Gespräch mit Harald Lehn

Dahin gehen, wo es weh tut

Als Wohnungsbaukoordinator für den Main-Taunus-Kreis soll Harald Lehn seit gut einem Jahr den Wohnungsbau in den Kommunen vorantreiben. Er ist als Stabsstelle dem Dezernat des Ersten Kreisbeigeordneten Wolfgang Kollmeier angegliedert. Dirk Müller-Kästner sprach mit Harald Lehn.

Herr Lehn, nach mehr als einem Jahr im Amt: Braucht der Main-Taunus-Kreis überhaupt einen Wohnungsbaukoordinator?

HARALD LEHN: Der MTK zeigt mit dem Wohnungsbaukoordinator, dass er das Thema Wohnungsbau sehr ernst nimmt und dass er sich der Gesamtverantwortung für die Region stellt.

Gibt es bereits Projekte, die dank Ihrer Koordination umgesetzt werden?

LEHN: Der Kreis hat beim Wohnungsbau keine planungsrechtliche Zuständigkeit. Die ist Sache der Kommunen. Ich sehe meine Aufgabe als Bindeglied zwischen verschiedenen Ebenen; im öffentlich-rechtlichen wie im privaten Bereich. Immer mehr am Bauen Beteiligte wissen inzwischen, dass sie sich an mich wenden können.

Sind Sie denn mit dem zufrieden, was sie bisher „verbunden“ haben?

LEHN: Ich bin von Natur aus ein unruhiger Mensch und wäre natürlich gerne viel weiter. Ich habe zunächst mit allen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern sowie Amtsleiterinnen und Amtsleitern Gespräche geführt, auch um herauszufinden, wie groß das Flächenpotenzial im Kreis ist und wo wir stehen. Diese Gespräche haben gezeigt, dass alle wissen, dass wir an einem Strang ziehen. Das macht Mut.

Und wo steht der MTK beim Wohnungsbau aktuell?

LEHN: Er ist – zumindest was die Flächenpotenziale betrifft – gut aufgestellt. Laut Wohnraumbedarfsanalyse werden bis zum Jahr 2030 etwa 16 400 neue Wohneinheiten benötigt. Laut derzeit gültigem Flächennutzungsplan gibt es Platz für gut 12 400 Wohneinheiten. Dazu kommen sogenannte Innenpotenziale. So können zum Beispiel durch Verdichtung in Innenstadtbereichen oder Aufstockungen weitere 5000 Wohneinheiten entstehen. So kommen wir rechnerisch klar über den Bedarfswert. Diese Potenziale gilt es zu heben.

Erfahrungsgemäß dauert es aber etliche Jahre, bis Bauprojekte umgesetzt werden.

LEHN: Ja, das ist ein Problem. Bauen ist sehr komplex und es braucht Zeit, bis Pläne Realität werden. Zum Beispiel beim Bienroth in Eppstein: Dort ist der Bebauungsplan 2005 beschlossen geworden, und jetzt erst, 2017, war Baubeginn.

Wie wollen Sie Bauvorhaben vorantreiben?

LEHN: Ich habe bewusst von Anfang an auch das Gespräch mit hier ansässigen Projektentwicklern gesucht. Öffentlich-rechtliche Themen müssen angesprochen werden, aber ich wollte auch hören, was die andere Seite für Ansätze, für Probleme hat. Das geht hin bis zur Frage, wie so manche Verfahren vereinfacht werden können.

Sie sollen auch Clearingstelle sein. Wie weit mussten Sie schon vermittelnd eingreifen?

LEHN: Ich möchte da nicht auf einzelne Bauvorhaben eingehen, aber es ist schon so, dass inzwischen Kommunen, Privatleute und auch Projektentwickler auf mich zukommen, um Unterstützung zu erfahren.

Beim Wohnungsbau ist eine intensive Kommunikation der Beteiligten sehr wichtig. Sie sollten eine Austausch-Plattform schaffen. Wie weit sind sie da gekommen?

LEHN: Es gibt bereits eine Plattform, die von den Bauamtsleiterinnen und Leitern im Main-Taunus-Kreis initiiert wurde. Da bin ich regelmäßig dabei und sehe, wie stark ein Thema diskutiert wird und wie intensiv die Absprachen sind.

Dennoch: Wäre es nicht sinnvoll, eine Austauschplattform beim Kreis anzusiedeln?

LEHN: Wenn die Kommunen schon gut miteinander kommunizieren und wenn ich da sehr aktiv mitarbeiten kann, dann muss ich keine Konkurrenzveranstaltung aufziehen. Da lege ich mir Zurückhaltung auf. Womöglich als Besserwisser zu erscheinen, wäre kontraproduktiv.

Aber einbringen wollen Sie sich schon?

LEHN: Da ich viel unterwegs bin, kann ich zum Beispiel Denkanstöße geben, wie einzelne Maßnahmen besser umgesetzt, wie Veränderungen erreicht werden können. Insofern ist es gut, wenn ich als Bindeglied der Kommunen zum Land, zu dessen „Allianz für Wohnen in Hessen“ und zum Regionalverband auftrete.

Fehlen da Verbindungen zwischen einzelnen Ebenen?

LEHN: Zumindest ist es nicht verkehrt, wenn die Kreativität aller Beteiligten geweckt werden kann; die der Kommunen, aber auch die der Projektentwickler und Privatleute. Da muss man sehen, dass man beim gemeinsamen Arbeiten neue Wege findet.

Das lässt sich sicher konkretisieren.

LEHN: Beispielsweise haben wir bei der Innenentwicklung durchaus Potenziale, für die die Kommunen eine Art Kataster entwickeln können. Und dann muss man bei der Konzeptvergabe sehen, ob es beim Veräußern von Grundstücken nicht immer nur darum gehen muss, die besten Preise zu erzielen.

Die Grundstückspreise laufen Ihrer Aufgabe, auch geförderten Wohnraum zu schaffen, zuwider. Wie begegnen Sie dem?

LEHN: Ich bin mit den Kommunen und der WI-Bank in Kontakt (Anmerkung der Redaktion: Die „Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen“ unterstützt Kommunen und Institutionen bei Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen). Der geförderte Wohnraum ist in Teilbereichen sehr formal und nicht attraktiv. Da bin ich mit der WI-Bank im Gespräch, Hürden abzubauen. Diesbezüglich bin ich zudem Bindeglied hier im Hause, wo auch die Wohnraumförderstelle sitzt, die alle Wohnraumfördermaßnahmen bearbeitet. Zurzeit sind Förderanträge mit einem Volumen von mehr als 31 Millionen Euro in der Pipeline; für insgesamt 260 Wohneinheiten.

Als Bindeglied muss man gewisse Voraussetzungen mitbringen.

LEHN: Da ist es ganz wichtig, dass man sich kennt und auch die Gesichter kennt, wenn man über den einen oder anderen Antrag spricht. Das wird in der Zukunft noch wichtiger. Noch sind manche Gemeinden bei der Suche nach Kontakten zu Institutionen sehr zurückhaltend. Das wiederum kann man dem Land und der WI-Bank kommunizieren und sagen, wo es besser werden könnte.

Welche Chancen hat geförderter Wohnraum im Main-Taunus-Kreis?

LEHN: Damit beschäftigt man sich hier immer mehr. Das Land stellt 1,2 Milliarden Euro für geförderten Wohnraum in Hessen zur Verfügung. Ich habe deshalb alle Seiten im Kreis zusammengeholt, damit Bürgermeister wie Projektentwickler aus erster Hand erfahren, was es mit der Förderung auf sich hat.

Und wie groß ist die Chance für geförderten Wohnraum im Kreis nun?

LEHN: Da kann ich keine Einschätzung abgeben. Das Thema nimmt aber auf jeden Fall an Bedeutung zu. Es gibt gleichwohl im Kreis noch große Unterschiede. Die Hofheimer Wohnungsbau (ein Wohnungsunternehmen im Besitz der Stadt Hofheim, Anm. d. Red.) ist klasse. Sie will mindestens 70 Prozent geförderten Wohnungsbau. Andere Kommunen haben eine Quote von 30 Prozent. Das ist auch noch in Ordnung. Aber auch das Engagement privater Unternehmen gilt es zu unterstützen.

Sie sollen laut Landrat Cyriax „die Dinge im Sinne der Wohnungssuchenden vorantreiben“. Haben diese durch Ihre Arbeit schon einen Vorteil?

LEHN: Wir sind uns einig: Es wird Wohnraum benötigt. Aber die Planungshoheit haben ganz klar die Kommunen; jede für sich selbst – das ist ein ganz wichtiges Gut. Ich muss mich auf Aufgaben konzentrieren, die ein Landkreis zum Wohnungsbau in den Kommunen beitragen kann. Wir können zum Beispiel bei Neubauprojekten, die im 1000-Meter-Radius von Bahnhöfen liegen, mit der jeweiligen Kommune schauen, ob die Stellplatzanforderung nach unten korrigiert werden kann, um Kosten zu senken. Da muss ich mit den Kommunen reden. Da sprechen wir immerhin über eine Kapazität von 5750 Wohneinheiten.

Wohnungsbau scheitert aber nicht an der Stellplatzverordnung alleine . . .

LEHN: Der Direktor des Regionalverbands, Ludger Stüve, sagt, dass 80 Prozent der Bebauungspläne ruhen. Ich muss sehen – immer mit den Kommunen zusammen – woran das liegt und wo der Kreis helfen kann. Ich muss aber aufpassen, dass ich mich nicht verhebe und auf Felder begebe, auf denen ich nicht einwirken kann. Zum Beispiel bei Hemmnissen im Baurecht, bei der Energieeinsparverordnung oder auch beim Steuerrecht. Eine Bürgermeisterin hat mal gesagt, sie findet gut, dass es mit mir einen Kümmerer gibt. Ich muss dabei aber sehen, wo ich hingehöre: in den Main-Taunus-Kreis.

Aktuell gibt es in Bad Soden viele Diskussionen rund um die angestrebte Sinai-Bebauung. Sind sie da involviert?

LEHN: Da bin ich sofort eingestiegen, als das Thema aufkam und bin hingegangen, als es eine Mahnwache gab. Ich habe mich, als dort einige Tatsachen nicht korrekt wiedergegeben wurden, als Wohnraumkoordinator zu erkennen gegeben, um zur Versachlichung beizutragen. Auch bei der Bürgerversammlung war ich. Man muss halt auch dahin gehen, wo es vielleicht weh tut.

In Liederbach haben die Bürger gerade ein Bebauungsgebiet verhindert. Hätten Sie da gerne ein anderes Ergebnis gehabt?

LEHN: Als Wohnungsbaukoordinator: Ja! Das Gelände bietet sich für Wohnungsbau an. Zudem hat die Gemeinde per Gutachten gezeigt, dass die zusätzliche Verkehrsbelastung in einem erträglichen Rahmen bleiben würde. Aber die Bürger sahen es in ihrer Mehrheit offenbar anders, und eine solche Entscheidung haben wir zu respektieren.

Welche Projekte laufen aktuell?

LEHN: Wie bereits gesagt, möchte ich auf einzelne Projekte nicht eingehen; dafür bitte ich um Verständnis. Die Themen sind zu komplex, um im jetzigen Verfahrensstand etwas Näheres dazu zu sagen.

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