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Missbrauchsskandal in Eppstein

Wieder Skandal in katholischer Kirche

Er soll Pflegekind missbraucht haben - trotzdem wurde Pfarrer nach Eppstein versetzt

Pfarrer soll vom Bistum Limburg nach Eppstein versetzt worden sein, obwohl er jahrelang ein Pflegekind missbraucht haben soll. 

Eppstein - Einige haben es schon nach ersten Berichten im Januar geahnt, anderen hat in der Karwoche ein Text in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) die Augen geöffnet. 

Das Erschrecken war wohl für alle gleich: Elf Jahre lang hatten die Eppsteiner Katholiken einen Mann zum Pfarrer, der im Verdacht steht, einen verwaisten Neffen, der als Pflegekind bei ihm lebte, über Jahre sexuell missbraucht zu haben.

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Zwischen 1986 und 1993 soll das geschehen sein. Der Neffe hatte sich im Dezember, nach den Veröffentlichungen zur Studie über Missbrauch durch katholische Kleriker, an das Erzbistum Bamberg gewandt. Dort lebt Priester B., seit er in Eppstein Ende 2010 "aus gesundheitlichen Gründen" seine Pfarrstelle aufgab und in den Ruhestand ging.

Strafanzeige des Bistums Limburg

Wie diese Zeitung im Januar berichtete, erstattete das Bistum Limburg auf die Aussage des Neffen hin Strafanzeige bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Marburg, denn während der mutmaßlichen Tatzeit war der heute 72-jährige B. als Pfarrer in Biedenkopf tätig gewesen. Außerdem wurde eine kirchenstrafrechtliche Voruntersuchung eingeleitet und dem Beschuldigten die Ausübung jeglicher priesterlicher Dienste untersagt. Die Staatsanwaltschaft hat allerdings nach Auskunft ihres Sprechers das Ermittlungsverfahren eingestellt, die möglichen Taten gelten als verjährt.

Es soll brutale sexuelle Gewalt gegeben haben

Die FAZ berichtete nun in der vergangenen Woche, dass leitende Mitarbeiter des Bistums Limburg - genannt wird explizit der damalige Personalchef und Domkapitular Helmut Wanka - 1997 von dem Missbrauch erfahren hätten. B. habe dem heranwachsenden Neffen "über Jahre hinweg aufs Brutalste sexuelle Gewalt angetan", so FAZ-Kirchenexperte Daniel Deckers ("Kirche der Mitwisser", FAZ vom 16. April). Bischof, und damit letztlich verantwortlich für Pfarrer-Ernennungen, war zu jener Zeit Franz Kamphaus. Er hat nach Presseberichten im Februar eingeräumt, aus heutiger Sicht Fehler im Umgang mit Fällen von Missbrauch gemacht zu haben.

Im Fall von Pfarrer B. gab es damals weder eine Strafanzeige noch ein kircheninternes Verfahren. Und nicht einmal einen Vermerk in der Personalakte des Beschuldigten. Der Priester wurde vielmehr 1999 für eine neue Pfarrstelle weit weg von Biedenkopf designiert: Er sollte die damals noch vier katholischen Pfarreien in Eppstein übernehmen. Von dem Verdacht gegen den Mann erfuhren die Gremien, bei denen er sich vorstellte, nichts. Genauso wie die Pastoralen Mitarbeiter.

Jahrelang soll Pfarrer eigenes Pflegekind missbraucht haben

"Ich war sehr betroffen und entsetzt, dass das damals so gemacht worden ist", schildert Dagmar Hirtz-Weiser ihre Reaktion, nachdem ihr klar wurde, dass es sich bei dem Priester unter Missbrauchsverdacht um den früheren Eppsteiner Pfarrer handelt. Hirtz-Weiser ist nicht nur die aktuelle Pfarrgemeinderatsvorsitzende der Eppsteiner Katholiken, sie war bis zur Fusion 2012 drei Wahlperioden Pfarrgemeinderatsvorsitzende von St. Jakobus Vockenhausen und hat als solche ehrenamtlich viel mit B. zu tun gehabt. "Seine Aufgabe als Pfarrer hatte er gut im Griff", war ihr Eindruck.

"Insgesamt entsetzt und auch empört" hätten auch andere Eppsteiner darauf reagiert, "dass wir von Limburg jemanden als Priester erhalten haben, dem solche Dinge nachgesagt werden." Damit sei die Pfarrei "in eine gewisse Gefährdungs-Situation gebracht" worden, formuliert Juristin Hirtz-Weiser vorsichtig ihre Kritik und fügt hinzu: "Ich hoffe und bete wirklich, dass es in unserer Gemeinde keinen Missbrauchsfall gegeben hat." Anhaltspunkte dafür habe sie bislang nicht.

Auch Diakon Mathias Wolf, der zu Pfarrer B.s Zeit als Pastoralreferent in Eppstein tätig war, sagt, er habe nie den Eindruck gehabt, dass da irgendetwas in Richtung Missbrauch passiert sei. Ob er Situationen anders bewertet hätte, wenn er von den Vorwürfen Kenntnis gehabt hätte, auch das habe er sich gefragt, sei aber dabei zu keinem anderen Schluss gelangt.

Missbrauchsskandal im Bistum Limburg: "Das ist die Kernschmelze des Vertrauens"

Wolf hat wie Hirtz-Weiser erst aus den Medien erfahren, dass der Missbrauchsvorwurf gegen den Mann, der sieben Jahre sein Chef war, in der Bistumsleitung bekannt gewesen sein soll. Er beschreibt seine Reaktion mit einem Wort des Frankfurter Stadtdekans Johannes zu Eltz: "Das ist die Kernschmelze des Vertrauens". Die Konsequenz: "Nicht nur die Leute glauben uns nicht mehr, auch die Mitarbeiter glauben der Institution nicht mehr", sagt Wolf. Wenn diese jemanden für eine Führungsposition vorschlage, "muss ich davon ausgehen, das ist jemand, dem ich vertrauen kann, der in Ordnung ist." Wenn sich das als Trugschluss herausstelle, "bleibt mir nur mein Gewissen und meine eigene Wahrnehmung."

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Wolf, der 2007 nach Oberursel wechselte, hat aber den Eindruck, dass im Bistum mit Bischof Georg Bätzing und dessen klarer Haltung zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche nun ein anderer Geist Einzug gehalten habe. "Dieser Stil, den es früher gab, das ist vorbei. Da ist nicht darüber geredet worden, alles verdeckt, mit Blick auf einen falsch verstandenen Schutz der Institution und weil man personell wegen des Priestermangels mit dem Rücken zur Wand steht." Bischof Bätzing wolle in Sachen Missbrauch reinen Tisch machen. "Er meint's ernst", ist Wolfs Eindruck.

In Eppstein will der Pfarrgemeinderat sich nun zunächst bei einer internen Versammlung, bei der auch ein Vertreter des Bistums anwesend sein soll, weitere Informationen verschaffen. Erst dann wolle man überlegen, wie man reagiere, sagt die PGR-Vorsitzende Hirtz-Weiser.

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