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Sie haben Inschriften entziffert, Grabsteine fotografiert und eine Karte des jüdischen Friedhofs angelegt: Elisabeth und Sven Hammerbeck erhielten den Kulturförderpreis.

Kulturförderpreis der Stadt

Eine digitale Karte jüdischer Grabstätten

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Lange war der jüdische Friedhof in Bad Soden unerforscht. Das Ehepaar Hammerbeck hat das nun getan – und wurde dafür nun von der Stadt ausgezeichnet.

Jahrzehntelang fristete der Jüdische Friedhof an der Niederhofheimer Straße ein Schattendasein. Die „Israelitische Todenhofsanlage“ war ab 1873 Sammelfriedhof für die jüdischen Gemeinden von Soden, Höchst mit Unterliederbach, Okriftel, Hattersheim und Hochheim. Viele der Grabsteine waren umgestürzt, von Moos und Flechten zugewachsen. Ende der 1990er Jahre erst wurden sie aufgerichtet. Doch die hebräischen Inschriften auf Sandstein oder Granit waren weiter der Verwitterung preis gegeben.

Elisabeth und Sven Hammerbeck von der Interessengemeinschaft „Der Jüdische Friedhof Bad Soden“ haben die Geschichte des Kulturdenkmals erforscht und für die Nachwelt erhalten. Dafür wurde das Ehepaar jetzt mit dem Kulturförderpreis 2018 der Stadt Bad Soden geehrt. Die Auszeichnung ist mit einem Preisgeld von 1000 Euro dotiert, das von der Frankfurter Sparkasse gestiftet wird. Seitdem Lissy Hammerbeck Anfang 2014 die Führungen über den Jüdischen Friedhof von Dr. Dietmut Thilenius übernommen hat, trieb sie der Gedanke um: Sie wollte die Erinnerung an die im „Beth-Hachajim“, wie es im Hebräischen heißt, im „Haus des (ewigen) Lebens“ bestatteten Menschen bewahren. Denn in nur wenigen Jahren, weiß sie, werde man die abblätternden und teilweise zerstörten Schriftfelder nicht mehr entziffern und ohne fachkundige Unterstützung schon gar nicht aus dem Hebräischen übersetzen können. Eine Sisyphusarbeit wartete auf sie, doch das ahnte die 63-Jährige nicht. Lissy Hammerbeck konnte auch nicht wissen, dass sie mit ihren Recherchen Sachkundige zum Staunen bringen wird. Denn die recherchierten Lebensdaten von Kurgästen etwa aus Russland, Litauen, Polen und England, die schwer tuberkulosekrank nach Soden kamen und hier bestattet sind, lassen auf Abstammungen von berühmten orthodoxen Gelehrten sowie Anhängern des Chassidismus schließen.

Wenn Lissy Hammerbeck ihre verzweifelte Suche nach einem Übersetzer aus dem Hebräischen schildert. Wenn sie berichtet, wie sie mit dem Leiter des Hauptstaatsarchivs in Wiesbaden Kontakt aufnimmt, um die Forschungsergebnisse über den Jüdischen Friedhof auf einer Datenbank zu sichern und wie ihr Dr. Hartmut Heinemann wenig Hoffnung macht, weil „ihr Friedhof“, mit seinen 150 Jahren für eine wissenschaftliche Erfassung „viel zu jung ist“, könnte man meinen, Lissy schmeißt hin. Doch die zierliche Frau bleibt hartnäckig. „Unser Friedhof ist ein Kleinod“, macht sie den Archivar in Wiesbaden neugierig, „56 Kurgäste aus aller Welt liegen bei uns.“ Plötzlich reagiert der Archivar: „Rufen Sie doch den Herrn Aumann in Marburg an.“ Und er nennt ihr die Nummer von LAGIS. Entweder ist das eine elegante Abfuhr, denkt Lissy Hammerbeck, oder die goldrichtige Adresse. Es war Letzteres.

Von da an dauerte es weitere zwei Jahre. Alles, was bisher von den Hammerbecks und ihren Mitstreitern Charlotte Börner und Dr. Lothar Tetzner recherchiert, fotografiert und übersetzt worden war, musste in die komplexe LAGIS-Datenbank eingepflegt werden. Lissy Hammerbeck lernt, Sterbeurkunden in den Kirchengemeinden aufzuspüren und Sütterlin zu lesen. Dr. Tetzner, profunder Kenner von hebräischen Handschriften, von Talmud und Thora, forscht in Judenmatrikeln, Yad Vashem, Genealogien und sonstigen Archiven. Sven Hammerbeck fotografiert die Grabsteine von vorn und von der Rückseite. Hunderte von Aufnahmen macht er, bis sie dem Format von LAGIS genügen. Charlotte Börner fertigt auf Tapetenrollen einen Lageplan der 288 Gräber mit Namen und Daten an. So wurde Karoline Hirsch (geborene Mayer) 1873, wie es im Kirchspiel der Sodener Evangelischen Kirche dokumentiert ist, als erste bestattet. Am Grab des Viehhändlers Moritz Strauss wurde 1938 der letzte Grabstein auf dem Friedhof gesetzt. Selbst die Namen der 36 Kindergräber habe sie anhand der Sterbeurkunden herausfinden können, berichtet Lissy Hammerbeck stolz.

Eine tiefe Befriedigung und Erleichterung empfinde sie, verrät Lissy Hammerbeck, dass sie mit ihren Mitstreitern dieses Projekt abschließen konnte. Wenn Menschen kommen und nach ihren jüdischen Vorfahren suchen, könne sie definitiv sagen: „Er liegt bei uns.“ Lissy Hammerbeck möchte in einem Buch alle Informationen veröffentlichen und die Leser mit auf eine interessante Entdeckungsreise in die jüdische Geschichte nahmen.

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