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Früher steckten die Gedichte von Martin Piekar voller Wut, heute schlägt er mit seiner Lyrik leise, nachdenkliche Töne an ? ein Beispiel finet man im Auschnitt oben rechts.

Martin Piekar findet poetische Worte fürs Prekäre

Lyrik im Hier und Jetzt

Der Bad Sodener Lyriker Martin Piekar hat den heißbegehrten hr2-Literaturpreis gewonnen. Doch zurücklehnen ist nicht: Bald erscheint sein zweiter Gedichtband.

Von CHRISTIAN PREUSSER

Da ist ganz schön viel los im Kopf von Martin Piekar: Zweifel, Wut, Irritation. Der Bad Sodener sitzt in einem Café in der Nähe des Bahnhofs. Die Hände wirbeln durch die Luft, fahren durch die langen schwarzen Haare – es ist, als ob er seinen fliegenden, flitzenden Gedanken eine Kontur geben möchte. Braucht er aber eigentlich gar nicht, denn das erledigen ja schon seine Gedichte für ihn. Martin Piekar wurde 1990 geboren, 20 Jahre später zeichnet das Deutschlandradio eine seiner ersten Arbeiten als „Gedicht des Jahres“ aus. Dann geht es Schlag auf Schlag: 2012 gewinnt er den „open mike“ in Berlin, den wichtigsten deutschen Literatur-Nachwuchs-Preis. 2014 veröffentlicht er sein erstes Buch „Bastard Echo“ beim Berliner Verlagshaus J. Frank. Jetzt wurde ihm der heißbegehrte hr2-Literaturpreis verliehen. Die Weichen für eine ruhmreiche Poeten-Karriere sind für den 26-jährigen Bad Sodener gelegt. Doch Piekar schüttelt den Kopf. Sein Broterwerb, das wird schon bald nach Abschluss seines Philosophie- und Geschichtsstudiums der Lehrerberuf sein. Von Gedichten, so sagt er, und man weiß es ja auch, von Gedichten kann man nicht leben. Aber wenn man vom Idealismus getrieben wird, so wie Piekar, dann geht’s ja auch gar nicht ums schnöde Geldverdienen. Piekar geht’s zuallererst darum, zu erörtern, wie „ich zur Welt in Beziehung stehe“. Beim Spaziergang durch den Kurpark schaut sich Piekar Blumen an, und er bleibt stehen, um mit seinem Handy einen Baum zu fotografieren. Die Leute schauen interessiert, denn Piekar, dieser große Mann im schwarzen Mantel, der fällt auf.

„Ich mag Eindeutigkeit nicht“, sagt er. Und seine Gedichte, die „Beim Studium der Teezubereitung“ oder „CyberschlafStörung“ heißen, die sind auch genau das: uneindeutig. Sie reißen Löcher auf, sind ambivalent, Stoff zum Nachdenken. Beim Lesen fallen einem die großen Expressionisten ein: Benn, Lichtenstein, Zech, Lasker-Schüler. Das will Piekar aber nicht so gerne hören.

Sein nun vom Hessischen Rundfunk ausgezeichneter Lyrik-Zyklus trägt den Titel „Bukowskis Pfand“. Es ist eine Meditation über die Menschen, die durch die Städte streifen und Pfandflaschen suchen. Zugegeben: Das ist ziemlich konkret. Vielleicht das konkreteste Gedicht, das Piekar bisher veröffentlich hat. Piekar sagt: „Das Gedicht ist über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren entstanden.“ Er findet poetische Worte fürs Prekäre: „Die Pfandflasche das Beutetier des 21. Jahrhunderts“, heißt es an einer Stelle im Gedicht. „Ist doch so“, sagt er im Gespräch. „Die Pfandflasche, das ist das Jagen und Sammeln unserer Zeit.“

Früher, in den „Bastard“-Gedichten, da hat er seine Wut poetisiert: „Meine Gedichte waren unruhig, laut, brutal.“ Die neuen Gedichte, die Gedichte, die er für seinen bald erscheinenden zweiten Band vorbereitet, die seien anders: „Ich habe zuletzt sehr viel T. S. Eliot gelesen“, sagt er. Vielleicht habe das etwas abgefärbt. Doch über Vorbilder, über Idole zu sprechen, das fällt Piekar nicht leicht. Einerseits, weil es so viele Dichter gibt, die er liest und liebt. Andererseits: „Meine Gedichte entstehen dadurch, dass ich in dieser Gesellschaft verwurzelt bin. Sie können nur hier und jetzt entstehen.“ Und genau das, dieses Hier und dieses Jetzt, dieses Gegenwärtige, das trägt die Gedichte von Piekar. Sie sind dunkel und schwer, nachdenklich und nahbar. „Sie sind keine Gesellschaftskritik. Das ist mir zu billig. Sie sind Beobachtungen, zu allem möglichen.“ Piekar blickt auf die Welt und wirft seine Worte drüber.

Das kommt an: Im Juni reist er für Lesungen nach Innsbruck, nach Berlin, er nimmt an Podiumsdiskussionen teil, wird in Kürze mit dem „

Atta-Troll-Superpreis

für radikale Ideologiekritik“ ausgezeichnet und hat mit Lyrik-Kollegen in Frankfurt eine eigene Bühne für Literaturkritik etabliert. Sie sitzen da zu viert vor einem immer größer werdenden Publikum und diskutieren über aktuelle Bücher. „Das macht unglaublich viel Spaß“, sagt Piekar. Er bringt ein bisschen Rock’n’Roll in den Literaturbetrieb. „Diese berühmten Wasserglaslesungen“, sagt er, „wo der Dichter am Pult sitzt und das Publikum andächtig wie in der Kirche lauscht, die will doch mittlerweile wirklich niemand mehr haben.“

Wenn jemand verstanden hat, wie es auch anders gehen kann, dann Piekar.

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