„Bei uns fliegt keiner raus“

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Seit drei Jahren läuft das Inklusionsprojekt „Kickwerk“ des Sozialen Fußball-Zentrums Frankfurt-West. Jedes Jahr wurde es erweitert. Neues Ziel ist nun, auch auf Dauer eine inklusive Fußballmannschaft in Höchst zu etablieren.

Auf dem Sportplatz der SG 01 Hoechst am Stadtpark ist Abschlussturnier. Knapp 30 Schüler aus drei verschiedenen Schulen spielen gegeneinander Fußball. Die Jungs kommen von der Hostatoschule, der Kasinoschule mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ und der Nieder Panorama-Schule mit dem Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“. Alle Schüler haben in ihrem Alltag und der Schule ganz unterschiedliche Schwierigkeiten. Auf dem Fußballplatz haben sie gemeinsam Freude.

„Es macht Spaß zu spielen, auch wenn es ziemlich anstrengend ist und ich als Abwehrspieler leider kein Tor machen konnte“, sagt Soufian (17). Er ist im berufsvorbereitenden Jahr an der Panorama-Schule. Mit seinem Onkel hat Soufian immer gern Fußball gespielt, aber in einen richtigen Verein, wie sein Bruder, wollte er nie. Vielleicht weil er ahnt, wie es ausgehen könnte.

„70 Prozent der Jugendlichen, die hier heute kicken, waren schon mal in einem regulären Verein. Oft bleiben diese Kinder dort aber nicht lange, weil sie entweder gemobbt werden oder mit Spielern und Trainer aneinander geraten“, sagt Rainer Eckert vom Sportkreis Frankfurt. Er ist Mitorganisator und Initiator des Projekts „Kickwerk“.

Weil gerade auch Jugendlichen mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen der Fußball Freude macht und sie mit dem Sport viel über soziales Miteinander lernen, startete das Soziale Fußballzentrum Frankfurt-West im Sommer 2012 die Initiative. Daniel Nickolaizig, Sportlehrer an der Panorama-Schule, ist von dem Erfolg begeistert: „Wir sind schon zum zweiten Mal dabei und haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Die Schüler wählen das Angebot freiwillig und nehmen es begeistert an. Es gibt eigentlich kaum Schwierigkeiten.“

Zu Beginn gab es lediglich während einiger Wochen nachmittags Fußballtraining – und das gleich von einem renommierten Profi. Zwischen Sommer- und Herbstferien trainierte der ehemalige Bundesligaspieler und Ex-Eintracht-Star Atze Rompel die Schüler einmal wöchentlich. Im vergangenen Jahr weitete das „Kickwerk“ seine Initiative dann auf ein halbes Schuljahr aus. Immer begleiten sowohl pädagogische Fachkräfte als auch Fußballtrainer oder Sportstudenten die Trainingseinheiten ehrenamtlich.

„Es ist wichtig, ein Kind in manchen Situationen aus dem Spiel nehmen zu können, es wenige Minuten einzeln zu betreuen und ihm seine Aufmerksamkeit zu widmen, wenn etwas nicht klappt“, sagt Eckert. Genau hier gibt es in den regulären Vereinen immer wieder Probleme. „Die Mentalität ist oft: Entweder alles klappt und jeder hält sich immer sofort an alle Regeln, oder er fliegt. Das ist aber gerade bei Kindern mit Defiziten oder Behinderungen der falsche Weg. Es gibt immer Möglichkeiten, ihnen zu zeigen, wie sie trotz mancher Schwierigkeiten weiter zurechtkommen.“

Dies gilt vor allem auch und für das Spiel gemeinsam mit nicht beeinträchtigten Kindern. Aus diesem Grund soll das Projekt „Kickwerk“ nun nochmals erweitert werden. Auf Dauer soll eine inklusive Fußballmannschaft im Frankfurter Westen aufgebaut werden, die regulär in Vereinen trainieren kann und in Zukunft wenn möglich auch am Wettbewerb in der Jugendliga teilnimmt. Zurzeit sei man mit den Vereinen SG 01 Hoechst und FC Heisenrath Goldstein darüber im Gespräch, wie dies umgesetzt werden könne, sagt Eckert. „Auch die Vereine brauchen natürlich Unterstützung und Anleitung. Sie müssen zum Beispiel wissen, welche Anforderungen damit an ihre Trainer gestellt werden oder wie die Leistung der Jugendlichen angemessen eingeschätzt und gefördert werden kann“, sagt Eckert.

All das sei möglich und auch machbar, wie die letzten Jahre des Projekts „Kickwerk“ gezeigt hätten: „Bei uns fliegt niemand einfach raus. Jeder darf und kann hier mitmachen. Das soll auch für die neue Mannschaft gelten.“

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