Vertuschungsvorwürfe gegen Klinik Bad Soden

Hebamme soll Schwangere in tödliche Gefahr gebracht haben

Vorm Münchener Landgericht ist Regina K. angeklagt. Sie soll im Bad Sodener Klinikum als Hebamme Frauen nach der Geburt in Lebensgefahr gebracht haben. Gestern sagte ihre frühere Chefin aus.

Regina K. (34) bleibt ein Mysterium. Sie schreibt eifrig mit, schaut schüchtern zum Richter. Dann geht ihr Blick ins Leere, als würde sie träumen. Wie eine Schülerin sitzt die frühere Hebamme auf der Anklagebank des Münchner Landgerichts. Sie spricht kein Wort. Gestern sagte ihre frühere Chefin in Bad Soden gegen sie aus – und warf ein düsteres Licht auf Regina K., die sieben Mal versucht haben soll, schwangere Frauen mit Blutverdünner zu ermorden.

Einige Wochen war nichts zu hören in dem Strafprozess wegen versuchten Mordes. Als die Opfer aussagten, wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Nun aber betrat Oberärztin Ellen G. den Zeugenstand, die mit Regina K. im Klinikum Bad Soden zusammengearbeitet hatte. Sie erlebte die Hebamme als fachlich korrekt, „ihre Dokumentationen waren tadellos und sehr ausführlich“ .

Als Person sei Regina K. aber schwierig gewesen. „Ihren 30. Geburtstag feierte sie alleine im Wellnesshotel. Das hatte uns bestürzt. Zum Mitarbeiterfest, als alle mit Partner kamen, brachte sie ihre Eltern mit“, sagt Ellen G. „Oh nein, nicht schon wieder Dienst mit Regina“, sollen Kollegen gesagt haben, weil die Hebamme etliche Schichten freiwillig übernahm und komplizierte Geburten minutiös nacherzählte.

Probleme gab es offensichtlich auch während der Behandlungen im Kreißsaal. „Persönlich hatte ich den Eindruck, dass die Patientinnen bei ihr mehr Schmerzen hatten als bei anderen Kollegen“, erinnert sich die Oberärztin. Bei Untersuchungen sei Regina K. oft sehr rabiat vorgegangen. „Als ich einmal am Kreißsaal vorbeiging, hörte ich eine Patientin laut schreien“, sagt Ellen G. „Ich wunderte mich, weil die Entbindung schon gelaufen war.“

Der Oberärztin war auch aufgefallen, dass Regina K. einen rauen Ton gegenüber ihren Patientinnen an den Tag legte – im Stress soll die Hebamme schwangere Frauen auch angeschrien haben. Als die Probleme sich türmten, bat Ellen G. sie zu einem Mitarbeitergespräch. „Wir hatten das alles thematisiert.“

Dann das Unfassbare: Als ein Arzt Patientin Marina U. (Name geändert) untersucht, findet er einen Handschuh mit einer Tablette darin – es ist Blutverdünner; für Frauen nach der Geburt potenziell tödlich. „Es war sofort klar, dass nur Regina zuvor bei der Patientin war“, sagt Ellen G. Das hatte ich mit dem Chefarzt und der Klinikleitung so abgestimmt. Im Dienstplan trugen wir sie vorläufig als krank ein.“

In einem persönlichen Gespräch wenige Tage später gibt sie der Hebamme die Chance, sich zu äußern. „Sie stritt alles ab. Wörtlich sagte sie zu den Vorwürfen: ,Dann wäre ich ja der Todesengel vom Kreißsaal.‘“ Zu Regina K. durchzudringen, erscheint der Oberärztin kaum noch möglich. „Es gab einen großen Vertrauensbruch“..

Trotzdem meldet sie den Vorfall nicht der Polizei, was Richter Michael Höhne in der Verhandlung gestern hart kritisierte. Er ging das Klinikum Bad Soden hart an. „Hier wurde auf gut Deutsch alles unter den Teppich gekehrt. Da steckt ein Vorsatz dahinter“, sagte Höhne. Und weiter: „So ein Vorfall ist natürlich eine Katastrophe für ein Klinikum. Das könnte das Verhalten der Angestellten nach der Tat erklären.“ Denn nach der mutmaßlichen Tat gab es weder eine schriftliche Dokumentation, noch wurden andere Patientinnen sofort informiert.

Später wurden aber zwei weitere Fälle in Bad Soden bekannt, die tödlich hätten enden können – es handelt sich ebenfalls um Frauen, die gegen ihren Willen blutverdünnende Mittel verabreicht bekamen – laut Anklage von Regina K.

Wollte die Klinik das vertuschen? Wie gestern im Prozess bekannt wurde, gab es angeblich eine interne Anordnung, dass Mitarbeiter nicht über den Vorfall sprechen dürfen. Dass auch mit einer Kündigung gedroht wurde, bestritt Oberärztin Ellen G. aber.

Vier mutmaßliche Mordversuche verübte Regina K. später auch im Klinikum Großhadern. Die Taten streitet sie weiter ab. Die Beweislast gegen sie wird nun aber immer schwerer.

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