Am Bahnhof in Hofheim gibt es zurzeit reichlich freie Abstellplätze für Fahrräder. Die Radfahrer sind in Homeoffice-Zeiten eher in der Freizeit unterwegs.
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Am Bahnhof in Hofheim gibt es zurzeit reichlich freie Abstellplätze für Fahrräder. Die Radfahrer sind in Homeoffice-Zeiten eher in der Freizeit unterwegs.

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Der Fahrrad-Boom ist weiterhin ungebrochen

  • vonStephanie Kreuzer
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Die Händler im Main-Taunus-Kreis bekommen zu wenig Nachschub - und sie würden gerne wieder beraten. Der ADFC empfiehlt das "Abseitsradeln".

Main-Taunus -Spätestens im Frühjahr werden die Zweiräder - ob mit oder ohne Motor - aus dem Keller geholt. Nicht nur in den Innenstädten hat der Radverkehr deutlich zugenommen, weiß Dr. Holger Küst vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Hofheim, Eppstein, Kriftel: "Viel mehr Personen sind für Besorgungen und um fit zu bleiben mit dem Rad unterwegs. Von unseren Mitgliedern hören wir, dass sie - eigentlich unabhängig von Corona - in der Freizeit und im Alltag das Fahrrad nutzen, weil es Spaß macht und es sowohl ihnen als auch der Umwelt guttut."

Speziell das E-Bike hat inzwischen viele Fans, mit steigender Tendenz. Allein 2020 wurden in Deutschland fast zwei Millionen davon verkauft. Mehr als sieben Millionen E-Bikes rollen nun über die Straßen.

Nach Schätzung von Philipp Franke, Verkaufsleiter bei Fahrrad Freund in Hofheim, haben E-Bikes bei den Rädern für Erwachsene im Verkauf inzwischen einen Anteil von rund 70 Prozent. Speziell E-Mountainbikes seien sehr beliebt - selbst bei Kosten ab 2800 Euro aufwärts.

Generell seien die Verkaufszahlen seit einem Jahr enorm in die Höhe geschnellt; mit einer Steigerungsrate von etwa 50 Prozent. Auch für Lastenräder erwartet der Experte eine erhebliche Steigerung: "2020 haben wir zwölf Exemplare verkauft, denn immer mehr Leute nutzen das Rad beispielsweise zum Einkaufen oder um die Kinder in die Kita zu bringen."

Frühzeitig um ein neues Rad kümmern

Schwierig sei allerdings das ständige Hin und Her der Regelungen gewesen: "Mal konnten wir unsere Kunden persönlich empfangen, mal aber mussten sie telefonisch oder per E-Mail bestellen."

Da die meisten Leute schon seit Monaten ihren Urlaub zu Hause verbringen, haben sich viele verstärkt mit dem Thema Fahrrad beschäftigt - und wollten eines kaufen. Oft vergeblich, denn manche Modelle seien ausverkauft. "Gerade bei Rädern, die nur in einer Ausführung geliefert werden, haben wir einige Lücken bei bestimmten Rahmengrößen oder Varianten. Hersteller, die individuell konfigurieren, liefern erst in etwa zehn Wochen", weiß Franke.

Durch die Pandemie sei es deutlich schwieriger, die Lager zu füllen, teils könne er erst ab Ende Juli wieder mit einer Lieferung rechnen. Wer also plane, für 2022 ein Rad zu kaufen, solle sich frühzeitig darum kümmern und spätestens Ende dieses Jahres sich entsprechend beraten lassen.

Auch für Denis Scholz vom Radsporthaus Kriegelstein in Zeilsheim stellt die Beschaffung von Neufahrzeugen die größte Schwierigkeit dar: "Die extrem gestiegene Nachfrage kann zurzeit nicht gedeckt werden. Viele Hersteller kriegen ihre Produktion nicht in Gang, da Teile fehlen, und so können keine Räder ausgeliefert werden. Auch ich vermisse Ersatzteile, und mehr als die Hälfte der Neuräder, die wir im vergangenen Sommer bestellt haben, sind - trotz Liefertermin Ende 2020 - noch nicht eingetroffen."

Durch Corona habe sich der gesamte Umgang mit Fahrrädern geändert; gerade auch "Altfahrzeugen" werde mehr Wertschätzung entgegengebracht. "Wir beobachten, dass viele alte Räder zur Reparatur gebracht werden - und für deutlich mehr Geld als üblich repariert werden sollen. Früher wurden eher neue gekauft."

Wartezeiten sind kürzer geworden

Immerhin habe sich die Wartezeit bei Reparaturen inzwischen wieder verkürzt. Lag diese im vergangenen Jahr noch bei rund zwei Wochen, könne man jetzt damit rechnen, dass Räder, die - ohne Termin - vorbeigebracht werden, nach drei bis vier Tagen fertiggestellt sind. Bei Fahrrad Freund hingegen werden Termine für die Werkstatt vergeben; aktuell in etwa vier Wochen im Voraus. "Bei kleineren Sachen bekommt man das Rad dann noch am gleichen Tag zurück", sagt Franke.

Beratung wird in den Fachgeschäften großgeschrieben, ist aber zu Corona-Zeiten nicht in der - persönlichen - Form möglich, die sich Händler und Kunden wünschen. "Ich freue mich, wenn wir endlich wieder die Ladentür öffnen und gescheit beraten dürfen", so Scholz, "denn wichtig ist, dass man sich das Rad zum Beispiel nach Rahmenhöhe und ergonomischen Gesichtspunkten aussucht."

Viele Radfahrer säßen auf dem falschen Sattel, auf einem zu kleinen Fahrrad und in einer ungünstigen Position. "Wenn man Rückenprobleme oder Armschmerzen hat, sollte man den Lenker erhöhen, auch wenn das die Optik stört. Denn ergonomisch zu sitzen, macht das Radfahren viel entspannter und Lust darauf, mal größere Touren zu fahren."

Er hofft jedenfalls, dass der aktuelle Trend nicht abflacht: "Radfahren ist ja sowohl für die Umwelt als auch die Gesundheit gut und macht glücklicher als Autofahren, da man viel weniger gestresst ist."

Dr. Holger Küst vom ADFC Hofheim, Eppstein, Kriftel hat dazu ein paar Tipps parat: "Vorerst kann man ja noch nicht wieder einkehren. Daher bei längeren Touren immer ausreichend Getränke und Verpflegung mitnehmen - und den Sonnenschutz nicht vergessen!" Außerdem empfiehlt er wegen der Überfüllung an Main, Nidda und Schwarzbach das "#Abseitsradeln": "Zwischen Taunus und Main gibt es abseits der Hauptrouten viele schöne Wege."

In vielen Kommunen des Main-Taunus-Kreises beginnt bald wieder die Stadtradeln-Aktion, bei der sich Teams zusammenfinden, um innerhalb von drei Wochen möglichst viele Kilometer mit dem Rad zurückzulegen. "Ausschlaggebend sind die gebildeten Gruppen", sagt Küst. "Wenn zum Beispiel alle Mitglieder des Fußballvereins nur mit dem Rad zum Training kommen, dann bleibt vielleicht die Idee im Kopf ,man muss nicht mit dem Auto zum Sport fahren', und das wäre ganz im Sinn der Kampagne."

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