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Swetlana Ens vom Arbeitsmedizinischen Zentrum des Industrieparks übt mit Alexander Völpel die Herzdruckmassage.

Herzdruckmassage

Mit den „Bee Gees“ Leben retten

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Mehr als 70 000 Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr einen plötzlichen Herzstillstand außerhalb eines Krankenhauses. Nur 34 Prozent der Laien fühlen sich sicher genug und helfen derzeit, die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungswagens mit Herzdruckmassage zu überbrücken.

„Ah, ha, ha, ha, stayin’ alive, stayin’ alive“ – der „Klassiker der „Bee Gees“ kann Leben retten. Wer im Rhythmus der Melodie seine Herzdruckmassage ausübt, ist auf der sicheren Seite. „We All Live in a Yellow Submarine“ von den „Beatles“ geht auch. „Wenn Sie wollen, können Sie auch den Radetzkymarsch nehmen“, sagt Prof. Bernd W. Böttiger vom Deutschen Rat für Wiederbelebung (German Resuscitation Council, GRC). Wichtig ist: 100 bis 120 Mal pro Minute muss man drücken, und das mit Kraft, um womöglich ein Leben zu retten.

Mehr als 70 000 Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr einen plötzlichen Herzstillstand, die meisten in ihren eigenen vier Wänden. Bei den meisten ist jemand dabei, wenn es passiert, und trotzdem fühlen sich nur 34 Prozent von uns dazu in der Lage, eine Herzdruckmassage auszuüben, um die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungswagens zu überbrücken. Im Schnitt dauert es acht Minuten, bis der Notarzt da ist. Schon nach fünf Minuten ohne Herzschlag beginnt allerdings das Hirn abzusterben, weil es keinen Sauerstoff mehr erhält, erläutert Böttiger. Die Herzdruckmassage hilft, die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungswagens zu überbrücken, denn erwachsene Menschen haben in der Regel noch genug Sauerstoff im Blut: Es muss nur ins Gehirn gepumpt werden. Wenn das nicht vom Herzen übernommen wird, muss es der Ersthelfer machen.

Die Betreibergesellschaft des Industrieparks Höchst, Infraserv, schult seit gestern ihre Mitarbeiter in Herzdruckmassage. Zwar gibt es Ersthelfer in den Betrieben, doch hat der Arbeitsmedizinische Dienst die Notwendigkeit erkannt, mehr Mitarbeiter fit zu machen – und ihre Hemmschwelle zu senken. Viele sind der Ansicht, dass zur Herzdruckmassage auch die Mund-zu-Mund-Beatmung gehört. Das, so Prof. Böttiger, sei bei Erwachsenen nicht zwingend, zumindest nicht in den ersten acht bis zehn Minuten, solange noch Sauerstoff im Blut ist. Anders sei es bei kleineren Kindern: Bei ihnen müsse beatmet werden.

Für die Herzdruckmassage gilt: Mit beiden Händen, mit Kraft mitten aufs Brustbein, zwischen den Brustwarzen. „Sie können eigentlich nicht zu kräftig drücken, die meisten drücken zu leicht“, erklärte Böttiger gestern im Peter-Behrens-Bau des Industrieparks Höchst zum Start der Mitarbeiter-Schulung. Anders als früher gelehrt, dürfe keine Pause gemacht werden – 100 bis 120 Stöße pro Minute, am Besten man summt den „Bee Gees“-Klassiker oder eben den Radetzkymarsch. Gedrückt wird mit ausgestreckten Armen, die Schultern über dem Druckpunkt.

Die Infraserv-Mitarbeiter und die Beschäftigten im Industriepark können es heute an Übungspuppen in Gebäude C 299, morgen in E 557 und am Donnerstag in F 660 ausprobieren. Am Samstag, 22. September, kann zum „Tag der offenen Tür“ im Industriepark Höchst zwischen 9 und 15 Uhr jeder teilnehmen.

Initiiert wurde die Aktion im Industriepark von den Betriebsärzten Tobias Gehrig und Tobias Limbach zur „Woche der Wiederbelebung“, die derzeit in Deutschland läuft. Am 16. Oktober wird es erstmals einen weltweiten „Tag der Wiederbelebung“ geben. Zu wissen, wie es geht, lohnt sich: Deutschlandweit sterben jährlich mehr als 70 000 Menschen an plötzlichem Herzstillstand außerhalb eines Krankenhauses; das ist die dritthäufigste Todesursache nach Rauchen (110 000) und Alkohol (74 000). Böttiger will erreichen, dass die Technik verpflichtend an Schulen gelehrt wird. Auch Infraserv-Chef Dr. Joachim Kreysing hat einen Kurs gemacht: „Vor zehn Jahren kam ich zu einem Notfall, und ich wusste nicht, wie es geht. Andere haben geholfen. Ich habe mich sofort für einen Kurs angemeldet.“

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