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Welterbe-Glanz statt Kohle-Mief und Stalin-Kult

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Von: Brigitte Kramer

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Eine prächtige Kulisse zur Brunnenweihe in Franzensbad: Die Elevinnen, flankiert von den Schützen, tanzen einen Straußwalzer. Das Bild ist von 2015.
Eine prächtige Kulisse zur Brunnenweihe in Franzensbad: Die Elevinnen, flankiert von den Schützen, tanzen einen Straußwalzer. Das Bild ist von 2015. © Kramer

Vor 30 Jahren verschwisterten sich Bad Soden und Franzensbad. Der Wegbereiter Berthold Gall erinnert sich.

Bad Soden - Auf Tschechisch ist es für Deutsche ein Zungenbrecher. Übersetzt trägt Bad Sodens Partnerstadt Frantiskovy Làzne den leicht aussprechbaren Namen Franzensbad. Seit 30 Jahren sind beide verschwistert. An jenem Samstag, 18. Januar 1992, unterzeichneten die damals amtierenden Bürgermeister Frantisek Zima und Berthold Gall die Partnerschaftsurkunde. Der Neujahrsempfang in Bad Soden bot damals den feierlichen Rahmen für das ortsgeschichtlich denkwürdige Ereignis. Im August desselben Jahres machte sich der neu gewählte Bad Sodener Bürgermeister Kurt Bender auf den Weg in die tschechische Kurstadt. Er beurkundete gemeinsam mit dem ebenfalls neu gewählten Bürgermeister, Josef Stogr, die junge Städtepartnerschaft.

Zwei Heilquellen-Orte? Gall: Das passte!

"Es ist eine große Freude, wenn eine Freundschaft zwischen zwei Städten über so lange Zeit besteht und von beiden Seiten mit Leben gefüllt wird", schickte Bürgermeister Frank Blasch anlässlich des Jubiläums herzliche Grüße an seinen Kollegen Jan Kuchar nach Franzensbad. Dass sich diese Partnerschaft über drei Jahrzehnte erhalten hat, konnte nur gelingen, weil sich zahlreiche Menschen in beiden Kurstädten dafür engagiert haben.

Beim Deutschen Städtetag habe er sich seinerzeit schlau gemacht, blickt Berthold Gall im Gespräch mit dem Höchster Kreisblatt zurück, ob eine Kommune in Tschechien an einer Partnerschaft mit Bad Soden interessiert sei. Die Städte im böhmischen Bäderdreieck - Karlsbad, Marienbad und Franzensbad - boten sich an.

"Wir haben uns die kleinste ausgesucht", sagt Gall. Franzensbad mit seinen 24 Heilquellen, die für Bäder und Inhalationen genutzt werden, seinen rund 6000 Einwohnern und nur 380 Kilometer von Bad Soden entfernt, habe am besten zum Kurort Bad Soden gepasst. Die erste Fahrt nach Franzensbad, kurz nach dem Mauerfall, sei eine einmalige Erfahrung gewesen. Die Bäderstadt sei noch von einem kommunistischen Bürgermeister regiert worden, in den Läden hätten die Büsten von Lenin und Stalin gestanden, und es habe nach Kohle und Reinigungsmitteln gerochen. Doch das Stadtbild habe sich bald zum Positiven hin verändert.

Pionierin mit besonderer Aufgabe

Nicht unverdient wurde Franzensbad inzwischen in den Kreis der Unesco-Weltkulturerben aufgenommen und zählt seit dem 24. Juli 2021 zu einer der bedeutendsten Kulturstädte Europas.

Wenn Sigrid Patzelt (ehemals Kauker) heute über ihre "Pionierzeit" bei der Pflege der Städtepartnerschaften im Sodener Rathaus (1997 bis 2011) spricht, erinnert sie sich an "einen ganz besonderen Job". Auf eine Anzeige in der Zeitung hin hatte sich die Französisch-Lehrerin 1997 bei der Stadt Bad Soden beworben. Der Kontakt mit den Menschen und den unterschiedlichen Kulturen habe ihr viel Freude bereitet, betont die Altenhainerin. Der Schüleraustausch zwischen Franzensbad und der Eichwaldschule (der heutigen Mendelssohn-Bartholdy-Schule) habe auf Initiative von Reinhard Birkert (Niederhöchstadt), heute stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher in Eschborn, von Beginn an regelmäßig stattgefunden. Die Schüler wohnten in Gastfamilien. Der Besuch der Sodener Feuerwehr gehörte ebenso zum Pflichtprogramm wie ein Empfang beim Stadtoberhaupt im Sodener Rathaus. Regelmäßig werden abwechselnd in beiden Städten Fußballturniere organisiert. Die Schachspieler treffen sich zu Wettkämpfen, die Tennisspieler veranstalten Turniere. Der Männergesangsverein Apollo gab 1998 im Theater von Franzensbad ein Konzert vor ausverkauftem Haus.

Die Bürgerfahrten nach Franzensbad zur Brunnenweihe im Mai eines jeden Jahres etablierten sich, jeweils verbunden mit Besuchen in Pilsen und der Urquell Brauerei (1998) oder in Marienbad und Karlsbad (1999) mit Abstecher nach Prag. Dass die Festlichkeiten zur Eröffnung der Kursaison mit der Brunnenweihe immer zu einem Spektakel der Sinne werden, muss nicht extra betont werden. Da Kaiser Franz Joseph I. der Bäderstadt seinen Namen gegeben hat und bei der Festlichkeit im Wonnemonat Mai nicht fehlen darf, schlüpft Franzensbads Museumsdirektor Stepan Odstrcil traditionell in des Kaisers Kleider. Im Gegenzug besuchen die Franzensbader das Sommernachtsfest in Bad Soden und sind beim Neujahrsempfang gerngesehene Gäste.

Auch besondere städtische Ereignisse, wie die Neueröffnung des Medico Palais 1993 in Bad Soden oder die Eröffnung des zum Gesellschaftshaus umgebauten ehemaligen Kurhausgebäudes in Franzensbad boten Anlässe zu gegenseitigen Besuchen. Diverse Ausstellungen, wie die Werke des Sodener Künstlers Rudolf Schucht (1996) oder die Fotoreihe "Bad Sodener Köpfe" (2018) in Franzensbad, die an Ort und Stelle mit Aufnahmen von Franzensbadener Köpfen ergänzt wurde, schaffen stetige Impulse. Wie auch die Skulpturen des Franzensbader Künstlers Pavel Polidor im Kulturzentrum Badehaus (2017) oder die Sodener Ausstellung über Alexander von Humboldt im Franzensbader Stadtmuseum (2019).

Fast wäre der Kontakt eingeschlafen

So überraschte Bürgermeister Otakar Skala seinen Bad Sodener Kollegen Norbert Altenkamp wenige Wochen nach seiner Wahl mit einem spontanen Besuch beim Neujahrsempfang 2015. Er wolle ein Signal setzen, sagte der Tscheche, und die Verbindung zu Bad Soden als Partnerstadt wieder intensivieren, nachdem sie unter seinem Vorgänger quasi auf null zurückgefahren worden sei. Das ist den beiden Rathauschefs offensichtlich gelungen.

Zur 222. Eröffnung der Kursaison im Mai 2015 reisten die Bad Sodener nach Franzensbad und wurden mit einem festlichen Veranstaltungsprogramm empfangen. Die Bürgerreise mit 50 Teilnehmern wurde vom Sodener Städtepartnerschaftsverein IKUS gemeinsam mit der städtischen Abteilung Kultur und Veranstaltungen organisiert, gesponsert und war ein vielversprechender Erfolg.

Januar 1992: Bürgermeister Frantisek Zima (Franzensbad) und sein Bad Sodener Amtskollege Berthold Gall (rechts) unterzeichnen die Partnerschaftsurkunde.
Januar 1992: Bürgermeister Frantisek Zima (Franzensbad) und sein Bad Sodener Amtskollege Berthold Gall (rechts) unterzeichnen die Partnerschaftsurkunde. © Stadtarchiv

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