?Die aktuelle Aussterberate von Tier- und Pflanzenarten liegt nach Schätzungen 1000 bis 10 000 Mal über der durchschnittlichen Rate?, sagt Michael Orf von der MTK-Naturschutzbehörde.
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?Die aktuelle Aussterberate von Tier- und Pflanzenarten liegt nach Schätzungen 1000 bis 10 000 Mal über der durchschnittlichen Rate?, sagt Michael Orf von der MTK-Naturschutzbehörde.

Artensterben

Besonders die Landwirtschaft ist beim Thema Artenschutz gefragt

Innerhalb der vergangenen 40 Jahre hat sich deutschlandweit die Zahl der Vögel um 80 Prozent reduziert. Wildbienen summen ebenfalls immer weniger. Aber es gibt auch eine ganze Reihe neuer Einwanderer – beispielsweise bei den Insekten.

„Biodiversität“ – ein Schlagwort, das es zu eher ungewollter Popularität gebracht hat. Denn für eine intakte Natur braucht es eben jene Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten. Doch spezialisiertes Bewirtschaften und der Einsatz von Pestiziden und Herbiziden bringen das Gleichgewicht des Ökosystems ins Wanken, da Lebensräume vernichtet werden. So ist in den letzten Jahrzehnten ein deutlicher Artenrückgang festzustellen. „Landwirtschaft und Naturschutz müssen gemeinsam Wege für den Erhalt der Biodiversität in der Agrarlandschaft finden“, hieß es daher kürzlich auf einem Fachforum der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

Nur noch drei Gräser

Infolge von Bautätigkeit und einer intensiv betriebenen Landwirtschaft seien artenreiches Grünland, Feuchtwiesen sowie Ackerrand- und Brachstreifen – bis auf die Flächen, die unter Naturschutz stehen – weitgehend verschwunden, so die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) e. V. „Statt zahlreichen Blütenpflanzen findet man nur noch drei verschiedene Gräser. Dadurch haben viele Insektenarten und damit auch deren Beutetiere keine Lebensgrundlage mehr“, weiß Hans-Joachim Menius. „Viele Käfer-, Schmetterlings- und Libellenarten sind bis auf Inselvorkommen verschwunden. Das gleiche gilt für die Amphibien- und Reptilienarten. Waren Feldlerche, Stare und Finken früher Allerweltsvogelarten, sind sie heute in ihrem Bestand bedroht.“

Und nicht nur das, denn Experten vermuten, dass in Deutschland bis zu 80 Prozent weniger Vögel leben als noch vor rund 40 Jahren. Derzeit ginge jährlich etwa ein Prozent der Vogelindividuen verloren. Auch Ornithologe Michael Orf von der Unteren Naturschutzbehörde des Main-Taunus-Kreises weiß um den Artenrückgang, der sich in einer erschreckend kurzen Zeitspanne vollzieht. Zwar sei ein Wandel in der Natur und in der Verbreitung von Arten immer etwas Natürliches, da sich Flora und Fauna den sich ständig wandelnden Lebensbedingungen anpassen, und sich die Verbreitungsgebiete verschieben: „So führt der ’Klimawandel’ unter anderem dazu, dass Zugvögel ihr Verhalten ändern und deutlich früher zurückkehren, da viele Insektenarten, die zur Fütterung der Jungvögel genutzt werden, eben auch früher auftreten. Gut ist das beispielsweise bei Mehl- und Rauchschwalben zu beobachten.“ Manche Arten würden aber eben auch aussterben. „Doch die aktuelle Aussterberate von Tier- und Pflanzenarten liegt nach Schätzungen von Wissenschaftlern rund 1000 bis 10 000 Mal über der durchschnittlichen Rate und spielt sich in einem für die Erdgeschichte beispiellos kurzen Zeitraum ab“, meint Orf.

Faktor Mensch

Verantwortlich sieht er den „Faktor Mensch“: „Mit dem Beginn der ’modernen Landwirtschaft’ hat ein Massensterben eingesetzt. Diese Veränderungen kann jeder vor der eigenen Haustür oder bei Spaziergängen im Feld beobachten. Der Himmel im Frühling ist eben nicht mehr voll singender Lerchen, und die noch vor Jahrzehnten als Schädlinge bekämpften Spatzen pfeifen nicht mehr von jedem Dach.“ In der hiesigen Region definitiv ausgestorben sei die Haubenlerche, die bis vor rund zehn Jahren noch auf der Deponie Wicker gebrütet habe, sowie der Wendehals. Auch der Baumpieper, der vor 20 Jahren in vielen Streuobstwiesen und an Waldrändern zu sehen war, sei bei uns vermutlich nicht mehr zu finden. Daher appelliert er an die Landwirte, beispielsweise die Randstreifen von Feldern mit Ackerwildkräutern zu besiedeln.

Nicht zuletzt bei den Insekten sind in den letzten zehn bis 20 Jahren etliche Arten – beispielsweise der Wildbienen – unbemerkt ausgestorben, so die Experten. Doch da Insekten auf Veränderungen schnell reagieren, konnten gleichzeitig viele Neuankömmlinge gesichtet werden. Derart „eingewandert“ in den Main-Taunus-Kreis sind beispielsweise viele Schmetterlinge. Alfred Westenberger vom entomologischen Verein Apollo e. V. in Königstein hat im Laufe seiner 40-jährigen Beobachtung inzwischen mehrere Arten hier neu entdeckt. „Aktuell gibt es im Main-Taunus-Kreis insgesamt 50 Tagfalter- und acht Widderchenarten. Die voranschreitende Klimaerwärmung oder andere negative Umwelteinflüsse haben die Artenzahl der Tagfalter hierzulande nicht vermindert“, weiß der Schmetterlingsexperte. „Im Gegenteil: Einige Arten, die als verschollen galten, sind in den letzten acht Jahren zurückgekehrt.“ Darunter der Grüne Zipfelfalter, der Große Fuchs, der Große Eisvogel, der Kleine Schillerfalter, der Malven-Dickkopffalter sowie der Zweibrütige Würfel-Dickkopffalter. Mit dem Kurzschwänzigen Bläuling und dem Karstweißling seien zwei Arten aus dem Süden eingewandert.

Neuling: Feuerlibelle

Auch bei den Libellen, die von Natur aus weit wandern und damit als gute Indikatoren für Veränderungen der Lebensbedingungen und des Klimawandels gelten, gibt es Neubürger. Aus dem Mittelmeerraum beispielsweise stammen die Feuerlibelle und der Südliche Blaupfeil, der an austrocknende Fortpflanzungsgewässer angepasst ist, wie sie 2017 wegen fehlender Niederschläge in den Weilbacher Kiesgruben zu finden waren. „Auch konnte ich dort 2015 erstmals die Gabel-Azurjungfer nachweisen; eine mediterrane Art, die erst seit kurzer Zeit in Hessen vorkommt und sich ausbreitet. In den Folgejahren beobachtete ich dann etliche Paare bei der Fortpflanzung“, so Dr. Stefan Dröse. Der Libellenexperte aus Hattersheim erinnert sich allerdings auch an die Gefleckte Heidelibelle, die mittlerweile in ganz Hessen verschwunden ist: „Die Gründe sind noch nicht genau geklärt, aber klimatische Änderungen sind wahrscheinlich.“

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