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Christian Nickel verkörperte Tschaikowsky, Sona MacDonald verlieh der Brieffreundin Nadeshda von Meck ihre Stimme. Boris Bloch (nicht zu sehen) spielte am Klavier.

Aufführung

Eine düster-schmerzvolle Tonart beschreibt beim „Salonkonzert“

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Ihre Freundschaft zelebrierten Nadeshda von Meck und Peter Tschaikowsky ausschließlich in Briefen. Der Dialog auf Distanz war bei den „13. Mendelssohn-Tagen der Musik“ ausschnittweise zu erleben – eine Uraufführung!

Es ist schön formuliert, aber erkennbar nicht aus unserer Gegenwart: „Es ist überflüssig, Ihnen zu sagen, wie begeistert ich von Ihrer Komposition bin, da Sie wohl anderes Lob gewohnt sind und die Verehrung eines auf dem Gebiete der Musik so unbedeutenden Wesens wie ich Ihnen nur lächerlich vorkommen könnte.“ Für heutige Ohren klingt diese „Fanpost“ reichlich geschraubt in seiner wohlkalkulierten Mischung aus Emphase und Demut.

Kurz vor Weihnachten 1876 traf das Schreiben der 45 Jahre alten russischen Unternehmerwitwe Nadeshda von Meck beim Adressaten jedoch auf offene Ohren und ein empfängliches Gemüt. Über 14 Jahre hinweg schrieben sich seitdem eine der reichsten Frauen des Zarenreiches und der Komponist Peter Tschaikowsky regelmäßig – mehr als 1200 sehr persönliche Schreiben sind erhalten.

Den Verlauf und das Wesen dieser sehr speziellen Freundschaft zeichneten ausgewählte Briefe nach, die Ksenia Fischer und Silvia Adler zu einer literarisch-musikalischen Soiree der „13. Mendelssohn-Tage der Musik“ in Bad Soden fügten. Dafür hatten sie die Schriftstücke gesichtet und einfühlsam neu übersetzt. Die Schauspieler Sona MacDonald und Christian Nickel schlüpften am Samstagabend im „H+ Hotel“ nicht minder einfühlend in die Rollen der Autoren.

Als „ungewöhnlich“ charakterisierte die Initiatorin schon anfangs den beiderseitigen Kontakt. Beide mieden die direkte Begegnung. Der Dialog spielte sich ausschließlich schriftlich ab. Die Freundschaft sei ihr zwar „abstrakt“, gleichwohl „teuer“, das „beste und höchste aller Gefühle“, äußerte sich die 18-fache Mutter, die gesellschaftlich zurückgezogen lebte, jedoch in ein umfangreiches familiäres Umfeld eingebettet war.

Für Tschaikowsky wuchs sie mehr und mehr in die Rolle einer intimen Vertrauten und Geldgeberin, die ihm sogar eine jährliche Rente überwies. Sie weihte er in seine innersten Gefühle ein, als er im „Krisenjahr“ 1877 „unerwünschterweise Bräutigam“ wurde. Ebenfalls per Brief wandte sich eine junge Dame namens Antonina Iwanowna Miljukowa an ihn: Sie behauptete, ihn am Konservatorium getroffen zu haben, und drohte später mit Ableben von eigener Hand, falls er nicht gesonnen sei, mit ihr in den Ehestand zu treten. Er teilte ihr mit, dass er sie nicht liebe; er schilderte seinen unsteten, von depressiven Stimmungen durchzogenen Charakter und seine prekäre Finanzlage. Er fand sich dennoch vor dem Traualtar wieder.

Die Ehe verlief deprimierend. Seelisch befand sich Tschaikowsky auf einem Tiefstand. Seine Briefe verraten das auf höchst anrührende, keinesfalls komische Weise. Dabei war er zu dieser Zeit wirklich verliebt: in Iosif Kotek, dessen Name nicht fiel. Wie sehr der Komponist darunter litt, seine Homosexualität verschweigen zu müssen, seine Liebesbeziehung nur im Verborgenen leben zu können, und in ständiger Angst, entdeckt zu werden, hinterließ deutliche Spuren im Werk. Besonders die vierte Sinfonie in der düster schmerzvollen Tonart f-moll, deren Entstehen die Widmungsträgerin Meck begleitet, gewinnt die Qualität eines Psychogramms. Das kam etwas kurz. Gerafft das Ende, wie die einst hochemotionale Beziehung immer mehr ins Leere läuft.

Die seelische Komponente verdeutlichten die ausgewählten Klavierstücke, die Pianist Boris Bloch am hart tönenden Flügel vortrug. Den Charakter der Schicksalsfanfare der vierten Sinfonie sowie der voluminösen „Dumka“ traf er präzise, aber auch die Verschattungen des „Schneeglöckchens“ und der „Chanson triste“. Wort und Ton kommentierten einander aufschlussreich. Nach der Uraufführung in Bad Soden geht das Stück noch nach Darmstadt und anschließend nach Wien und ist dort im Spielplan verankert.

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