Schüler stehen an der Suppenküche für eine warme Mahlzeit an. "Lernen dürfen" hat die Ausgabestelle gemeinsam mit dem lokalen Partner Untaani eingerichtet, um die 1000 Heranwachsenden vor dem Hungertod zu bewahren.
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Schüler stehen an der Suppenküche für eine warme Mahlzeit an. "Lernen dürfen" hat die Ausgabestelle gemeinsam mit dem lokalen Partner Untaani eingerichtet, um die 1000 Heranwachsenden vor dem Hungertod zu bewahren.

Soziales Engagement

Die Angst vor dem Hungertod

  • VonJulian Dorn
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Terror bedroht Schüler in Burkina Faso: Eine Eppsteinerin setzt sich mit dem Verein "Lernen dürfen" für die Menschen in dem afrikanischen Land ein. Wer möchte, kann sie unterstützen.

VON JULIAN DORN

Ehlhalten/Burkina Faso -Im Januar war Claudia Papenhausen noch geradezu euphorisch. Kein Wunder: Mit Hilfe vieler unerwarteter Spenden konnte ihr Verein "Lernen dürfen", der im westafrikanischen Burkina Faso Schulen baut, ein langersehntes Projekt angehen: Nach zwei Grundschulen und einer Realschule wird in der Provinz Tapoa nun ein Lyzeum, eine gymnasiale Oberstufe, entstehen. Damit soll den Heranwachsenden aus der abgelegenen Falaise Gobnangou vor Ort der Schulbesuch bis zum Abitur ermöglicht werden.

Mittlerweile mischt sich in Papenhausens Euphorie jedoch auch Besorgnis. Das ist ihr am Telefon anzuhören. Die Lage in der Region Logobou hat sich in den vergangenen Monaten dramatisch zugespitzt. Schon Anfang Januar des vergangenen Jahres kam es zu einem terroristischen Überfall auf eine der Schulen. Die islamistischen Rebellen raubten Bücher und wiesen die Lehrkräfte an, in Zukunft auf arabisch zu unterrichten. "Seit über einem Jahr findet an den Schulen kein Unterricht mehr statt", berichtet die 74-Jährige, die 2009 den Verein mit neun Mitstreitern ins Leben gerufen hat. 4000 Schulen in Burkina Faso, Niger und Mali waren im Schuljahr 2019/2020 für 776 000 Schüler wegen des Terrors geschlossen.

Abgeschottet von der Außenwelt

Etwa 1700 Schüler in Logobou litten so sehr unter den Schulschließungen, dass sie nach Tombaga und Diapaga aufgebrochen sind. In diesen Städten sei wegen des größeren Polizeiaufgebots der Schulbetrieb noch möglich, so die pensionierte Pädagogin, "im Gegensatz zu ländlichen Regionen, die dem zunehmenden Terror schutzlos ausgeliefert sind."

Die Falaise Gobnangou, aus der die Schüler kommen, ist ein etwa 80 Kilometer langer, teils hügelig bis auf etwa 365 Höhenmeter ansteigender, teils steil abfallender Höhenzug ganz im Südosten. Etwa 105 000 Menschen leben dort. Sie sind abgeschottet von der Außenwelt, denn die Falaise ist durch eine Art Felswand von leichter zugänglichen Orten abgetrennt, "im totalen Abseits, ohne Straßen, ohne Autos", erzählt Papenhausen.

Jugendliche laufen 100 Kilometer weit zum Unterricht

Von dort machten sich die Schüler auf den Weg in die Städte. Fast 100 Kilometer. Zu Fuß. "Sie setzen ihr Leben aufs Spiel, um ihre Schulbildung fortsetzen zu können", ist die ehemalige Sport- und Biologie-Lehrerin vom Mut der jungen Leute beeindruckt. "Die Schulen waren glücklicherweise in der Lage, weitere Lehrer einzustellen und die Schüler als Binnenmigranten vom Land mit aufzunehmen."

Doch damit waren die Probleme für die Schüler aus Logobou nicht gelöst - im Gegenteil: In den Städten leben die Schüler nun unter prekären Bedingungen. Die Jugendlichen wohnen in winzigen Lehmhütten ohne Wasser und Strom. Vor allem an Nahrung mangelt es. Viele von ihnen seien akut unterernährt. Das geht aus einer wissenschaftlichen Studie hervor, in der die lokale Partnerorganisation Untaani die Situation akribisch dokumentiert hat (die Studie ist unter dem Link https://www.lernen-duerfen.org/out-of-school-children abrufbar ).

Drei Schüler bereits verhungert

Auch Entwicklungshelferin Papenhausen zieht eine erschreckende Bilanz: Drei Schüler seien bereits verhungert, über 600 der rund 1700 Heranwachsenden inzwischen wohl wieder nach Hause zurückgekehrt, "weil sie es nicht mehr ausgehalten haben."

Um die Hungersnot zu lindern, hat der Eppsteiner Verein gemeinsam mit Untaani ein Versorgungskonzept ausgearbeitet. So sollen den Schülern bis zum Schuljahresende im Juli zwei Mahlzeiten am Tag ermöglicht werden. Mit den "letzten Mitteln des Vereins", rund 25 000 Euro, hat "Lernen dürfen" einen Unterstand mit Kochstelle und Lebensmittel bis Ende Mai zur Verfügung gestellt.

Konzept für dezentrales Lernen

Doch um die Schüler auch bis Ende Juli noch versorgen zu können, braucht der Verein nun Spenden. Papenhausen rechnet vor: "Das sind für die nächsten 75 Tage etwa 1,20 Euro pro Tag, damit sich jeder Schüler zwei Mahlzeiten abholen kann." Jeder Euro ermögliche einem Jugendlichen einen weiteren Tag ausreichende Ernährung. Bis Ende Juli, nach den Prüfungen, sollen dann alle zu ihren Eltern zurückgekehrt sein. Dort werden sie für die Ernte gebraucht.

Aber wie soll es dann ab Herbst, im neuen Schuljahr, weitergehen? Gemeinsam mit lokalen Schulbehörden und Lehrerverbänden arbeite "Lernen dürfen" derzeit an einem Konzept zum dezentralen Lernen, erklärt die Vereinsvorsitzende. Auf keinen Fall aber sollen die Schüler aus Logobou wieder ihre Elternhäuser verlassen müssen.

Spenden für Burkina Faso

Kontoinhaber: Lernen dürfen e. V. bei der Naspa Wiesbaden. IBAN: DE64 5105 0015 0225 0759 77; BIC: NASSDE55XXX. Verwendungszweck: Kindernothilfe.

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