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"Die Caritas genießt großes Vertrauen"

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Von: Barbara Schmidt

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Torsten Gunnemann, Vorstand der Caritas Main-Taunus, steht seit fünf Jahren an der Spitze des vergleichsweise jungen Verbands. Der 48-Jährige stammt aus Westfalen und ist Diplom-Theologe.
Torsten Gunnemann, Vorstand der Caritas Main-Taunus, steht seit fünf Jahren an der Spitze des vergleichsweise jungen Verbands. Der 48-Jährige stammt aus Westfalen und ist Diplom-Theologe. © Knapp

Er gehört längst zu den Markenzeichen der katholischen Kirche: Der Caritasverband ist nicht nur Institution und großer Arbeitgeber, er steht seit 125 Jahren auch dafür, dass die christliche Soziallehre nicht graue Theorie ist, sondern mit Herz und Hand da anpacken lässt, wo Menschen Hilfe benötigen. Was den Verband im Main-Taunus gerade bewegt, darüber hat Barbara Schmidt im Hofheimer Vincenzhaus mit Vorstand Torsten Gunnemann gesprochen.

Herr Gunnemann, der Deutsche Caritasverband feiert sein 125-jähriges Bestehen und hat das Jubiläumsjahr unter das Motto gestellt: Das machen wir gemeinsam. Soziale Gräben und Ungerechtigkeiten sollen überwunden werden. Das ist ja eigentlich ein Dauerthema. Worin liegt die besondere Aktualität?

Es stimmt, das ist ein Dauerthema. Die besondere Aktualität hat mit Corona zu tun. Wie ein Katalysator hat es in ganz vielen Bereichen Entwicklungen verstärkt. Für den sozialen Zusammenhalt einzutreten, das ist daher wichtiger denn je.

Wo erfahren Ihre Mitarbeiter solche von Corona verschärften Veränderungen?

Wir sehen da Anzeichen in den Ehe-, Lebens- und Familienberatungs-Angeboten. Sie werden viel mehr nachgefragt. Es werden verstärkt Therapien gebraucht, um das Auseinanderdriften von Familien, die in der Krise sind, zu verhindern. Homeoffice und Homeschooling, die ausufernde Nutzung digitaler Medien von Kindern, das hat zu verstärktem Stress geführt. Auch das Thema häusliche Gewalt spielt mit hinein.

Konnte der Caritasverband reagieren?

Für die Beratungsdienste haben wir einen einmaligen Bistums-Zuschuss erhalten. Deswegen konnten wir mehrere Honorarkräfte einstellen, um den gestiegenen Beratungsbedarf abzudecken.

Ein einmaliger Zuschuss hilft aber nur begrenzt ...

Wir sind mit der Politik im Gespräch, und ich hoffe, dass wir da in der baldigen Zukunft eine Lösung finden. Es braucht mehr Personal auf etwas längere Sicht. Das hat mit der Dringlichkeit der Probleme zu tun. Den Familien hilft es wenig, wenn es heißt, in sechs Wochen können sie zur Beratung kommen.

Zu "Das machen wir gemeinsam" gehören auch die Ehrenamtlichen. Wie wirkt sich da die Pandemie aus?

Es sind trotz Corona sogar einige Menschen dazugekommen, die in Kurzarbeit waren und gesagt haben: Wir haben Zeit, was können wir tun? Das hat uns gezeigt, dass durchaus das Motto stimmt: "Das machen wir gemeinsam."

Dass Kirche in der öffentlichen Meinung gerade nicht so hoch im Kurs steht, hat also nicht geschadet?

Die "Großwetterlage" spielt natürlich eine Rolle, auch in vielen Gesprächen. Aber die Leute, die sich engagieren, tun es weiter, und es kommt immer mal der eine oder andere dazu. Ohne dieses große ehrenamtliche Engagement könnten wir Dinge wie die Tafeln oder die Anziehpunkte gar nicht machen.

Die Inflation, die gestiegenen Preise, besonders bei den Lebensmitteln, wird das die Tafeln noch mehr fordern?

Ganz sicher. Das ist ja leider generell der Trend, dass die Kunden bei den Tafeln immer mehr werden.

Jetzt haben wir eine sozialdemokratisch geführte Bundesregierung. Was erwarten Sie von ihr?

Ich erwarte, dass man im Sinne unserer Kampagne von politischer Seite alles dafür tut, dass die Überwindung sozialer Gräben möglich ist. Das fängt mit der Frage an: Wie können wir entsprechenden Wohnraum schaffen? Auch das Thema Integration ist nicht weg. Für die verschiedenen Projekte brauchen wir die notwendigen Ressourcen, damit Integration gelingt. Das muss ja am Ende unser aller Ziel in der Gesellschaft sein.

Das Ansehen der katholischen Kirche hat in den vergangenen Jahren sehr gelitten. Spüren sie das als kirchliche Einrichtung?

Wir erfahren bisher nicht, dass Menschen nicht mehr zu uns kommen, weil wir ein Sozialverband der katholischen Kirche sind. Wir genießen im Gegenteil großes Vertrauen, und die Menschen fühlen sich bei uns wohl - auch in Zeiten, in denen es allen Grund gibt, Kirche auch kritisch zu sehen.

Wie stehen Sie als Caritasverband Main-Taunus denn zu den Forderungen, das kirchliche Arbeitsrecht dahingehend zu verändern, dass niemand mehr seine sexuelle Orientierung verstecken muss?

Ich kann nur für mich sprechen: In meiner Zeit hier ist noch nie jemand diskriminiert worden aufgrund seiner sexuellen Orientierung. Und solange ich hier bin, wird es so bleiben. Wir wünschen uns natürlich, dass dem auch in einer neuen kirchlichen Grundordnung entsprochen wird. Das ist aus meiner Sicht der richtige Weg.

Das Bistum plant gerade eine Transformation seiner Strukturen. Sie arbeiten als Caritasverband eng mit dem katholischen Bezirk zusammen, mit dem sie im selben Haus sitzen. Was wäre, wenn dieser aufgelöst würde?

Wir haben hier ein sehr gutes Miteinander. Der Bezirksdekan ist bei uns im Aufsichtsrat, wir haben gemeinsame Projekte wie das Sozialbüro. Insofern ist der Bezirk für den Caritas-Verband eine wichtige Größe. Sollte es die elf Kirchenbezirke, die das Bistum momentan hat, so künftig nicht mehr geben, ist es nicht zuletzt für die Gespräche mit den politischen Partnern aus meiner Sicht richtig, dass man weiter eine regionale Struktur beibehält. Wie sie aussehen wird, darauf bin auch ich gespannt.

Extra: 250 hauptamtliche und 400 ehrenamtliche Mitarbeiter

Der Caritasverband Main-Taunus hat aktuell rund 250 Mitarbeiter. Zudem engagieren sich in verschiedensten Aufgabenbereichen rund 400 Ehrenamtliche. Der Verband ist an 23 Standorten im Kreis aktiv, die Einsatzbereiche sind vielfältig und reichen von der Trägerschaft einer Integrativen Kindertagesstätte über verschiedene Beratungsangebote und den Betreuungsverein bis zur Sozialstation. Auch drei Second-Hand-Läden ("Anziehpunkt") in Hofheim, Hattersheim und Schwalbach sowie die Hattersheimer-Hofheimer-Tafel gehören zum Verband. Dieser weist rund 10 Millionen Euro Umsatz pro Jahr aus und hat mit Torsten Gunnemann einen hauptamtlichen Vorstand. Zur noch neuen Leitungsstruktur gehören zudem ein achtköpfiger Aufsichtsrat und die einmal im Jahr tagende Mitgliederversammlung. babs

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