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Nachfahren der Familie Strauss waren aus USA angereist.

Stolpersteine verlegt

Ein Mahnmal für die Ewigkeit

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Markante Worte und herzliche Gesten: Bei der Verlegung der Stolpersteine für die von der NSDAP verfolgten Bad Sodener Familie Strauss kam es zu bewegenden Momenten.

Barbara Bermbach versagte die Stimme. Sie schluckte, als sie ihre Worte an Ken und Joanie Krug richtete – an Sohn und Tochter von Hannelore Strauss, die mit ihren Eltern Wilhelm und Olivia als Achtjährige vor den Nationalsozialisten im Dezember 1937 aus der Kurstadt in die Vereinigten Staaten flüchten musste. „Ich freue mich ganz doll, dass ihr heute an diesem ganz besonderen Tag hier sein könnt“, sagte die Tochter von Ruprecht Stark, der mit Hannelore einst die Jahre hier im Sodener evangelischen Kindergarten geteilt hat.

Es waren bewegende Momente und herzliche Begegnungen, die die beiden Gäste aus Kalifornien und Oregon sowie Schüler der Heinrich-von-Kleist-Schule in Eschborn und rund 50 Bürger aus Bad Soden vor dem Haus Neugasse 3 in der Altstadt erlebten. Fünf Stolpersteine ließ der Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem ehemaligen Wohnhaus der jüdischen Familie Strauss ins Pflaster ein. Sie sollen an das Schicksal der Familie erinnern, deren Lebenswege die Bad Sodener AG Stolpersteine verfolgt hat (wir berichteten).

„Für alle Ewigkeit“, wie es der 64 Jahre alte Ken Krug mit markanten Worten festhielt, „werden Generationen erfahren, was passiert ist“. Er sei gerührt, mit welch menschlicher Wärme sie hier aufgenommen wurden und dass die Verbindung seiner Familie, obwohl sie fliehen musste, zu den alten Freunden über all die Zeit gehalten habe. „Meine Vorfahren lebten gut hier und liebten die Stadt und das Land“, sagte Ken. Das wisse er von seiner Großmutter Olivia, die ihm abends am Bett von seinen vielen Cousins und Cousinen in Deutschland erzählt habe. Als Ruth Bockenheimer ihm verriet, dass sie ebenso wie ihre Schwester Ilse mit seiner Mutter Hannelore im Kindergarten gewesen sei, hakte Ken nach und wollte wissen, was für ein Mädchen sie war. „Beliebt und immer hübsch angezogen“, erwiderte die alte Dame. Elegant gekleidet sei sie auch heute noch, betonte der stolze Sohn, und mit ihren 87 Jahren säße sie noch immer am Steuer eines Autos. Jeden Tag würden er und seine Schwester Joanie, verriet Ken, mit ihrer Mutter in New Jersey telefonieren.

Nachdenkliche Worte fand Bürgermeister Norbert Altenkamp während der feierlichen Zeremonie. Er machte darauf aufmerksam, dass die Verlegung von Stolpersteinen an dem historischen Standort gegenüber der Synagoge die dritte in Bad Soden sei und dass diese Initiative, die von den Grünen angeregt wurde, in der Stadt am Anfang „nicht diskussionsfrei“ gewesen sei. Dass aus geachteten Bürgern Geächtete wurden, könne man sich heute nicht mehr vorstellen – auch nicht, dass weite Teile der Bevölkerung dazu schweigen würden. Trotzdem mahnte Altenkamp, „dass wir alle als Zivilgesellschaft achtsam sind“ und gewissen Strömungen, die sich heute wieder breit machten, entgegentreten.

Außer Barbara Bermbach erinnerten Lissy Hammerbeck, Aytül Otters und Dietmut Thilenius, die nur zwei Jahre nach Hannelore Strauss in Bad Soden auf die Welt kam, an die Zeit, die die Familie Strauss in der Stadt durchlebt hat. 1927 bereits sei in Bad Soden die erste Ortsgruppe der NSDAP gegründet worden. Im Mai 1933 wurde die Stadt Sitz der NSDAP Kreisleitung, informierte Lissy Hammerbeck. 50 Juden gehörten damals noch zur Gemeinde. Die erste Amtshandlung des neu gewählten Stadtparlaments sei neben dem Boykott gegen jüdische Geschäfte und dem Verbot des Schächtens die Ernennung Hitlers zum Ehrenbürger der Stadt gewesen. Man könne nur ahnen, sagte Lissy Hammerbeck, wie es in Moritz Strauss (dem Urgroßvater von Ken und Joanie) ausgesehen haben mag.

Mit einer spontanen Geste überraschten Norbert und Marianne Geiss nicht nur die Gäste aus Übersee. Die heutigen Eigentümer des Hauses Neugasse 3, die bis dahin nicht wussten, welche Geschichte sich hinter den Mauern des Hauses verbirgt, öffneten ihre Türen und luden zu einem Blick in die Innenräume ein. Mit seinem Klarinettenspiel setzte Lukas Birovescu während der Feierstunde emotionale Akzente, und Schülerinnen der Eschborner Schule schmückten die Stolpersteine mit Rosen.

(kra)

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