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Mit Geschick und Glück zum kostbaren Stück

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Von: Manfred Becht

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Ein Prachtstück von Registrierkasse! Durch einen öffentlichen Aufruf kam Bad Sodens Stadtarchivarin Christiane Schalles an dieses historische Stück, das einiges hermacht.
Ein Prachtstück von Registrierkasse! Durch einen öffentlichen Aufruf kam Bad Sodens Stadtarchivarin Christiane Schalles an dieses historische Stück, das einiges hermacht. © Maik Reuß

Zwei Stadtarchivare schildern, wie sie ihre Sammlungen vervollständigen. Manchmal hilft der Zufall.

Bad Soden/Eschborn - Er hat's richtig gemacht - ganz im Sinne der Fachleute, die es auf historische und archäologische Fundstücke abgesehen haben: Dick Byer war eines Tages auf dem jüdischen Friedhof in Bad Soden unterwegs, um Nistkästen zu reinigen. Da blinkte es an einem der Gräber in der Sonne - Byer stieß auf ein Amulett. Der Anhänger sah historisch aus, daher lieferte er es im Sodener Stadtarchiv ab.

Das Amulett war "nichts wirklich Bedeutendes", sagt Stadtarchivarin Christiane Schalles. Aber sie freut sich über den Fund und dass er abgegeben wurde. Immerhin sei die jüdische Vergangenheit ein großes Thema in Bad Soden. Dass es sich um ein jüdisches Amulett handelt, ist angesichts der Schriftzeichen klar. Womöglich könne es irgendwann einmal bei einer Ausstellung gezeigt werden, sagt Schalles.

Auch ihr Eschborner Kollege Gerhard Raiss freut sich über Menschen, die ihm Postkarten, Urkunden oder sonstige Gegenstände bringen, die sich als historisch wertvoll erweisen können. Der Leiter des Eschborner Stadtmuseums erinnert sich an einen jüngeren Mann, der ihm ein Glas voller Schneckengehäuse auf den Tisch stellte. Dieses Glas hatte der Gast an einer Wegeböschung in Niederhöchstadt gefunden. Der Mann kannte sich aus, er gab den lateinischen Namen der Tiere mit Pirenella plicata an. Sie sollen 20 Millionen Jahre alt sein - und sind damit die ältesten Stücke im Eschborner Stadtarchiv.

Es komme immer wieder mal vor, dass jemand etwas vorbeibringt, berichten Schalles und Raiss übereinstimmend. Nicht alles ist für die Archive und Museen relevant. Mancher findet im Nachlass Dinge, die für den Verstorbenen zwar wichtig waren, jedoch ohne Bezug zur Ortsgeschichte sind. "Es werden tolle Sachen gebracht, die aber mit Bad Soden nichts zu tun haben", lautet die Erfahrung von Christiane Schalles.

Oft tragen Glück und Geschick zu gelungenen Aktionen bei. Die Erben des Kolonialwarenladens Wilhelm Müller meldeten sich beim Sodener Stadtarchiv - die sehenswerte Einrichtung hatte Jahrzehnte im Haus gestanden. Die Familie wollte sie nun an das Stadtarchiv abgeben, aber genau wissen, was die Stadt daran verändern müsse und wie der Laden präsentiert werde. Das Projekt ist gelungen und eines der Prunkstücke des Bad Sodener Museums. Schalles wollte den Laden möglichst originalgetreu ausstatten und startete einen entsprechenden öffentlichen Aufruf. Auf diese Weise kam sie an eine uralte Kasse, die prima in den Laden passt, so wie er sich aus dem frühen 20. Jahrhundert präsentierte - die Kasse stammt aus dem Haus, in dem sich heute das Lokal Gran Sasso befindet. Ebenfalls auf diesen Aufruf hin wurden Apfelweingläser aus dem auch nicht mehr bestehenden Lokal Drei Linden im Stadtarchiv abgegeben.

Es fügte sich wunderbar, dass die vorherigen Besitzer den Aufruf von Schalles mitbekommen hatten. Überhaupt - der Zufall spielt oft eine Rolle - so bekam Eschborns Stadtarchivar zufällig mit, dass die Stadt das Fachwerkhaus der 1983 gestorbenen Therese Henrich gekauft hat. "Da konnte ich mal eben auf dem Dachboden schauen", erinnert er sich. "Frau Henrich war streng katholisch", schließt Raiss aus dem gefundenen Schrifttum. Dazu gehörten ein Buch mit Gebeten aus dem frühen 19. Jahrhundert, ein 1810 gedrucktes Neues Testament und diverse christliche Kalender aus den 1930er Jahren, aber auch Schnittmuster, ein Heft mit einem Brief aus dem Jahre 1891, den ihre Mutter geschrieben hatte. All das verwahrt Gerhard Raiss sorgfältig - wann solche Stücke einmal gezeigt werden oder einen Ortshistoriker interessieren könnten, das weiß man nicht.

E-Bay, gute Kontakte und Kunsthandel

Nicht immer gehen Geschichten um Stücke, die die Stadtarchive gerne hätten, gut aus. Raiss erinnert sich an einen Landwirt aus Niederhöchstadt, der ein altes Buch hatte, in dem Äcker und Fluren verzeichnet waren - ein echter Schatz für die Ortsgeschichte. Aber der Mann wollte es nicht herausrücken. Später war das Buch weg. Eine fast etwas dramatische Geschichte um Sammlungsstücke kennt Christiane Schalles, obwohl dies vor ihrer Zeit im Sodener Stadtarchiv passierte. Die Rede ist von zwei Bildern des Frankfurter Malers Otto Scholderer (1834 bis 1902), die Enoch und Amalie Reiss zeigen - einstmals Eigentümer des gleichnamigen Hauses. Das Gebäude gelangte 1962 in den Besitz der Stadt, die es 1999 verkaufte. Die beiden Bilder, so Schalles, waren damals schon fast im Abfallcontainer - bis irgendjemand deren Wert erkannte und sie rettete.

Die meisten Fundstücke, sagen die Archivare, kommen auf undramatische Weise ins Haus. Vieles wird gebracht, gute Kontakte zu den Menschen spielen eine Rolle, aber die Experten sehen sich auch gezielt um: im Kunsthandel und im Internet. Dort, wo viele Leute nach Schnäppchen Ausschau halten, werden auch Historiker gelegentlich fündig: auf der Verkaufsplattform Ebay.

Gerhard Raiss, Chef des Eschborner Stadtmuseums, hat ein Glas mit Schneckengehäusen vor sich. Die Tierchen sind 20 Millionen Jahre alt. Ein junger Mann hatte das Glas einst bei ihm abgegeben.
Gerhard Raiss, Chef des Eschborner Stadtmuseums, hat ein Glas mit Schneckengehäusen vor sich. Die Tierchen sind 20 Millionen Jahre alt. Ein junger Mann hatte das Glas einst bei ihm abgegeben. © Maik Reuß

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