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Wer sich dem Wein verbunden fühlt, kann jedes Jahr im Herbst bei der Lese in Diedenbergen helfen.

Hofheim

Bürger lesen Riesling vom Hofheimer Sonnenhang

Der Weißwein aus dem Stadtteil Diedenbergen darf nicht verkauft werden. Der Sonnenhang ist keine offizielle Lage des Rheingaus.

Vorsichtig setzt Adolf Faller die spitze Rebschere an und schneidet die Trauben vom Weinstock. Drei der orangefarbenen Butten hat der Hofheimer gestern Mittag bereits vollgemacht. Gerade hat das zehnköpfige Team der ehrenamtlichen Helfer im Hofheimer Weinberg Pause gemacht und sich mit Brot, Hausmacherwurst und Spundekäs gestärkt. Nun geht die Weinlese im städtischen Weinberg an der Schwarzwaldstraße weiter; alle Trauben vom Diedenbergener Sonnenhang sollen bis zum Nachmittag gelesen werden. Ein Lastwagen wird die vollen Butten dann ins Hofheimer Weingut Seidemann bringen. Dort wird der Wein noch am selben Tag gekeltert.

Das Wetter ist prächtig. Die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel, ein laues Lüftchen lässt die gelben Blätter der Weinstöcke rascheln und Bernhard Racky stellt stolz fest: Der Jahrgang 2019 wird zwischen 95 und 100 Öchslegrad haben. Mit einem sogenannten Refraktometer hat er den Zuckergehalt des Traubensaftes gemessen. „Das ist ein sehr gutes Ergebnis“, konstatiert er.

Racky ist der „Vater des Diedenbergener Weinbergs“. 1990 hat er die Rebstöcke auf einer 1400 Quadratmeter großen Wiese am Südrand des Ortes pflanzen lassen. Kurz zuvor habe der letzte „Feierabendwinzer“ im Hofheimer Stadtteil aufgehört, weil sein Weinberg zum Gewebegebiet wurde, erinnert sich Racky, der seinerzeit Hauptamtsleiter im Rathaus der Main-Taunus-Kreisstadt war. Der damalige Bürgermeister Friedrich Flaccus wollte die Tradition des Weinbaus in Hofheim erhalten. Einen entsprechenden Antrag genehmigte das Weinbauamt in Eltville 1989. Zwei Spaten tief habe man im Folgejahr die Wiese in Diedenbergen umgegraben und 405 Setzlinge der Rebsorte Weißer Riesling gepflanzt, erzählt Racky. Als drei Jahre später der erste Wein gelesen werden sollte, fiel die Ernte aus – die Stare hatten alle Trauben geholt. Seither schützen große Netze die Weinstöcke vor den diebischen Vögeln.

Rund 600 Liter des Rieslings vom Sonnenhang würden pro Jahr gelesen, sagt Bernhard Racky. Das Weingut Seidemann füllt den Wein in 0,7-Liter-Flaschen ab, das Etikett gestalten Hofheimer Künstler. Im Rahmen eines Wettbewerbes wird jedes Jahr der Siegerentwurf für den neuen Jahrgang gekürt.

Klimawandel schadet nicht

Alle bisher in Diedenbergen gelesenen Weine erfüllten die Kriterien eines Qualitätsweines. Weil der städtische Wingert außerhalb der offiziellen Weinbergslagen liegt, darf der Riesling aus Diedenbergen aber nur als „Deutscher Tafelwein“ bezeichnet werden. Eine eigene Lage zu erhalten und damit zum Weinbaugebiet Rheingau zu gehören, sei bisher nicht gelungen, sagt Racky. „Das wäre sehr aufwendig.“

Geld verdienen kann die Stadt Hofheim mit dem Riesling aus ihrem Weinberg nicht. Die Genehmigung für den Weinanbau wurde vor 30 Jahren nämlich nur zu Forschungs- und Demonstrationszwecken erteilt; damit darf der Wein nicht verkauft werden. Die rund 1000 Flaschen pro Jahrgang werden stattdessen verschenkt – an Jubilare, Ehrengäste, ehrenamtliche Kommunalpolitiker, Wahlhelfer oder Bürger, die sich um das Wohl der Stadt verdient gemacht haben. Auch bei festlichen Empfängen wird der Diedenbergener Sonnenhang ausgeschenkt.

Bernhard Racky ist optimistisch, dass das auch in den nächsten Jahren so bleiben wird. Die Rieslingreben an der Schwarzwaldstraße seien zwar schon relativ alt, aber der Ertrag beständig gut. Selbst die letzten beiden heißen und trockenen Sommer konnten dem Wein aus Diedenbergen nichts anhaben. Das liegt wohl auch am Boden, auf dem die Rebstöcke gepflanzt worden. „Das ist schwerer Lehm, und der speichert die Feuchtigkeit besonders gut.“

Von Andrea Rost

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