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Ein Westfale im Rhein-Main-Gebiet: Torsten Gunnemann ist Geschäftsführer der Caritas Main-Taunus.

Interview

Caritas-Geschäftsführer: „Wir brauchen mehr Kita-Personal“

Das Gesetzgebungsverfahren zum Kinderförderungsgesetz (Kifög) soll am morgigen Donnerstag in die Anhörung im Hessischen Landtag gehen. Nach Ansicht der Freien Wohlfahrtsverbände ist das Kifög allerdings noch unvollständig. Sie fordern Nachbesserungen. Es müsse viel mehr auf die Qualität der Kinderbetreuung geachtet werden. Dafür werde zusätzliches Personal benötigt. Dirk Müller-Kästner sprach mit dem Geschäftsführer der Caritas Main-Taunus, Torsten Gunnemann, der auch Vorsitzender der KTK-Regional-Arbeitsgemeinschaft Main Taunus ist.

Mit der Befreiung der Eltern von Kita-Gebühren sind sie einverstanden, mit der Personalausstattung von Kindertagesstätten nicht. Ist die Lage im Main-Taunus-Kreis bezüglich Personal tatsächlich so schlimm?

TORSTEN GUNNEMANN: Sie ist lokal ganz unterschiedlich. Es gibt Kitas, die gut aufgestellt sind, andere suchen schon länger Erzieherinnen oder Erzieher, finden aber nicht das nötige Personal. Wir brauchen insgesamt dringend, ganz dringend mehr Fachkräfte.

Woher sollen sie kommen?

GUNNEMANN: Es bedarf großer Anstrengungen von allen Seiten, die daran mitwirken, mehr Erzieherinnen und Erzieher auszubilden. Vonseiten der Politik brauchen wir eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für das pädagogische Fachpersonal in Krippen und Kindertagesstätten. Der Beruf muss attraktiver gemacht werden. Qualitätsstandards sind gefragt.

Kann es das alles so einfach geben?

GUNNEMANN: Es muss! Es geht schließlich um die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft. Alle müssen im Sinne von Kindern und Familien an einem Strang ziehen. Das ist eine hohe Verantwortung, aber ich bin optimistisch, dass es gelingen kann, den Berufszweig zu stärken. Andernfalls sehe ich schwarz.

Warum kann das Kinderförderungsgesetz dabei nicht helfen?

GUNNEMANN: Die Überprüfung des KiföGs hat klar gezeigt, das Qualitätsverbesserungen am Gesetz unabdingbar sind. Es muss deutlich mehr auf die Qualität in der Kita-Betreuung geachtet werden. Sie muss vielerorts besser werden. Deshalb gibt es von der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände in Hessen die Initiative „Qualität hat Vorfahrt“.

Wie kann eine Qualitätssteigerung erreicht werden? Mit mehr Personal?

GUNNEMANN: Eindeutig mit mehr Personal. Das zeigen die fünf Punkte, die wir in der Liga formuliert haben. Denn Unterstützung und Förderung des Kindes braucht Zeit. Es geht um Qualität für die Kinder, aber auch für Eltern und Familien. Damit deren Anforderungen erfüllt werden können, brauchen Erzieherinnen und Erzieher ausreichend Zeit.

Fünf Punkte für die Qualitätssicherung und –steigerung. Wo setzt die Liga der Wohlfahrtsverbände die Schwerpunkte?

GUNNEMANN: In die Forderung nach mehr Personal. Damit Kinder individuell gefördert werden können und alle Kinder mit oder ohne Behinderung die gleichen Bedingungen haben. Mehr Personal ermöglicht auch eine gute Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit den Eltern. Und es lässt kleinere Gruppen zu, in denen individuelle Förderung von Kindern besser möglich ist. Nur mit zusätzlichem Personal können in den Kitas die nötigen Leitungsaufgaben erfüllt werden.

Wenn es kleinere Gruppen geben soll. Von welcher Größe sprechen Sie da?

GUNNEMANN: Es gibt eine Bertelsmann-Studie und eine vom Bundesfamilienministerium geförderte Expertise. Die Gruppengröße ist demnach bei Drei- bis Sechsjährigen auf 14 bis 18 Kinder zu beschränken ist. Bei U3-Kindern sollten es nicht mehr als zwölf sein. Umgerechnet auf die Zahl der Kinder pro Fachkraft sollten es im Kindergarten nicht mehr als 7,5 Kinder pro Fachkraft sein, 3 Kinder pro Fachkraft in der Krippe.

Wie sehen die Zahlen in der Praxis aus?

GUNNEMANN: Sie zeigen jedenfalls, dass Kräfte fehlen. In Hessen liegen wir bei einem Verhältnis von 1 zu 3,6 in der Krippe und bei 1 zu 8,9 in den Kindergärten.

Auch für Leitungsaufgaben soll es mehr Zeit geben. Wie ist das Thema bislang geregelt?

GUNNEMANN: Gar nicht. In Hessen hat etwa ein Fünftel der Kitas keine Leitungsressourcen. Auch hier wollen wir ein Gesetz haben, das einen Standard bringt. Solche Themen dürfen nicht von der Durchsetzungskraft der einzelnen Verhandlungspartner von Trägern und Kommunen abhängig sein. Es muss garantiert sein, dass alle Einrichtungen kompetent geführt werden können.

Wie viel Zeit brauchen Führungskräfte in den Kitas für die Leitungsaufgaben?

GUNNEMANN: Wir rechnen mit einem sogenannten Sockelanteil. Für eine pädagogische Leitung sind 28 Prozent einer Vollzeitstelle erforderlich; plus 14 Prozent für administrative Aufgaben. Zusammen also 42 Prozent Leitungsanteil. Dazu gibt es je nach Größe der Einrichtung, je nach Zahl der Kinder und Mitarbeiter noch variable Anteile. Zu diesen gehören auch besondere Förderbedarfe: Armut, Nicht-Deutsch, Familiensprache und die Integration von Kindern mit Behinderung sind da die Schlagworte.

Variable Anteile lassen sich aber kaum in ein Schema pressen.

GUNNEMANN: Nein, das lassen sie sich nicht. Wir gehen deshalb erst mal von dem Sockelanteil von 42 Prozent aus. Es wäre schon ein Schritt nach vorne, ihn gesetzlich verankert zu bekommen.

Wie sieht der Vertrag für den Caritas-Kindergarten in Hofheim aus?

GUNNEMANN: Wir haben gut verhandelt – und ich glaube, der Kommune ist das Thema auch wichtig, denn wir haben eine besondere Kita. Unsere Forderung, die Forderung der Liga ans Land Hessen ist aber, ein Gesetz, ein Kifög zu bekommen, das einen guten Standard bietet. Wir brauchen einen klaren Rahmen, damit möglichst wenig vom Zufall der Verhandlungen vor Ort abhängig bleibt.

Fehlt Ihnen dieser Rahmen auch beim Thema Inklusion?

GUNNEMANN: Inklusion verlangt, dass es auch in Kitas gleichgute Bedingungen für alle gibt; für Kinder mit und ohne Behinderung. Die gleichberechtigte Teilhabe ist außerhalb des Kifög geregelt. Diese Regelung gehört aber ins Kinderförderungsgesetz.

Eltern stellen immer höhere Anforderungen an Kindertagesstätten. Wie kann diesen begegnet werden?

GUNNEMANN: Ebenfalls mit mehr Personal. Erzieherinnen brauchen mehr Zeit für Elterngespräche. Vielfach fällt diese Zeit bei Verhandlungen zwischen Trägern und Kommunen – wie viele andere Regiezeiten – dem Rotstift zum Opfer. Das wird am ehesten durch Regelungen im Kifög verhindert. Vertretungszeiten sowie Zeiten für die Vor- und Nachbereitung der pädagogischen Arbeit sollten gesetzlich vorgegeben werde. Bei der Personalberechnung im Kifög ist zudem der 15-Prozent-Aufschlag für Krankheits- und Urlaubsphasen unrealistisch. Angemessen wären mindestens 20 Prozent. Die tatsächliche durchschnittliche Ausfallzeit lag laut Evaluation des KiföG in Hessen zwischen 2013 und 2015 bei 24 Prozent . Bei lediglich 15 Prozent vorgesehener Ausfallzeit sinkt der Personalschlüssel. In allen Bereichen brauchen wir gesetzliche Rahmenbedingungen mit Mindestmaßstäben. Immer wieder wird deutlich, dass eine klare gesetzliche Regelung vonnöten ist. Da ist die Landesregierung gefordert.

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