Weiterbildung

Wie die Bildungsstätte zum Big Player in Eppstein wurde

Vor genau 50 Jahren wurde der Grundstein für das Bildungs- und Schulungshaus von fünf Berufsgenossenschaften gelegt. Es lebt heute mehr denn je.

Über den Dächern der Altstadt thront die Burg. Und über deren Zinnen und Turm erhebt sich eine andere „Burg“: Nicht aus dem Mittelalter, doch ein mächtiges Anwesen ist die Berufsgenossenschaftliche Bildungsstätte schon. Im Gegensatz zur Burg, die mit Tausenden Besuchern bevölkert ist, bleibt der Lern- und Weiterbildungsort am Ende der Mendelssohnstraße eher im Verborgenen. Das Kreisblatt hat sich in dieser besonderen Firma aber einmal umgeschaut.

Das Haus ist für einen speziellen Seminar-Kreis aus Unternehmen gedacht – es schottet sich in der Burgstadt aber keinesfalls ab. „Wir fühlen uns zugehörig zu Eppstein“, sagt Verwaltungsleiter Bruno Domes. Die Fotogruppe trifft sich hier regelmäßig, die Stadt organisiert hier Termine und konnte in den Herbstferien 2017 auf dem Außengelände ihr Live-Rollenspiel durchführen. Domes hebt das gute Verhältnis zur Stadt hervor. Ein Beispiel: Als die Bildungsstätte 2009 für 7 Millionen Euro umfangreich saniert wurde, da habe er vorab sogar die Straße vermessen lassen, damit die Lkw nach oben fahren können. „Und damit es nicht noch mehr Schlaglöcher gibt“, sagt Domes. Er spielt auf das einzige Sorgenkind für den Betrieb an: „Der Zustand der Straße ist nicht nur Anwohnern ein Dorn im Auge.“

Dass sich Domes, sein Team von rund 30 Mitarbeitern sowie die Seminargäste hier wohl fühlen, ist kein Wunder: Die Bildungsstätte ist ein Traditionshaus, vor 50 Jahren wurde der Grundstein gelegt, 1970 eröffnet. Damit ist Eppstein die älteste der drei Fortbildungseinrichtungen im Land, die zum Verein BG Bildungsstätten Süddeutschland gehören. Illertissen/Allgäu folgte 1976, Jössnitz/Sachsen 1996. Getragen werden die Häuser von fünf Berufsgenossenschaften: Holz/Metall, Energie/Textil/Elektro/Medienerzeugnisse, Nahrungsmittel und Gastgewerbe, Bauwirtschaft sowie Handel und Warenlogistik. Firmen dieser Branchen entsenden ihre Mitarbeiter. Der Verein wurde 1964 gegründet. Offiziell benennt er sein Aufgabenfeld so: „Sein Zweck ist die Erforschung der Ursachen der Arbeitsunfälle und der Berufskrankheiten, die Aufklärung der Unternehmer und Versicherten über die Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten sowie die Veranstaltung von entsprechenden Lehrgängen und Vorträgen.“

Laut Domes ist die Aus- und Weiterbildung gesetzlich festgelegt. Die Aufträge sind quasi garantiert. „Daher sehen wir uns auch nicht in Gefahr. Die Notwendigkeit von Schulungen ist da.“ Sie werden von den Unternehmen heute mehr denn je gesehen. So stimmen die Zahlen in Eppstein: Pro Woche sind es 70 bis 100 Gäste, im Jahr 4500 bis 4800 – bei insgesamt 13 000 Übernachtungen. Die Auslastung liege bei 95 Prozent, berichtet Domes. Es gebe eine Warteliste. Wer hier einen Platz für eine Schulung bekommen wolle, der müsse das schon zu Jahresbeginn anmelden, weiß er.

Für das Drumherum sorgt der Chef mit dem Team, in dem Küchenpersonal, Hausmädchen, Bürokräfte und Serviceleute sind. Denn hier gibt es Vollverpflegung, zudem ein kleines Freizeitangebot abends mit einer Bier- und Weinstube. Domes hebt den „Wohlfühlcharakter“ für die Seminar-Teilnehmer hervor. Es gibt zudem Schwerpunkt-Aktionen im Haus wie Gesundheitstests. Selbst Massagen sind möglich.

All das ist aber den Teilnehmern vorbehalten – ein öffentliches Hotel ist die Bildungsstätte nicht. So ist nur von Montag bis Freitag geöffnet. „Wir wollen ja auch keine Konkurrenz zu den Eppsteiner Gewerbetreibenden sein“, betont der Verwaltungsleiter, der Hotel-Betriebswirt ist und früher selbst in der Gastronomie beschäftigt war. Seit 16 Jahren fühlt sich Domes in Eppstein wohl, „ohne den ständigen Konkurrenzkampf draußen ist das ein ganz anderes Arbeiten hier“. Er ist gerne in allen Bereichen unterwegs und aktiv – vom Seminarraum bis in die Küche. „Da spürt man, wie das Haus lebt.“

In der Tat: Aufgabenfelder gibt es genug. Ob es die Handel- und Warendistribution für die großen Einzelhändler, der Gabelstapler-Führerschein für die Industrie oder die Gefahrgut-Schulung ist. Für spezielle Fälle gibt es sogar eine Werkhalle, in der ein Stapler gefahren oder ein Gerüst aufgebaut werden kann. Die Inhalte der Seminare legen die Berufsgenossenschaften fest, von denen es in Deutschland neun gibt und eben deren fünf den Verein tragen. Die Mitarbeiter kommen oft mit einer Problemstellung aus ihrem Betrieb – in einer besonderen Arbeitsatmosphäre mit modernen Lehrsälen und vernetzten Gruppenräumen können sie in Eppstein an Lösungen arbeiten. In aller Ruhe, gut versteckt über den Dächern der Altstadt. Und Bruno Domes weiß, warum genau dieses Konzept der intensiven Schulungen so wichtig ist: „Für jeden tödlichen Betriebsunfall, den wir verhindern durch Maßnahmen, hat sich das allemal gerechnet.“

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