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Auf dem Römerberg begeistert das Antagon Theater mit ?Zukunftserinnerungen?.

Club-Stimmung und Rokoko

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In den vergangenen vier Jahren waren die Höchster bei der „Nacht der Museen“ außen vor geblieben. Dass der Stadtteil nach seiner Zwangspause immer noch ein attraktiver Museumsstandort ist, zeigten die vielen Besucher, die mit der „Linie Rot“ zwischen Porzellanmanufaktur, Schloss und Bolongaropalast unterwegs waren.

Auf der Treppe des Bolongaropalasts herrscht Stau. Gute 100 Besucher, die eben noch im Foyer der Führung von Mario Gesiarz und Silke Wustmann zugehört haben, machen sich auf den Weg in den ersten Stock, wo es gleich weitergehen soll. Gesiarz und Wustmann nutzen die Zeit für eine kurze Verschnaufpause. Dass gleich zum Auftakt der Veranstaltung so viele Menschen den Palast stürmen – das hätten wohl selbst die beiden Schauspieler, die hier als Bären-Schorsch und Schlossgeist Gudula aus dem Höchster Nähkästchen plaudern, nicht erwartet.

In ihren Erzählungen geht es um die Zeit Josef Maria Markus Bolongaros, der sich nach vergeblichem Bemühen in Frankfurt Bürgerrecht zu erhalten, schließlich 1771 Höchster wurde. Hier stellte ihm Kurfürst Emmerich Josef Baugrund und Materialien zur Verfügung und räumte zudem noch jahrzehntelange Zoll- und Steuerfreiheit ein, die damals die Frankfurter Bürger nach Höchst locken sollte. „Weil wir Höchster ja so gern Steuern bezahlt haben“, lamentiert Bärenwirt-Darsteller Gesiarz in deftiger Mundart. Seine Kollegin stellt seinen Gegenpol dar: Ein Fräulein aus vornehmem Hause, das von der Baukunst und Kultur der damaligen Zeit schwärmt.

Wer sich in diesem Moment noch nicht ins Zeitalter des Rokoko zurückversetzt fühlte, den brachten spätestens die kostümierten Tänzer und Musiker des Historischen Tanzkreises Bensheim mit Gavotte, Menuett und anderen historischen Gesellschaftstänzen in Stimmung. In einem der Räume demonstrierten sie neben ihren Auftritten, wie die adelige Gesellschaft sich in der Zeit Bolongaros mit Kartenspielen und Handarbeiten die Zeit vertrieb.

Während es in den Tanzsälen oben ganz klassisch zuging, tummelte sich im Erdgeschoss des durch eine Lichtshow in Szene gesetzten Palastes die jüngere Generation, die hier bis 5 Uhr morgens bei Neonlicht und Elektromusik feierte. „Das Kontrastprogramm haben wir ganz bewusst so gewählt“, betont Verwaltungsstellenleiter Henning Brandt, der die Höchster Beiträge nach jahrelanger Abstinenz wieder koordinierte. „Und dass wir es auch geschafft haben, damit ein so heterogenes Publikum anzulocken, das vor der großen Party auch das Museenangebot nutzt, zeigt ja, dass wir damit goldrichtig lagen.“ Der Nachteil am Erfolg des Besuchermagneten ist nur, dass der Palast wegen der geplanten Bauarbeiten in den nächsten Jahren sicherlich nicht bespielt werden kann.

Gäste wie Regine Leiss-Broy und Burkhard Broy haben dennoch keinen Zweifel daran, dass sich die „Nacht der Museen“ in Höchst wieder etablieren kann. „Die Veranstalter haben hier ein Programm auf die Beine gestellt, bei dem man sich ohne Probleme auch den ganzen Abend aufhalten kann.“ Wie ihnen ging es vielen Höchstern, die froh waren, auch ohne lange Fahrten in die Innenstadt wieder am Kulturprogramm teilnehmen zu können.

Das war passend zu den traditionellen Wurzeln und jahrhundertealten Gebäuden des Stadtteils auch außerhalb des Bolongaropalasts auf die historischen Hintergründe Höchsts ausgelegt. In der Justinuskirche gab es Führungen durch eines der ältesten karolingischen Kirchengebäude des Landes, im Kronberger Haus, wo das Porzellanmuseum zu Hause ist, spielte nicht nur die umfangreiche Sammlung an Tisch-Schmuckstücken die Hauptrolle. Hier demonstrierte die Höchster Hobby-Schneiderin Laura Grossbach an selbstgenährten Stücken wie sich die Damen in Zeiten von Rokoko und Empire ankleiden ließen. Schicht um Schicht schnürte sie ihr Model Silvia in die bunten Kleider und erklärte die Schönheitsideale einer Zeit, die dem Stadtteil auch außerhalb der Nacht der Museen noch ganz fabelhaft steht.

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