übergab, legte sie ihre Hände nicht in den Schoß. Sie pflegte ihre kranke Mutter und engagierte sich zudem in der Straßenambulanz in Frankfurt. Die Arbeit mit den Obdachlosen, die eindrücklichen Begegnungen mit diesen Menschen, sagt sie, "haben mir gut gefallen". Als sie selbst schwerhörig geworden war, kümmerte sie sich darum, dass in öffentlichen Gebäuden Hörschleifen eingerichtet wurden. "Alle Kirchen in Bad Soden", berichtet Dietmut Thilenius stolz, "haben heute Hörschleifen."

Informationen überarbeiten

Nach diesem reichen Leben könnte sich Dietmut Thilenius eigentlich zufrieden zurücklehnen. Doch das lässt ihr kritischer Geist nicht zu. Noch einmal kommt sie auf die Sodener Heilquellen zu sprechen, "die einfach gut tun". Dass die Informationen an den Tafeln von einem Apotheker stammen und die Verantwortung für die Pflege der Heilquellen beim städtischen Tiefbauamt liegt, lassen der 90-Jährigen keine Ruhe. Damit eine Beschreibung der Sodener Heilquellen der heutigen Zeit gerecht werde, fordert sie, müsse die gegenwärtige Darstellung überarbeitet und auf den wissenschaftlichen Stand von 2014 gebracht werden.

Die Broschüre "Die Heilquellen in Bad Soden am Taunus" - Ärztliche Erfahrungen von Dr. med. Dietmut Thilenius ist übrigens im Buchhandel erhältlich.

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