Ortsbeiratswahlen

Bremthal: Grüne im Aufwind, Sozialdemokraten im Sturzflug

SPD verliert fast 13 Prozent: Die Ortsbeiratswahlen in Bremthal sorgen für einige faustdicke Überraschungen und bringen die bisherige Sitzverteilung gehörig durcheinander.

Niederjosbach -Nein, schönzureden gebe es an dem Ergebnis der SPD in Niederjosbach nichts. Daraus macht Jürgen Baesler, Pressesprecher der SPD Eppstein, keinen Hehl. Die Sozialdemokraten erhielten 12,1 Prozent und verlieren damit nicht nur fast 13 Prozent, sondern auch einen von zwei Sitzen im Ortsbeirat. "Es ist wirklich enttäuschend, und es ärgert mich kolossal", macht Baesler seinem Ärger Luft. Der ist auch deshalb so groß, weil die Partei 2016 noch mit 25,1 Prozent in Niederjosbach das beste Ergebnis aller Stadtteile bei der Ortsbeiratswahl erzielte. Und nun der herbe Rückschlag.

Wie kommt das? "Natürlich spiegelt sich der Bundestrend auch immer auf kommunaler Ebene wieder", sagt Baesler, der auch den verbliebenen Sitz im Beirat einnimmt. "Und der Trend ist gerade einfach gegen uns." Anders als 2016, als die SPD in Niederjosbach eigene Themen setzen und sich mit Projekten profilieren konnte, sei man zudem dieses Mal offenbar im Schatten arrivierter Politiker wie der amtierenden Ortsvorsteherin Andrea Sehr geblieben. "Wir sind einfach nicht richtig durchgedrungen", glaubt er, was auch an dem schwierigen Wahlkampf unter Pandemie-Konditionen gelegen habe. Ortsbeiratswahlen seien außerdem immer auch Personenwahlen, meint Baesler, "und da konnten andere wohl von ihrem Bekanntheitsgrad profitieren".

Faustdicke Überraschungen

Enttäuscht ist der Sozialdemokrat auch, weil die Grünen im Vergleich sehr gut abgeschnitten haben. Dass die SPD in Teilen auch durchaus grüne Politik gemacht habe, hätten die Wähler am Ende nicht goutiert.

Und auch sonst hat sich in Niederjosbach einiges verschoben - in alle Richtungen. Das Ergebnis birgt weitere handfeste Überraschungen. Zwar erreicht die CDU 46,3 Prozent - was dem allgemeinen Trend in Eppstein entspricht -, büßt aber einen von bisher fünf Sitzen und damit ihre absolute Mehrheit ein. Die Grünen wiederum, die 2016 nicht für den Ortsbeirat Niederjosbach kandidiert hatten, stellten diesmal eine Liste auf - und erhalten aus dem Stand 13,9 Prozent der Stimmen und einen Sitz, den nun ein junger Nachwuchspolitiker innehat: Marco Klein, angehender Fachinformatiker für Systemintegration, 25 Jahre alt und seit 21 Jahren Eppsteiner. Seit 2019 ist er aktives Mitglied in der Grünen Jugend Main-Taunus und seit 2020 Mitglied im Ortsverband der Grünen Eppstein. Im Ortsbeirat wolle er nun vor allem seiner Generation eine Stimme geben und für deren Interessen eintreten, sagt er. "Außerdem möchte ich mich verstärkt für die Bekämpfung der globalen Klimaerwärmung auch auf Kommunalebene einsetzen sowie lokale Vereine wie die Feuerwehr stärken." Klein sitzt zudem in der Stadtverordnetenversammlung und will sich dort dafür engagieren, eine Grüne Jugend in Eppstein zu etablieren.

FWG gewinnt einen Sitz hinzu

Die Grünen können also auch in Niederjosbach vom allgemeinen Trend profitieren. Bei der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung rutschte die Partei zwar vom ersten Trendergebnis am Sonntagabend von 22 Prozent auf 19,5 Prozent ab, legte aber am Ende immer noch über 7 Prozent im Vergleich zu 2016 zu. Das bedeutet sieben statt bisher vier Plätzen in der Stadtverordnetenversammlung. Und auch landesweit sahnten die Grünen ab. Zwar kamen sie im Hessen-Vergleich - anders als in den großen Städten, wo die Grünen zumeist mehr Sitze in den Stadtparlamenten erhielten als CDU und SPD - nur auf Platz drei. Aber die Partei verzeichnete landesweit den größten Zuwachs: Sie gewann 7,1 Punkte hinzu und landet bei insgesamt 18,4 Prozent. Das schlägt sich auch in Niederjosbach nieder.

Grund zur Freude hat dort aber auch die FWG: Die Freien Wähler verbessern sich auf 18,3 Prozent und gewinnen einen zweiten Sitz. Friedhelm Fischer und Bernd Fuchs sind nun Teil des Gremiums. Die FDP verliert dagegen leicht, erhält 9,4 Prozent - und behält ihren Sitz, der von Pascal Wölfle eingenommen wird. Die Wahlbeteiligung lag bei knapp 63,6 Prozent und ist damit die zweithöchste aller Eppsteiner Stadtteile. Bei der Sitzverteilung im Gremium hat sich also einiges getan. Auf den Listenplätzen verändert sich dagegen kaum etwas - im Vergleich zu anderen Stadtteilen wie Alt-Eppstein, wo der Wähler durch sein Kumulieren das Personaltableau gehörig durcheinandergewirbelt hat. Die Listen wurden vom Wähler im Wesentlichen abgesegnet. Bei der CDU erzielte Spitzenkandidatin Andrea Sehr die meisten Stimmen. Auch die beiden folgenden Plätze, besetzt vom derzeitigen stellvertretenden Ortsvorsteher und Arzt Christoph Striedter und dem Diplom-Ingenieur Manfred Karl, wurden bestätigt. Beide haben schon Erfahrung im Ortsbeirat. Bei der CDU zieht aber auch ein neues Gesicht in den Ortsbeirat ein: Die Diplom-Kauffrau Franziska Schaller profitierte vom Kumulieren, sprang von Rang fünf auf vier, der ursprünglich von Diplom-Ingenieur Thomas Michel besetzt war, - und sicherte sich so einen Sitz.

Usus ist, dass die stärkste Fraktion den Ortsvorsteher stellt. Deswegen ist es sehr wahrscheinlich, dass die bisherige Ortsvorsteherin Sehr das Amt fortführen wird, auch wenn ihre Partei die absolute Mehrheit im Beirat eingebüßt hat. Die 44 Jahre alte Diplom-Kauffrau ist seit 2013 Ortsvorsteherin von Niederjosbach und seit 2016 zudem Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Ihre Arbeit möchte sie unter dem Motto "Gemeinsam im Dialog Gutes schaffen" fortsetzen. "So haben wir das die vergangenen Jahre gemacht und gemeinsam mit den Niederjosbachern sowie den Vereinen viel bewegt", ist Sehr überzeugt. Ihre Agenda für die kommende Amtsperiode hat sie bereits aufgestellt: Der Fokus liege darauf, den Wandel in der Ortsmitte "geschickt zu begleiten" und für eine Belebung zu sorgen.

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