+
Max Isserlins Enkelkinder Ora Goldschmidt (links) und Jonathan Isserlin enthüllen das Straßenschild. Sie waren wie weitere Mitglieder der Familie aus Tel Aviv und Ottawa sowie England angereist.

Dr.-Max-Isserlin-Straße eingeweiht

Gedenken an einen Humanisten

  • schließen

Zum Gedenken an den Sodener Badearztes und langjährigen Leiters der Israelitischen Kuranstalt, Dr. Max Isserlin, wurde die Straße „Am Thermalbad“ umbenannt. Zur Feier auf der Terrasse des Medico Palais waren auch gut 20 Mitglieder der Familie Isserlin-Baum aus dem Ausland angereist.

Es war ein bewegender Moment, als Ora Goldschmidt und Jonathan Isserlin das Namensschild ihres Großvaters an der Straße gegenüber dem Medico Palais enthüllten. „Dr.-Max-Isserlin-Straße“ wird die bisherige Verbindung „Am Thermalbad“ von der Wald-/ Parkstraße zur Kronberger Straße von jetzt ab heißen. Noch ist es eine Baustelle, nachdem das Thermalsolebad abgerissen wurde und an dem Standort zurzeit Eigentumswohnungen errichtet werden. Doch in wenigen Wochen wird das neue Straßenschild zur Geltung kommen. Und damit ein deutliches Signal, dass die Menschen in der Stadt mit der Umbenennung und in Anerkennung des Sodener Badearztes und langjährigen Leiters der Israelitischen Kuranstalt Dr. Max Isserlin gesetzt haben. Von 1900 bis zu ihrer Vertreibung durch die Nationalsozialisten am 10. November 1938 lebten Max Isserlin und seine Frau Regina als geschätzte und engagierte Bürger in der Kurstadt. Ihren beiden Kindern Bruno und Ruth hatten sie schon 1933 beziehungsweise 1936 die Flucht nach England ermöglicht. Max Isserlin war einer der Ärzte, der 1912 in den Bau des damaligen Burgberg-Inhalatoriums, das heutige Medico Palais, investierte. So war der Ort, an dem die Namens-Zeremonie stattfand – auf der Terrasse des Medico Palais – bewusst gewählt.

Eine bunte Menschenschar hatte sich eingefunden. Rund 90 Personen. Leute aus Bad Soden und darüber hinaus, Vertreter der Stadtverwaltung, Kommunalpolitiker, Pfarrer, Mitglieder der AG Stolpersteine. Nahe und ferne Verwandte der Isserlin-Familie waren aus Kanada, Israel und England angereist. In dieser Mischung, verriet Brunos Sohn Jonathan aus Ottawa, habe sich die Familie bisher noch nie getroffen. Sieben direkte Enkelkinder von Max Isserlin seien hier anwesend. Und Jonathans Cousine Ora Goldschmidt, die Tochter von Ruth aus Tel Aviv, gestand, dass sie einige ihrer Cousinen bei dem Treffen in Bad Soden zum ersten Mal gesehen habe. Mit der sechsjährigen Monica und der knapp zehn Jahre alten Addison, beides Töchter von Jonathans Söhnen Ben und David, war sogar die fünfte Generation des Isserlin-Stammes vertreten. Dass er nun hier vor dem Medico Palais stehe, das nach über 100 Jahren noch existiere und seinem eigentlichen Zweck diene, beeindrucke ihn sehr, erklärte Jonathan Isserlin. Gut könne er nachvollziehen, dass sich seine Großeltern in Bad Soden wohl gefühlt haben. Die Gastfreundschaft, die er und seine Angehörigen in diesen Tagen hier erfahren hätten, sei außergewöhnlich. Und er bedankte sich für das umfassende Begleitprogramm, das die Stolperstein-Gruppe den ausländischen Gästen geboten habe – die Stadtführungen in Höchst sowie durch Bad Soden und den Besuch des Sodener Jüdischen Friedhofs. Er könne nachvollziehen, sagte Jonathan, dass seine Großeltern, „trotz allem was geschehen war“, nach dem Krieg noch einmal in die Kurstadt zurückgekehrt seien, um Freunde zu sehen. „Mein Großvater war Deutscher durch und durch.“ Und Jonathan hatte das Foto vor Augen, auf dem Max Isserlin „mit preußischen Helm“ in der Uniform eines Stabsarztes im Ersten Weltkrieg festgehalten ist. Eine Verantwortung, für die Isserlin 1915 mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde. Bei diesen Worten mag der eine oder andere Besucher geschluckt haben.

„Er war ein Humanist von ganzem Herzen“, hob Erster Stadtrat Karl Thumser hervor. Und die Sodener Ärztin Dietmut Thilenius fügte an, dass Isserlin, der über Jahre dem Ärzteverein vorstand, Patienten, die es sich nicht leisten konnten, in seiner Praxis kostenlos behandelt habe. Es sei bittere Ironie, betonte Karl Thumser, „dass Max Isserlin, der sich vehement für das Gemeinwohl unserer Stadt einsetzte, Ende der dreißiger Jahre aus Angst um sein Leben und das seiner Frau das Land fluchtartig verlassen musste“. Dass nun 80 Jahre nach der Reichspogromnacht wieder „gegen religiöse Gruppen und Zuwanderer auf üble und unakzeptable Weise“ agitiert werde, dagegen müsse man deutliche Zeichen setzen. So wie die Straßenbenennung in Andenken an Dr. Max Isserlin. Ein Signal, das für ein „weltoffenes Bad Soden stehe, in dem sich Bürger – egal welcher Herkunft und Religion – gut aufgehoben fühlen sollen“. Als Lukas Birovescu von der Eschborner Heinrich-von-Kleist-Schule seine Klarinette anstimmte, wurde er von einem melodischen Summen der Isserlins begleitet. Vor zwei Jahren hat die Schule die Patenschaft für den Stolperstein „Dr. Max Isserlin“ übernommen.

Mehr über die AG Stolpersteine findet man im Internet unter .

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare