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Die 63 Jahre alte Marlehn Thieme, gebürtige Lübeckerin, lebt in Bad Soden.

Welthungerhilfe

"Bei der Hungerbekämpfung sind wir nicht auf Kurs"

Die Präsidentin spricht über ihren Einfluss auf die Politik, die Corona-Folgen und die Rolle der Kirchen.Marlehn Thieme macht sich für eine nachhaltigere und gerechtere Gesellschaft stark. Die überzeugte Christin ist gefragte Ratgeberin nicht nur im Leitungsgremium der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Unter anderem ist Thieme seit dem 22. November 2018 Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe. Den Friedensnobelpreis für das Welternährungsprogramm der UN hat Kreisblatt-Mitarbeiterin Barbara Schmidt zum Anlass genommen für ein Interview mit der Bad Sodenerin.

Frau Thieme, Sie sind seit knapp zwei Jahren Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe. Am 9. Oktober wurde bekannt, dass der Friedensnobelpreis 2020 an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen geht. Was hat diese Nachricht bei Ihnen ausgelöst?

Große Freude - darüber, dass in der Pandemie vor lauter Coronasorgen die großen Themen nicht vergessen werden. Es ist auch eine große Freude, dass die großartige Arbeit, die das Welternährungsprogramm leistet, auf diese Weise eine Würdigung erfährt.

Bringt so ein Preis tatsächlich etwas beim Thema Hunger in der Welt in Bewegung? Merken Sie da etwas?

Wir können nicht feststellen, dass dieser Preis der Welthungerhilfe nützt, aber es wirft doch ein Schlaglicht auf dieses Thema. Das kommt uns gerade recht, weil wir gerade erst anhand des Welt-Hunger-Indexes für 2019 festgestellt haben: Wir sind einfach nicht auf Kurs, was die Bekämpfung des Hungers betrifft: 690 Millionen Menschen auf der Welt litten 2019 an Hunger. Und durch Corona werden laut den Vereinten Nationen noch einmal zwischen 80 und 100 Millionen Menschen dazukommen.

Wie genau hängen Welternährungsprogramm und Welthungerhilfe zusammen?

Wir arbeiten mit dem Welternährungsprogramm zusammen. Es stellt uns auch Mittel für unsere Projekte zur Verfügung.

Viele Sodener wissen, dass Sie seit vielen Jahren, genau gesagt seit 2003, EKD-Ratsmitglied sind. Die Evangelische Kirche hat mit "Brot für die Welt" ein eigenes Hilfswerk gegen den Hunger. Warum sind Sie bei der Welthungerhilfe gelandet?

Ich war fast acht Jahre im Aufsichtsrat von "Brot für die Welt". Da bin ich dann schon vor einiger Zeit im Rahmen einer Fusion ausgeschieden. Ich hatte den Eindruck, es wäre für mich an der Zeit, etwas anderes zu machen. Man bekommt sonst vielleicht auch irgendwann einen verengten Blick. Durch meine Tätigkeit im Nachhaltigkeitsbeirat sind Organisationen auf mich zu gekommen und haben angefragt, ob ich mitwirken will. Ein Jahr vor meinem Ausscheiden habe ich entschieden, wo ich mich weiter engagiere.

Was hat Sie an der Hunger-Problematik angesprochen?

Das Thema Hunger ging mir sehr ans Herz, das ist sehr existenziell. Ich war nach dem Studium in der Entwicklungshilfe in Kenia, das prägt. Meine Entscheidung, mich für die Welthungerhilfe zu engagieren, habe ich mit der Evangelischen Kirche abgeklärt, die Gründungsmitglied der Welthungerhilfe ist. Brot für die Welt und die Welthungerhilfe sind Mitbewerber um Spenden, aber wir kämpfen Seite an Seite.

In Deutschland beschäftigen uns eher Übergewicht, Magersucht, Fasten-Kuren oder die Umstände, unter denen Lebensmittel erzeugt werden. Fehlt uns mittlerweile die Erfahrung, was Hunger bedeutet?

Viele ältere Menschen können sich noch gut erinnern. Aber natürlich: Viele Jüngere haben diese Erfahrung nicht gemacht. Da gilt es, Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Bekämpfung des Hungers ist die existenziellste Form der Entwicklungszusammenarbeit. Das ist vielen hier sehr deutlich. Viele helfen uns gerade deshalb, weil sie wissen, wie gut es ihnen geht. Der Kampf gegen den Hunger hat aber auch damit zu tun, wie wir uns selbst ernähren. Der Klimawandel mit Folgen für den Süden, etwa Dürren und Überflutungen, hat seine Ursache in den reichen Ländern des Nordens. Der Hunger ist ein Appell, unsere eigenen Verhaltensweisen umzustellen, indem wir uns fragen: Wie regional und fair ernähren wir uns? Und wie vermeiden wir mit unserer Ernährung CO2-Emissionen?

Das Präsidentinnen-Amt bei der Welthungerhilfe ist längst nicht ihr erstes Ehrenamt großen Kalibers. Sie haben es schon angesprochen, Sie waren 15 Jahre lang Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung, einem Gremium, das die Bundesregierung berät. Zudem sind sie seit 2004 für die EKD im ZDF-Fernsehrat, dem sie seit 2016 als Vorsitzende vorstehen. Lässt sich durch solche Ehrenämter tatsächlich Einfluss nehmen, etwas verändern?

Wenn man diese Ämter verantwortungsvoll wahrnimmt, dann hat man großen Einfluss. Der Nachhaltigkeitsrat hat substanziell auf die Politik der Bundesregierung eingewirkt, das würde ich schon sagen. Wir haben immer wieder alle an einen Tisch gesetzt, damit kommt man voran. Es sind dicke Bretter, die zu bohren sind. Das Schöne ist aber, dass man einen Rat geben kann. Man darf sich nicht selbst in den Mittelpunkt stellen, die Verantwortung tragen ja andere. Aber ich muss die Beratung so gut machen, dass die verantwortlichen Menschen sehen, dass es geht und sie damit erfolgreich sein können. Das scheint mir doch hier und da gelungen.

Hat es Sie noch nie gereizt, in die Politik umzusteigen, um unmittelbarer mitwirken zu können an Entscheidungen?

Nein, nicht wirklich. Ich habe mich damals sehr bewusst für die Evangelische Kirche entschieden und finde, dass auch das Engagement sehr wohl sehr politisch sein kann.

Wir erleben während der Corona-Pandemie derzeit, welche Bedeutung plötzlich Virologen haben. In der Klima-Krise sind die Naturwissenschaftler gefragt. Die christlichen Kirchen scheinen dagegen als Ratgeber besonders für die Generation jüngerer Menschen kaum noch eine Rolle zu spielen. Was machen sie falsch?

Ich weiß gar nicht, ob sie eine geringere Rolle spielen. Bei der Klima-Thematik sind die Kirchen, glaube ich, die wesentlichen Treiber gewesen für die Politik. Sie haben mit Empfehlungen und Beschlüssen den Handlungsbedarf deutlich gemacht. In der Pandemie haben sich die Kirchen entgegen allen Vorwürfen sehr bewegt, in der Seelsorge und auch was die Nutzung digitaler Formate angeht. Nicht alles wird nach außen sichtbar, aber die Kirchen waren ganz nah bei den Menschen in den Gemeinden.

Bei wem holen Sie sich persönlich am liebsten Rat?

Es gibt für mich nicht den einen Ratgeber, weil ich verschiedene Themen betreibe. Ich lese sehr viel, es gibt Experten, die mich beraten. Dann gibt es immer einen Punkt, an dem man in sich gehen muss. Dafür haben wir als Christen auch mit dem Gebet eine gute Möglichkeit.

Fragen Sie ab und zu auch mal ihre Töchter, also die nächste Generation?

Mit meinen Töchtern, die sehr kritisch sind, bin ich im permanenten Austausch. Auch meinen Mann frage ich. Und Freunde. Das hilft natürlich auch.

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