Die Bad Sodenerin Marlehn Thieme steht seit zwei Jahren an der Spitze des ZDF-Fernsehrates.
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Die Bad Sodenerin Marlehn Thieme steht seit zwei Jahren an der Spitze des ZDF-Fernsehrates.

Vorsitzende des ZDF-Gremiums

Der Fernsehrat ist weiblicher geworden

Die ZDF-Fernsehratsvorsitzende Marlehn Thieme (60) steht seit zwei Jahren an der Spitze des Aufsichtsgremiums, das vor allem für die Programmkontrolle zuständig ist. Seitdem gilt ein neuer Staatsvertrag für das ZDF, der weniger Staatsvertreter in den Gremien vorsieht. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) äußert sich Thieme zu der Schweizer No-Billag-Abstimmung, zur neuen Zusammensetzung des ZDF-Fernsehrats und zum Spardruck bei den öffentlich-rechtlichen Sendern.

Frau Thieme, in der Schweiz hat sich am 4. März eine deutliche Mehrheit, 72 Prozent, für die Beibehaltung der Rundfunkgebühr und damit des öffentlich-rechtlichen Systems ausgesprochen. Wie haben Sie als Vorsitzende des ZDF-Fernsehrats dieses Abstimmungsergebnis aufgenommen?

MARLEHN THIEME: Das war ein großes Bekenntnis der Schweizer zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Ausstrahlung diese Ergebnisses auf ganz Europa sollte man nicht unterschätzen: Es gibt eine Stimmung wieder, die wir seit einiger Zeit mit steigender Tendenz auch in Deutschland spüren. Es wird deutlich, dass die Menschen doch Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben – ganz egal, was in der digitalen Welt und was in den privaten Medien passiert. Das sollte man sehr ernst nehmen, auch in der Debatte um die Strukturen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

In den sozialen Netzwerken indes sind Vorwürfe bezüglich Nachrichtenauswahl und Themensetzungen bei ARD und ZDF an der Tagesordnung.

THIEME: Solchen Vorwürfen muss man nachgehen, und das tut der Fernsehrat. In der letzten Sitzung haben wir darüber gesprochen, ob der AfD im ZDF eine Plattform geboten wurde, die ihren Aufstieg befördert hat. Dabei hat sich gezeigt, dass an diesem Verdacht wenig Konkretes ist. Auch eine neu im politischen Feld vertretene Partei muss angemessen im Programm vorkommen, selbst wenn sie noch nicht im Bundestag vertreten ist.

In der Schweiz ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen sehr viel staatsferner organisiert als in Deutschland. Die SRG ist ein Verein, dem jeder beitreten kann. Wäre es für das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hilfreich, wenn man die Aufsichtsgremien stärker für das Publikum öffnen würde?

THIEME: Die Sitzungen des Fernsehrates sind öffentlich, jeder kann sie verfolgen. Und diese Möglichkeit nehmen Menschen auch wahr, da gibt es eine kleine, interessierte Community. Aber sicher können wir mit Zuschauern noch stärker in Dialog treten. Zum Beispiel habe ich kürzlich einen Twitter-Account zur Kontaktaufnahme eingerichtet. Für einen weitergehenden Zuschauerrat erkenne ich aber derzeit keine Nachfrage. Zudem ist in den Gremien des ZDF die Staatsferne inzwischen deutlich ausgeprägter: Zwei Drittel der Mitglieder im Fernsehrat wie auch im Verwaltungsrat sind Vertreter der Gesellschaft. Maximal ein Drittel der Plätze ist für staatliche Vertreter vorgesehen. Und insgesamt ist der Fernsehrat durch Vertreter weiterer gesellschaftlicher Gruppen deutlich jünger, weiblicher und bunter geworden. Das trägt auch zu einer anderen Debatte bei.

Bereits seit 2004 vertreten Sie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im ZDF-Fernsehrat. Welche Rolle kommt den Kirchen-Vertretern bei der Senderaufsicht zu?

THIEME: Das kann man nicht pauschal beantworten, jeder Kirchenvertreter wählt sich da eigene Schwerpunkte. Ich persönlich habe mich immer für die ZDF-Präsenz in den Neuen Medien starkgemacht. Zugleich ist es mir ein Anliegen, dass das Programm für junge Menschen attraktiv ist. Und was mir aus meiner spezifisch kirchlichen Sicht wichtig ist: Ethische Debatten müssen einen Platz haben, wie es bei „37 Grad“ der Fall ist.

Sie haben die Staatsferne des Fernsehrates betont. Aber ist es nicht eine Mogelpackung, wenn Interessenverbände Ex-Politiker entsenden wie kürzlich die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) Steffen Kampeter von der CDU? Das war unmittelbar nach Ablauf der Karenzzeit, 18 Monate nach dessen Ausscheiden als Staatssekretär beim Bundesfinanzministerium?

THIEME: Zunächst einmal kommt es auf Staatsferne an, die durchaus nicht mit Politikferne gleichzusetzen ist. Der Platz, den Herr Kampeter einnimmt, ist der, den schon früher ein BDA-Hauptgeschäftsführer ausgefüllt hat. Die Entscheidung liegt allein bei der entsendenden Organisation.

Im ZDF-Verwaltungsrat ist Martin Stadelmaier, ehemaliger Staatsekretär für die SPD in Rheinland-Pfalz, formal ein staatsfernes Mitglied, gewählt vom Fernsehrat. Wie lässt sich das nach außen vermitteln?

THIEME: Herr Stadelmeier ist sicherlich aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen vom Fernsehrat gewählt worden, und wenn man auf den gesamten Verwaltungsrat blickt, sieht man, wie divers die Zusammensetzung ist. Da muss man sich nicht an einzelnen Persönlichkeiten festhalten. Die Frage ist doch, ob in den Gremien direkter staatlicher Einfluss möglich ist. Ich glaube, da sind alle Gremienmitglieder mit dem neuen Staatsvertrag sehr viel autonomer geworden.

In Deutschland wird seit fast zwei Jahren über eine Strukturreform bei ARD und ZDF diskutiert. Ihre Kollegin, Dagmar Gräfin Kerssenbrock vom NDR-Verwaltungsrat, hat der Finanzkommission KEF mangelnde Staatsferne und einen Angriff auf die Programmautonomie vorgeworfen. Der KEF-Vorsitzende Heinz Fischer-Heidlberger hat das scharf zurückgewiesen: Wer sich in den Gremien so äußere, verstehe seine Aufgabe nicht.

THIEME: Gräfin Kerssenbrock ist Verwaltungsratsvorsitzende beim NDR, daher nicht meine direkte Kollegin. In der Debatte geht es ja um Finanzfragen, die zunächst der Verantwortung der Verwaltungsräte unterliegen.

Aber der ZDF-Fernsehrat hat eine Position.

THIEME: Natürlich! Wir haben im vergangenen September sehr deutlich gemacht, dass wir Programmeinschnitte im Zuge von Strukturreformen nicht für richtig halten. Und ich kann mir vorstellen, dass das auch jetzt vielleicht noch einmal deutlich gemacht werden muss.

Wo kann das ZDF noch sparen?

THIEME: Ich denke, dass wir gut daran tun, jetzt, wo öffentlich-rechtlicher Rundfunk in einer digitalisierten Welt vorkommen und auffindbar sein muss, nicht finanziell Daumenschrauben anzulegen. Auf der anderen Seite bin ich für jede Effizienzsteigerung zu haben, wenn darunter das Programm und die Vielfalt des Angebots nicht leiden.

Wie schauen Sie Fernsehen, herkömmlich linear?

THIEME: Wenn man ehrenamtlich für Kirche, Bundesregierung und ZDF engagiert ist, schaut man allein aus Zeitgründen selten linear, Die „heute“-Sendung um 19 Uhr oder das „heute journal“ um 21.45 Uhr schaffe ich kaum, aber 22.30 Uhr oder 23 Uhr, da gehe ich dann ins Netz. Ich gehöre zu den Hardcore-Nutzern der Mediatheken. Filme schaue ich besonders gerne, wenn ich auf dem Fitnessrad sitze.

Wovon wünschen Sie sich mehr im Programm?

THIEME: Existenzielle Themen wie Pflege, Armut und Sterben in Würde müssten aus meiner Sicht vielfältiger beleuchtet werden, da muss immer nach neuen Ansätzen gesucht werden. Als „ML Mona Lisa“ abgeschafft wurde, konnte der Fernsehrat das nachvollziehen. Aber die Themen – wie die Stellung der Frau und der Zusammenhalt in der Gesellschaft – müssen vorkommen, in allen Formaten. Das wird sich der Fernsehrat ein Jahr nach dem Aus für die Sendung nach dem Sommer genauer anschauen.

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