Beim Tanzen die Scheu ablegen

  • vonCarina Berg
    schließen

Ein Musicalprojekt will Inklusion durch Bewegung deutschlandweit fördern. Die Höchster Tanzschule Carsten Weber lädt dazu Menschen mit und ohne Behinderung ein, gemeinsamen zu tanzen.

Es wackeln die Wände, das Parkett knarrt. „Eins, zwei, drei, und jetzt die Hände hoch, und wir hüpfen im Takt“, ruft Tanzlehrerein Sabine Hahn laut durch den Raum. Hinter ihr springen zehn Schüler vor den großen Spiegeln in die Höhe – freudestrahlend, lachend. Zum ersten Mal trainierten jetzt Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam in der Tanzschule „die Tanzschule Carsten Weber“ für ihren großen Auftritt. Sie wollen beim Inklusions-Musical der „Patsy & Michael Hull Foundation“ aus Osnabrück in der Jahrhunderthalle auf der Bühne stehen.

Pro Höchst unterstützt

Seit 2003 setzt sich die Stiftung für Inklusion durch Tanz und Bewegung ein, indem sie rund 90 Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung die Möglichkeit gibt, gemeinsam zu trainieren. Seitdem gab es mehr als 600 Auftritte der inklusiven Tanzgruppen. Vier davon waren Musicals. Das fünfte wird nun vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales aus dem Ausgleichsfonds für überregionale Vorhaben zur Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben gefördert und findet deutschlandweit statt. Schirmherr ist Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank. Bei dem Stück „Grand Hotel Veag$“ sollen rund 1000 Darsteller mit und ohne Behinderung in 10 deutschen Städten vor Publikum tanzen. Auch der Verein „Pro Höchst“ unterstützt die Aktion, wie der Vorstand in dieser Woche einstimmig beschlossen hat.

Unter dem Motto „Durch Tanz und Bewegung zum Arbeitsplatz“ wird das Musical von September bis November 2015 mit jeweils unterschiedlicher Besetzung in Essen, Stuttgart, Bremen, Augsburg, Minden-Lübbecke, Osnabrück, Hamburg, Magdeburg, Berlin und Frankfurt gezeigt. Die Höchster waren begeistert und wollten sofort dabei sein. „Die Foundation hat uns angeschrieben, von dem Großprojekt berichtet und gefragt, ob wir mitmachen wollen. Alle hier waren direkt einverstanden“, erzählt Inhaber Carsten Weber.

Choreografien lernen

Auch die 15-jährige Sophie hat sich entschieden mitzutanzen: „Ich tanze eigentlich ganz regulär im Standardkurs, aber uns war sofort klar, dass wir alle dabei sein wollen, wenn wir so ein Projekt machen. Ich habe dienstags schon früh Schule aus, da passt das.“ Bei jedem Auftritt stehen rund 100 Darsteller aus der Region mit dem Stammensemble aus Osnabrück auf der Bühne. Die Gruppe der elf Michael-Schüler trainiert in Höchst mit Sabine Hahn und Anna Chkebelski jeden Dienstag um 14 Uhr. „Für den Auftritt werden wir mit den Kindern zwei bis drei Choreografien lernen, die dann alle zusammen tanzen. Wer mitmachen möchte, ist herzlich willkommen dazu zustoßen“, sagt Hahn.

Mit behinderten Kindern haben die beiden Trainerinnen noch nie gearbeitet, doch bereits nach der ersten Stunde sind sie begeistert. „Die Jugendlichen gehen sehr offen mit den Bewegungen um, sie haben sofort Freude daran, und damit bekommt man als Trainerin gleich viel zurück“, freut sich Hahn. Auch Steffi (17) und Kim (18), beide haben das Down-Syndrom, sind mit Feuereifer dabei. „Die Musik und sich zu bewegen machen ganz viel Spaß“, sagt Kim lachend, und Steffi nickt bestätigend mit dem Kopf.

Findet sich eine größere Anzahl Tänzer mit oder ohne Behinderung, die in Höchst teilnehmen möchten, wäre auch ein weiteres Training am Abend möglich. Für Interessierte veranstaltet die Tanzschule am 3. März um 17 Uhr eine Schnupper- und Infostunde.

Carsten Weber selbst urteilt schon jetzt sehr positiv über das Inklusionsprojekt: „Es gibt bei diesen Kindern keine Scham, sich zu bewegen. Sie haben keine Ängste, eventuell uncool auszusehen, wie viele andere Teenager in diesem Alter. Sie wollen vor allem einfach dabei sein, mitmachen und Spaß haben.“ Dabei ist es auch erklärtes Ziel des Musicals, den Darstellern einen Weg in den ersten Arbeitsmarkt aufzuzeigen: Das Tanzen und der Auftritt vor Publikum sollen das Selbstbewusstsein der jungen Menschen stärken, wovon sie auch bei einer Ausbildung oder in einem Praktikum profitieren. So begleiten spezielle Jobmessen das Projekt, die Unternehmen aus der Region und Menschen mit Behinderung näher zusammenbringen möchten. Zusätzlich veranstaltet die Stiftung runde Tische zum Thema Inklusion, an denen teilnehmende Kommunen und Unternehmen regelmäßig ihre Erfahrungen austauschen können.

Das Musical, für das die Jugendlichen von nun an trainieren, ist in Frankfurt am Freitag, 2. Oktober, in der Jahrhunderthalle zu sehen.

Kontakt, auch für ein Schnuppertraining: Tel. (069) 30 29 76 oder per Mail an info@die-tanzschule.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare