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Krankenhaus verweigert Originalgeburtsprotokoll

Raffaels Mutter stellt Strafanzeige

Anna Kostecka ist überzeugt, dass ihr Sohn Raffael (7) behindert ist, weil die Hebammen und Ärzte des Bad Sodener Krankenhauses falsche Entscheidungen trafen. Um das zu beweisen, bräuchte sie jedoch unter anderem Einsicht in das Originalgeburtsprotokoll. Dessen Herausgabe verweigert das Klinikum bis heute. Jetzt hat die Mutter Strafanzeige gestellt.

Von MURIEL-LARISSA FRANK

Es ist die Horrorvorstellung einer jeden Mutter: Ihr Kind ist behindert, weil Hebammen und Ärzte Fehler gemacht haben. So auch möglicherweise im Fall von Raffael, der am 2. Oktober 2008 im Bad Sodener Krankenhaus zur Welt kam – in der 40. Schwangerschaftswoche. „Bis dahin war alles ohne Komplikationen verlaufen. Er war gesund“, erzählt seine Mutter Anna Kostecka. Doch am Ende einer komplizierten Geburt ist Raffael schwerbehindert. „Sein Sprach- und Wahrnehmungszentrum ist geschädigt, er hat Koordinationsschwierigkeiten und verkrampft schnell“, erzählt die Kronbergerin. Sein Leben sei zerstört. Und genau deshalb kämpfe sie seit mehr als vier Jahren um Aufklärung und Schadensersatz. „Ich will Gerechtigkeit. Fehler können passieren, aber dann muss die Klinik die Courage haben, eine Entschädigung zu zahlen“, sagt Kostecka. Die TZ berichtete bereits über die Delfintherapie ihres Sohnes.

Was ist passiert? Die Mutter erinnert sich: „Am 30. September hatte ich einen Termin bei meiner Gynäkologin Dr. Eva-Maria Leipnitz-Sya. Das CTG, das die Herztöne des Kindes sowie meine Wehentätigkeit misst, war pathologisch, also auffällig, so dass mich meine Ärztin zur Beobachtung und Entbindung ins Sodener Krankenhaus einwies.“ Dort angekommen, seien erneut ein CTG sowie eine Ultraschalluntersuchung (USG) gemacht worden. „Es war viel los. Man schickte mich wieder nach Hause mit der Anweisung, in drei Tagen wiederzukommen“, entsinnt sich die gebürtige Polin. Entlassungspapiere habe es für sie nicht gegeben. Sie habe sich nichts Böses dabei gedacht. „Ich hatte Vertrauen in die Hebamme und die Ärzte.“

Drei Tage später – am 2. Oktober 2008 – stattete sie ihrer Frauenärztin den nächsten Besuch ab. „Sie war sauer und fassungslos, dass ich noch nicht entbunden hatte“, erzählt Kostecka. Die Ärztin machte erneut ein CTG. Und wieder war es pathologisch. Kostecka sollte schnellstmöglich entbinden. „Im Krankenhaus war es chaotisch. Ich wurde an den Wehentropf gehängt und ans CTG angeschlossen. Neben mir lagen noch fünf andere Frauen“, berichtet sie. Schließlich sei sie in ein Untersuchungszimmer verlegt worden, die Stationsärztin habe eine Ultraschalluntersuchung gemacht. Und die Hebamme habe weitere Untersuchungen gemacht. Die Fruchtblase platzte. „Wenige Minuten später tauchte der damalige Chefarzt auf, betrachtete die Ergebnisse der USG und schrie dann die Hebamme an, wieso in meinem Fall noch kein Kaiserschnitt gemacht worden sei“, erzählt die heute 37-Jährige. Dann sei der Mediziner verschwunden.

Der werdenden Mutter sei flott eine Periduralanästhesie gelegt worden. Erst jetzt habe ihr die Hebamme erklärte, dass es Komplikationen mit Raffael gebe – die Nabelschnur habe sich um seinen Hals gewickelt – und dass sie Proben von seinem Kopf nehmen müsse. Danach sei plötzlich alles sehr schnell gegangen. Sechs Mediziner hätten Raffael aus ihr herausgedrückt, während sie versuchten, die Nabelschnur von seinem Hals wegzuziehen. Anschließend hätten sie ihn auf ihren Bauch gelegt. „Er sah wie tot aus, war blau angelaufen. Niemand hat ihn abgesaugt, obwohl er nicht atmete. Niemand hat geschaut, ob er Hilfe braucht“, sagt sie. Erst als die Hebamme bemerkt hätte, dass sein kleines Herz noch schlage, sei er ins Nebenzimmer geschafft worden. „Bis dahin waren mindestens sieben Minuten verstrichen und Raffaels Gehirn ohne Sauerstoff“, erinnert sich Kostecka. Zwei Mal sei der Säugling wiederbelebt und schließlich in die Kinderklinik nach Höchst verlegt worden. Sie sei in den Flur geschoben und noch am selben Tag nach Hause geschickt worden. „Es war ein Alptraum“, sagt sie heute.

Die zweifache Mutter ist überzeugt, dass es ein Fehler war, keinen Kaiserschnitt zu machen. Und dass diese Entscheidung ursächlich für den Schaden war, den Raffael erlitten hat. Doch um das zu beweisen, müsste Kostecka Einsicht in das Geburtsprotokoll nehmen – und zwar in das Original.

Denn: „Es obliegt dem Patienten, den Behandlungsfehler zu belegen“, erklärt Dr. Roland Uphoff, Fachanwalt für Medizinrecht, der Anna Kostecka seit November 2015 vertritt. „Im Dezember habe ich die Klinik aufgefordert, die Behandlungsunterlagen im Original gegen angemessene Kostenerstattung zu meinen Händen zu übersenden. Im Januar habe ich noch einmal nachgehakt. Doch bis heute hat die Klinik nicht reagiert“, so der Anwalt auf Anfrage. Erst wenn er Einsicht in die Originalunterlagen habe, könne er prüfen, ob ein Schadenersatzanspruch besteht. „Es ist auch denkbar, dass Raffael einen anderen Defekt hat“, sagt Uphoff. Das müsste jedoch ein unabhängiger Gutachter feststellen.

Als wir beim Klinikum Frankfurt Höchst erfahren wollen, mit welchem Befund Raffael am 2. Oktober eingeliefert wurde, wie der Verlauf der Behandlung war und ob sich eine Aussage über die Diagnose treffen lässt, erhalten wir zunächst eine Zusage. „Wir kümmern uns gern darum“, schreibt die Pressesprecherin Petra Fleischer am 17. Februar 2016 in einer Mail. Eine Woche später folgt dann der Hinweis, dass es rechtlich einfacher wäre, wenn die Mutter des Kindes die Krankenakte des Kindes anfordert. Und das, obwohl ihnen vonseiten der Mutter eine unterzeichnete Erklärung über die Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht vorliegt. Schließlich heißt es am 8. März von der Pressestelle: „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns ohne ein vordringliches öffentliches Interesse zum individuellen Krankheitsverlauf einzelner Patienten in der Presse nicht äußern.“

Tanja Gethöffer vom Verein „Eltern medizingeschädigter Kinder“ ist von der Reaktion nicht überrascht. „Es gibt quasi einen Ehrenkodex unter Ärzten, sich nicht gegenseitig zu belasten“, sagt sie.

Wir kontaktieren das Klinikum Bad Soden und wollen wissen, warum Frau Kostecka trotz eines pathologischen CTGs wieder nach Hause geschickt wurde, wie der Verlauf der Entbindung am 2. Oktober war, warum Raffael in die Kinderklinik nach Höchst verlegt werden musste und warum der Mutter die Einsicht in das Original-Geburtsprotokoll verwehrt wird.

Die Pressesprecherin Claudia Planz versichert am 7. April: „Ich recherchiere in der Sache und melde mich.“ Am darauffolgenden Tag heißt es: „Das bemerkenswerte Engagement von Frau Kostecka für die Therapie ihres Sohnes haben auch wir über die Presseberichterstattung zur Kenntnis genommen. Wir haben große Empathie für Raffael und seine Mutter und wünschen beiden für die Zukunft nur das Beste. Auch haben wir großes Verständnis dafür, dass sich Frau Kostecka nach fast acht Jahren noch mit den möglichen Ursachen für die Behinderung ihres Sohnes Raffael auseinandersetzt. Was die Geburt des Kindes in unserem Krankenhaus Bad Soden anbelangt, so haben wir Frau Kostecka bereits Mitte 2012 alle uns zur Verfügung stehenden Unterlagen ausgehändigt.“ Sollte sie dazu medizinische Fragen haben, so biete man ihr auch heute noch gerne ein Gespräch mit dem Chefarzt der Gynäkologisch-Geburtshilflichen Klinik an. „Wir werden Frau Kostecka unser Gesprächsangebot auch auf direktem Wege zukommen lassen, da wir davon überzeugt sind, dass der unmittelbare Dialog der beste Weg zur Klärung offener Fragen ist.“

Unsere Fragen bleiben indes unbeantwortet. Das sei auch nicht ungewöhnlich, sagt Sabrina Diehl, Fachanwältin für Medizinrecht aus Oberhausen. „Aus Kliniksicht habe ich dafür sogar Verständnis. Allerdings ist den Eltern auf Verlangen unverzüglich Einsicht in die Originalakte zu gewähren“, so die Juristin. In jedem Fall werde Frau Kostecka zur Klärung der Frage, ob ein Behandlungsfehler vorliegt, einen Gutachter benötigen.

Sich nur auf den zivilrechtlichen Weg zu verlassen, das wollte die Mutter nicht mehr. Bei der Kripo Hofheim hat sie nun Strafanzeige wegen schwerer Körperverletzung gegen das Klinikum Bad Soden erstattet. Das bestätigt Pressesprecher Daniel Kalus-Nitzbon: „Der Vorgang wurde von uns bereits an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.“

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