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Er möchte den Blick für behinderte Menschen schärfen

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Von: Esther Fuchs

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Kleinere und größere Defizite: "Mit ein wenig Umsicht kann man schnell helfen", sagt Rollstuhlfahrer Gerd Taron.

Bad Soden -Sein fahrbarer Untersatz schafft fünf Geschwindigkeitsstufen und nimmt es mit den Steigungen an der Königsteiner Straße auf. Die Akkuladebatterie des elektrisch betriebenen Rollstuhls von Gerd Taron schafft Distanzen im Umkreis von 60 Kilometern. Dennoch: In solch einem Gerät spazieren oder einkaufen zu fahren, ist kein Kinderspiel. Das hat Gerd Taron festgestellt und lud diese Zeitung auf eine Spazierfahrt mit dem Rollstuhl durch Bad Soden ein.

Dort lebt Gerd Taron, seitdem er gehbehindert ist. Er saß nicht immer im Rollstuhl. Das Schicksal wollte es so, dass er am 9. November 2018 aus heiterem Himmel ein Hirnschädeltrauma erlitt. Taron war als Autor, Lyriker und Besitzer eines Antiquariats in Kelkheim-Fischbach verwurzelt. Er fiel zwei Monate ins Wachkoma. Am 24. Juni 2019 musste er in die Taunus Residenzen, Bad Soden umziehen. Seit ein paar Tagen hat der 63-Jährige seinen elektrisch betriebenen Rollstuhl und nahm auf einer seiner ersten Rolli-Touren die Reporterin mit. Im Großen und Ganzen könne er nicht meckern. "Bad Soden lässt sich gut mit dem Rollstuhl erkunden", sagt Taron und unterstreicht: "Die Hilfe der Mitmenschen ist da."

Treppen verwehren ihm den Zutritt

Dennoch gibt es kleine und größere Defizite, die meist einfach und kostengünstig behoben werden könnten. Gerd Taron möchte den Blick für Behinderte schärfen. Denn zuweilen fehle den Menschen die Weitsicht. Das weiß Gerd Taron selbst noch aus seiner Zeit, als er noch zu Fuß unterwegs war. "Mit ein wenig Umsicht kann man schnell helfen", hat er nun festgestellt, nachdem verzwickte Situationen ihn in Bredouille brachten.

Einige Beispiele: Da ist einmal ein Loch im Teer oder es fehlt ein Stein im Pflaster und das Rad des Rollstuhls verhakt. Was tun, wenn der Bürgersteig von einem Auto oder Lieferwagen zugeparkt und besetzt wird?

Da kann jeder drauf achten und Abhilfe schaffen, findet der 63-Jährige. "Es gibt Dinge an die die Leute einfach nicht denken", meint der Rentner und verweist auf zwei Treppenzugänge die ihm den Zutritt zur Apotheke Königsteiner Straße 51 verwehren. Hier könnte eine Seite des Aufgangs einfach mit einer Rampe bedeckt werden, so Gerd Tarons Idee.

In der Alleestraße Haus Nummer 10 haben sich zwei Ladenbesitzer Gedanken gemacht. Gerd Taron kann hier beschwerdefrei einfahren. Haushaltswaren Napp und Buchhändler Boris Riege haben eine Doppelflügeltür am Eingang offenstehen. Bequem schafft der Rollstuhlfahrer den Zuweg und befährt die Wege an den Auslagen.

Buchhändlerin Jula Eckardt weiß um Gerd Tarons Schicksal. Im Geschäft plaudert sie oft mit ihm. Und Michael Napp erklärt, dass es ihm wichtig ist, "dass Kinderwagen, Buggy und Rollstuhl sich hier gut im Laden zurechtfinden."

Schwierigkeiten gibt es einige Häuser weiter beim Metzger, Fotoladen und der Textilreinigung. Dort sind es wieder einmal zwei Stufen, die den Einkauf behindern. Auch hier empfiehlt Gerd Taron eine kleine Rampe. Den Radweg entlang Am Quellenpark nutze er als Rollstuhlfahrer gerne und lobt die Stadt: "Ich kann problemlos hier durch. Es gibt keine Stolperfallen. Alles ist glatt geteert."

Anregungen bereits umgesetzt

Das Kopfsteinpflaster am Platz Rueil Malmaison mache ihm hingegen manchmal zu schaffen. Hilfe naht am Konfiserieladen Schoko-Kasper. Die Mitarbeiter sind hilfsbereit und kommen auch aus dem Laden, wenn Hilfe benötigt wird, weiß Gerd Taron. Eine Sodenerin, die zufällig als Teilzeitassistentin Kinder mit Handicap betreut, läuft vorbei und bleibt kurz stehen. "Eine sinnvolle Sache!", lobt sie die Initiative des Rollstuhlfahrers.

Über die Ampelanlage an der Kreuzung Königsteiner Straße/ Kronberger Straße führt der Weg zurück zu den Taunus Residenzen. Nicht ohne einen kleinen Flirt mit den Inhaberinnen der Damenboutique Kronberger Straße 2. Sandra und Vanessa Berries kommen zur Tür heraus, wenn Herr Taron vorbeifährt.

Die Frauen haben seine Anregungen bereits in die Tat umgesetzt. Im Eingangsbereich sind Hindernisse entfernt. Kleiderständer wurden so arrangiert, dass Menschen mit und ohne Gehbehinderung die Kleidungsstücke bequem anfassen und anschauen können. Kabinen und Sitzmöglichkeiten sind breit und behindertengerecht.

"Das ist toll, dass Sie das so machen. So etwas würde ich mir auch für Herrenmode wünschen", sagt Gerd Taron und hofft, dass seine Spazierfahrt andere Menschen dazu motiviert, auch mal mit den Augen eines Rollifahrers durch die Welt zu "gehen".

Freundlicher Gruß von Michael Napp (Haushaltswaren Napp).
Freundlicher Gruß von Michael Napp (Haushaltswaren Napp). © Esther Fuchs
Hier ist der Eingang der Apotheke, Königsteiner Straße 51, zu sehen. Eine Treppenseite könnte mit einer Rampe belegt werden.
Hier ist der Eingang der Apotheke, Königsteiner Straße 51, zu sehen. Eine Treppenseite könnte mit einer Rampe belegt werden. © Esther Fuchs

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