Dietmut Thilenius - hier am Solbrunnen Sodenia - ist so etwas wie das Gewissen der Stadt.
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Dietmut Thilenius - hier am Solbrunnen Sodenia - ist so etwas wie das Gewissen der Stadt.

Jubiläum

Für ihre Interessen hat sie stets gekämpft

  • VonBrigitte Kramer
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Sie blickt auf ein reiches Leben zurück: Dietmut Thilenius feiert ihren 90. Geburtstag.

Bad Soden -"Es geht mir gut", sagt Dietmut Thilenius mit strahlenden Augen, als sie der Reporterin des Höchster Kreisblattes ihre Wohnungstür öffnet. Vor wenigen Tagen haben wir uns für ein Gespräch verabredet. Heute, Mittwoch, 4. August, feiert die Bad Sodener Ärztin ihren 90. Geburtstag. Sie spielt nach eigenen Worten nach wie vor in einem "Sodener Senioren-Doppel" Tennis und ist in der Stadt auf dem Fahrrad unterwegs.

Es ist reich dieses Leben, auf das die kluge und temperamentvolle Frau zurückblicken kann. Auf sechs DIN A 4-Blättern hat sie ihre Lebensjahre handschriftlich festgehalten. Doch kann das Papier nicht wiedergeben, was sie geleistet, wofür sie sich eingesetzt und weshalb sie oft Gegenwind erfahren hat.

Brutale Gewalt der Nazis erlebt

Dem jüdischen Leben in Bad Soden ist Dietmut Thilenius seit Jahrzehnten auf der Spur. Die brutale Gewalt der Sodener Nationalsozialisten, die sie als sieben Jahre junge Schülerin mit ansehen musste, als die Kranken barfuß und im Nachthemd aus der jüdischen Kuranstalt auf die Straße getrieben und abtransportiert wurden. Als die Synagoge brannte, die jüdischen Häuser verwüstet und geplündert wurden: "Das war schlimmste menschliche Entartung." Bilder, die sie ihr Leben lang nicht loslassen. Im Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im Main-Taunus-Kreis engagiert sich die Sodenerin seit über 30 Jahren.

Sie berichtet in Schulen über ihre schrecklichen Erinnerungen an die Zeit des Dritten Reiches und hat sich in Bad Soden für die Verlegung von Stolpersteinen stark gemacht. Der nächste Stolperstein, verkündet sie, werde Anfang September für die Jüdin Mina Kraft in Neuenhain verlegt. Auch der Zustand des jüdischen Friedhofs liegt ihr am Herzen. Jahrelang hat die Ärztin Führungen über den Friedhof am Ortsausgang organisiert und viel von ihrem Wissen weitergegeben.

Wenn Dietmut Thilenius von ihrem "Bürgeraufstand" berichtet, den sie 1972 gegen den Bau des Hotels Maritim am Standort des alten Kurhauses initiiert hat, spricht sie wie über einen "Bubenstreich". Dass es dem Team aus Geologen, Juristen und Wirtschaftsleuten gelungen war, die Stadtväter in Bedrängnis zu bringen, so dass das Hotel am Ende nur in abgespeckter Form gebaut werden durfte, darüber schmunzelt sie noch heute. Höher als der Neuenhainer Kirchturm sollte das geplante Maritim werden und 150 Meter breit, schildert sie. 3049 Unterschriften hatten sie als Gegner des Großprojektes gesammelt, ein Normenkontrollverfahren gegen die Stadt beim Verwaltungsgerichtshof in Kassel angestrengt und eine Bürgerversammlung in der Trinkhalle organisiert, "die rappelvoll war".

Wirkung der Sodener Heilquellen

Dass sie als Frau für ihre Interessen kämpfen müsse, hat Thilenius früh erfahren. Mit 18 Jahren fragte sie ihren Vater Otto Thilenius kurz vor dessen Tod, ob sie Medizin studieren dürfe. Ein rigoroses "Nein" hielt er ihr entgegen. Und dass, obwohl ihr Urgroßvater, Johann Otto Thilenius, von der Nassauischen Regierung als erster Badearzt in Bad Soden bestellt wurde und die männlichen Familienmitglieder überwiegend Ärzte wurden. Die Frauen durften keine Medizin studieren.

Doch Dietmut Thilenius machte bei den Ursulinen in Königstein ihr Abitur, studierte Medizin an der Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt und war mit 24 Jahren fertig. "Daran schlossen sich zehn Wanderjahre, bis ich mich 1966 als Internistin und Teilröntgenologin in Bad Soden niedergelassen habe." 1996 gab sie ihre Praxis auf, weil sie ihrer pflegebedürftigen Mutter beistehen wollte. "Sie hat mich unterstützt, auch wenn ihr nicht alles gefallen hat, was ich gemacht habe", verrät Thilenius, "sie war wunderbar".

Ein großes Thema sind für die Medizinerin nach wie vor die Heilquellen in der Kurstadt. Während ihrer Zeit als Assistenzärztin 1960/61 an der Universität in Chicago lernte Thilenius viel über den Mineralhaushalt im menschlichen Körper und wie er durch Infusionen wieder ausgeglichen werden kann, wenn er gestört ist. In ihrer Heimatstadt stellte sie dann fest, dass die Sodener Quellen alle diese Mineralien bereits enthalten, die bei Infusionen beigemischt werden. Sie war begeistert. Die Ärztin versuchte aufzuklären. Sie gab Informationen über Zusammensetzung und Wirkung der Sodener Heilquellen heraus und ließ ihre ärztlichen Erfahrungen einfließen. Doch die Kommunikation mit der Stadt sei nicht optimal gelaufen, bedauert sie. Im August 2014 hat Dietmut Thilenius all ihr Wissen um die Heilquellen in einer Broschüre herausgebracht. Unterstützt von der Journalistin Helga Fredershausen und der Fotografin Monika Mörler ist auf 80 Seiten eine interessante Publikation entstanden, die in der Buchhandlung Riege, Alleestraße 10, erhältlich ist.

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