+
Nackte Frauen auf buntem Sofa nebst Blumen und allerlei Getier: Der Künstler Thomas Gatzemeier vor seinem Werk ?Jahreszeiten?.

Künstler

Thomas Gatzemeier zeigt seine Arbeiten im alten Badehaus

  • schließen

Sehgewohnheiten stellt der Künstler Thomas Gatzemeier in der Galerie im alten Badehaus in Frage. Schön anzusehen sind seine Arbeiten allemal.

Jeder Federstrich ist mit Bedacht gezogen, jeder Farbtupfer bewusst gewählt. Ob „Insektensammelsurium“ oder „Mystische Möhre“ – Thomas Gatzemeiers Stillleben strahlen und leuchten intensiv. Melancholisch hingegen wirken die schwebenden, in sich verknäulten Frauenleiber. In ihrer ungeschönten Nacktheit wirken sie verletzlich. „Le Ciel“ und „Lichter Raum“ sind zwei Arbeiten auf Wandbreite.

Ganz anders das Bild „Die Jahreszeiten“. Zwei nackte Damen auf einem Sofa platzieren sich im Zentrum einer surrealen Welt. Umgeben von Pinguinen, fliegendem Getier, giftigen Fliegenpilzen, erwachenden Schneeglöckchen und einem Hirschgeweih als Hintergrund. Überwältigend ist die Bandbreite der Arbeiten des Malers und Grafikers Thomas Gatzemeier, Jahrgang 1954. Dem Besucher der Stadtgalerie im historischen Badehaus fordern sie beim Betreten ein erstes Innehalten ab.

„Natur pur“ titelt die Ausstellung. „Jeder Künstler lebt in seiner Zeit“, betont Peter Elzenheimer, und setze das Erlebte entsprechend um. Damit hat der Galerist aus Schwalbach, der die Ausstellung mit der Stadt Bad Soden organisiert hat, den Punkt getroffen. Denn die figürliche Malerei, die das Werk Gatzemeiers dominiert, liegt in seiner ungewöhnlichen Vita begründet. 1954 im sächsischen Döbeln geboren, hat Gatzemeier zu DDR-Zeiten an der bekannten Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Arno Rink und Volker Stelzmann in Leipzig studiert. Er sei einfach künstlerisch woanders sozialisiert worden, betont der 63-Jährige.

In Leipzig sei die Malerei nach alter akademischer Tradition gelehrt worden. Als Handwerk von der Pike auf. So nehmen die beiden großen figürlichen Arbeiten, die schwebenden, sich nach oben streckenden Frauen, Bezug auf die späte Renaissance. Hintergrund ist eine Auftragsarbeit. Ein Altarbild, das Gatzemeier 2002 für die schwäbische Marienkirche in Crailsheim gemalt hat. „60 nackte Leiber, die auf 60 Quadratmeter durch die Gegend flogen“, hätten damals für einen Aufschrei gesorgt. Seine Aktzeichnungen, das ist dem Künstler wichtig, seien weder erotisch noch sexuell belegt. „Meine Aktmalerei ist sinnlich, sie trägt viel Melancholie in sich.“

Er sei kein „Kunstmarktkünstler“, beschreibt sich Gatzemeier, und auch dem Mainstream (Massengeschmack) verweigert er sich. Manche seiner Künstlerkollegen stellten ihn in die konservative Ecke, doch damit könne er gut leben. Er habe das Künstlerdasein nie als Beruf begriffen, „den ich stoisch durchmachen muss.“ Er pendelt zwischen Ateliers in Karlsruhe und Leipzig.

Aus politischen Gründen wurde Gatzemeier 1986 aus der DDR ausgebürgert. Seitdem hat er als freischaffender Künstler zwischen abstrakter und gegenständlicher Malerei unterschiedliche Zyklen durchlaufen. Und er experimentiert. So reizt es ihn, aus gebrauchten Materialien neue Kunst zu schaffen. Oder auf alte Heliogravüren (fotografische Edeldruckverfahren) mit der Feder farbige Akzente zu setzen. Er erzählt gern Geschichten.

Seine jüngsten Arbeiten, die der Künstler teils für diese Ausstellung geschaffen hat, haben lyrischen Charakter. Was der Betrachter etwa aus dem „Eitlen Gockel“, dem „Flatterzeug auf grünem Grund“ oder dem „Überflieger“ für sich herausliest, überlässt Gatzemeier ihm. „Ich kann ein Türchen öffnen, aber jeder muss sich selbst sein Bild machen.“ Wo findet er seine Motive? Häufig blättert er in irgendwelchen Büchern, stößt auf ein Element, dann wieder ist es die „Hintersinnigkeit der Natur“, die ihn anregt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare