Erhard Bouillon

„Hoechst war mein Leben“

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Erhard Bouillon feiert heute seinen 90. Geburtstag. „Eigentlich ein Tattergreis“, sagt der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzender Hoechst AG über sich. Aber die Realität sieht anders aus. Golfen und stramme Spaziergänge gehören zu seinen Aktivitäten.

Wenn Erhard Bouillon mit seiner Frau Francoise im Main-Taunus-Zentrum bummeln geht, wird er noch immer regelmäßig angesprochen. Alte Hoechster sind’s, Rotfabriker, die ihren früheren Chef gern mehr als nur grüßen. Er war eben eine Art Pater familias, einer, der dem Industrie-Riesen viel menschliche Wärme eingehaucht hat. Das galt im Umgang mit den eigenen Leuten, denen der langjährige Arbeitsdirektor (1969 - 1988) auch als Mitglied des Aufsichtsrats und zuletzt dessen Vorsitzender (bis 1997) ein zugewandter Vorgesetzter blieb.

Begriffe wie Achtsamkeit und Wertschätzung, die heute in Managementseminaren en vogue sind, hat Erhard Bouillon schon mit Leben erfüllt, als die aktuelle Managergeneration noch in den Kinderschuhen steckte. „Die Rotfabriker, die mag ich, für mich ist das ein ganz besonderer Menschenschlag. Da war eine ganz große Zuneigung,“ sagt Bouillon. Die Menschen im Werk haben diese Zuneigung vielfach erwidert – bis dahin, dass etwa der Neuenhainer Gesangverein ihm die Schirmherrschaft antrug, „als ich schon gar nichts mehr war, einfach nur, weil sie mich ähnlich mochten, wie ich sie“, erzählt der Sodener mit einem kleinen Lächeln.

Dass die Zeiten längst andere geworden sind, weiß auch Erhard Bouillon. Er verfolgt schließlich nach wie vor aufmerksam, was sich so tut am Standort Höchst. Auch wenn die Hoechst AG als solche nicht mehr existiert. „Das Werk ist ja noch da – und es sind mehr Leute als früher“, weist der fünffache Vater und zehnfache Großvater nur sacht darauf hin, dass die so umstrittenen Entscheidungen zur Zerschlagung des Unternehmens zumindest eines nicht gekostet haben: Arbeitsplätze.

Die Frage nach seiner Bewertung der Entwicklung, danach auch, wie es ihm ganz persönlich damit geht, wischt Bouillon mit einer Handbewegung beiseite. „Ich sage in letzter Zeit dann immer, ich bin der Ewigkeit zu nahe, als dass ich Zeit hätte, der Vergangenheit sehr nachzutrauern.“ Immerhin 90 Jahre alt wird Erhard Bouillon am 2. Februar. „Eigentlich ein Tattergreis“, meint er gleich zur Begrüßung. Sein Erscheinungsbild, die aufrechte Haltung, entsprechen dem allerdings gar nicht. Stramme Spaziergänge in der Natur und das nach wie vor geliebte Golfen halten ihn fit. Vom Rhein stammt er, in Horchheim bei Koblenz („das ist rechtsrheinisch“, sagt er) wuchs er mit vier Geschwistern auf. Studienrat sei sein Vater gewesen, erzählt Bouillon.

Immer wieder fällt im Gespräch ein Schlüsselwort, das ihn von kleinauf geprägt hat: Kultur. Musik spielt dabei wohl die wichtigste Rolle. Mit Anneliese Rothenberger habe er im Koblenzer Musikinstitut gesungen, Cello spielen gelernt hat er zudem und es bis zu Auftritten mit verschiedenen Orchestern und im Rundfunk gebracht. Keine Frage, dass er es als großes Geschenk empfand, als ihm der damalige Hoechst-Vorstand Karl Winnacker die gerade erbaute Jahrhunderthalle 1963 mit den Worten anvertraute: „Da haben Sie die Halle, machen Sie was draus.“

In der Deutschen Stiftung Musikleben wie der Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker hat sich der Klassik- und Jazzfreund für den Nachwuchs stark gemacht. Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker ist er deshalb. „Die einzige Auszeichnung, die ich aufgehängt habe“, sagt Bouillon. Im Musikzimmer seines Sodener Heims, wo er dank einer abonnierten „App“ heute alle Konzerte seines Lieblings-Orchesters miterleben kann, schmückt die Wand zudem ein Familienbild. „Das ist mein ganzer Reichtum“, zeigt Bouillon auf das immerhin 21 Menschen versammelnde Foto mit Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln. „Wohlgeraten“, seien all seine Kinder – „dank meiner Frau“, fügt er hinzu. Denn viel daheim war der Personalchef des Chemieriesen nicht, wie er bekennt. „Hoechst war mein Leben.“

Umso dankbarer ist er seiner aus Belgien stammenden Gattin („bei meiner Frau bin ich immer nur begeistert“), dass sie dieses Leben mitgetragen hat. Zumindest eine der vier Töchter und daher einen Teil der Enkel in der Nachbarschaft zu haben und beinahe täglichen Kontakt pflegen zu können, sieht er heute als großes Glück. „Gott sei Dank sind wir damit gesegnet“, formuliert es der gläubige Katholik, der nach wie vor rege Kontakte zu den Jesuiten in Frankfurt pflegt, an deren Hochschule St. Georgen er einige Jahre Vorsitzender des Freundeskreises war.

Was sich bewegen lässt, wenn es gelingt, dank auch des eigenen Vorbilds andere mit ins Boot zu nehmen, das hat er nicht nur dort sondern vor allem in und um Hoechst vielfach gezeigt. Für die Rettung von altem und neuem Schloss und Dalberghaus und die Sanierung der Höchster Altstadt war er der Motor, der Werber, der Macher, der Überzeugungstäter auch. Dass der Vorstand mitzog, auch wenn es mal hieß: „Wir müssen hier das Geld verdienen, und der Bouillon gibt’s aus“, wie er schmunzelnd erzählt. Das müsse man auch erwähnen, sagt der Mitbegründer der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Eine ganz besondere Beziehung verbindet den 90-Jährigen mit Frankfurts ältestem Gotteshaus. „Die Justinuskirche ist mein Herzblut“, sagt Erhard Bouillon. Überhaupt ist Höchst, das so sehr von seinem Sinn für das Wahre, Schöne und Gute profitiert hat, für den Sodener immer der beste Teil Frankfurts gewesen. „Für den Westen Geld locker machen, ist immer schwierig in Frankfurt“, sagt er noch heute. Also hat Bouillon es übernommen, Geld bei Firmen (nicht nur bei Hoechst) zu beschaffen.

Als Schirmherr des Schlossfestes wie als erster Programmverantwortlicher der Jahrhunderthalle, in die er Größen wie Karajan und Bernstein holte, hat er zudem dafür gesorgt, dass der damalige Frankfurter Kulturdezernent Karl vom Rath feststellte: „Wir müssen akzeptieren: Die Kultur in Frankfurt findet in Höchst statt.“ Etwas, was Bouillon und seine damaligen Vorstandskollegen, wie er sagt, „unheimlich stolz gemacht“ hat. „Aber es war auch so.“

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