Gesche Wasserstraß
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Gesche Wasserstraß

Vereine und Corona

Die Stille in den Fluren der Musikschule

  • VonJulian Dorn
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Die Corona-Pandemie bringt die Musikschule Eppstein-Rossert in Existenznot, wie die Vorsitzende berichtet. Sie wünscht sich mehr Unterstützung vom Land Hessen. Aber auch Bürger können helfen.

VON JULIAN DORN

Eppstein -Wie es der Musikschule geht? Gesche Wasserstraß atmet tief durch, dann sucht die Erste Vorsitzende des Vereins und musikalische Leiterin kurz nach den richtigen Worten: "Die Not ist groß", fasst sie schließlich die Lage knapp zusammen.

Die Pandemie hat die musische Bildungsstätte in finanzielle Schräglage gebracht: kaum Einnahmen, dafür aber teils horrende Fixkosten und zusätzliche Ausgaben für Hygienemaßnahmen und Corona-Selbsttests. Das Problem: Die Musikschule ist ein Verein und darf daher nicht kommerziell wirtschaften. "Es können keine Rücklagen gebildet werden", erklärt Wasserstraß, die sich seit 47 Jahren ehrenamtlich in der Musikschule Eppstein-Rossert engagiert.

Gesangsunterricht per Zoom ist "untragbar"

Die Einrichtung wurde 1972 als Verein gegründet und ist seither stetig gewachsen: Anfangs unterrichtete eine Lehrerin 30 Schüler, nun sind es 26 Lehrer, die etwa 500 Schüler betreuen. Seit Bestehen der Musikschule mussten sie improvisieren, denn der Verein hatte lange Zeit kein eigenes Gebäude. Erst 2016 bezog die Musikschule einen modernen Neubau auf einem Grundstück, das die Stadt zur Verfügung gestellt hatte.

Es ist stiller geworden in den Übungs-Räumen und Fluren des Neubaus in der Nähe des Bahnhofs. An Gruppenunterricht ist derzeit noch nicht zu denken. Der Vorstand der Musikschule entschied, dass nur einzelne Schüler zum Präsenzunterricht in die eigenen Räume am Herrngarten kommen dürfen, das sind etwa 300. Einige Solisten möchten trotzdem lieber online mit ihren Lehrern üben. Das funktioniere auch "überraschend gut", so Wasserstraß. Die Leiterin der Musikschule und ihr Team hatten schon während des ersten Lockdowns ein Online-Konzept entwickelt, "das auch von circa 95 Prozent der Schüler angenommen wurde."

Die Mittsiebzigerin stellte sogar ein Musikbuch für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter zusammen, das als Anhang per Mail an die Familien verschickt wurde. Zu Hause konnten die Kinder ihr persönliches Exemplar ausdrucken, anmalen und musizieren. Dennoch bezeichnet Wasserstraß Fernunterricht nur als "ein notwendiges Übel". Gesangsunterricht über Zoom etwa sei angesichts der oft schlechten Tonqualität "eigentlich untragbar. Es ist eine furchtbare Situation."

Schwierige Lage für Honorarkräfte

Wegen der Widrigkeiten des Digitalunterrichts und ausgefallener Stunden haben sich inzwischen viele Schüler abgemeldet, bilanziert die Leiterin bedauernd. Fatal ist das vor allem für die 26 Lehrer, denn sie sind nur freiberufliche Honorarkräfte, denen die Krise besonders stark zusetzt. Sie verlieren mit jedem Unterrichtsausfall und jeder Abmeldung wichtige Einnahmen. Die Lehrer seien alle "hochqualifizierte Akademiker" und hätten dennoch keine soziale Absicherung im Vergleich zu Angestellten. Doch Festanstellungen kann sich die Eppsteiner Einrichtung, wie die meisten anderen Musikschulen auch, nicht leisten.

Da die Musikschule derzeit auch keine Schulen und Kindergärten besuchen könne, sei ein "wichtiges Standbein einfach weggebrochen". Wasserstraß hoffte in der Vergangenheit auf Zuschüsse vom Land. Doch von den Finanzhilfen für gemeinnützige Vereine profitierte die Schule nicht. "Da unsere finanziellen Mittel zwar knapp sind, wir aber nicht vor der Insolvenz stehen, haben wir keinen Anspruch."

Mehr Unterstützung vom Land gewünscht

Kann die Stadt der Einrichtung nicht helfen, schließlich ist sie Teil des kommunalen Bildungsangebots? Für Bürgermeister Alexander Simon (CDU), selbst ein ehemaliger Schüler von Wasserstraß, sind alle Optionen ausgeschöpft. Die Musikschule werde schon seit vielen Jahren von der Stadt unterstützt. "Sie hat ein eigenes Musikschulhaus erhalten und kann grundsätzlich kostenfrei auch in allen anderen öffentlichen Gebäuden proben." Die Stadt zahle zudem einen jährlichen Zuschuss. "Dieser wird wegen Corona auch nicht gekürzt", betont der Rathauschef.

Wasserstraß ist dankbar für die Unterstützung aus Eppstein und Kelkheim. "Wir wissen, dass sie ihr Möglichstes tun und die Musikschule kommunal einen hohen Stellenwert genießt." Aber auch schon vor der Pandemie standen die Musikschulen vor finanziellen Problemen, beklagt sie. Im Gespräch mit Landespolitikern seien sich zwar alle prinzipiell über den Stellenwert der Musikschulen einig. Uneinig werde man sich erst dann, wenn es um die Finanzierung geht.

Gleichstellung mit Kindergärten vom Tisch

Das Land solle sich stärker an den Gesamtkosten beteiligen, findet Wasserstraß. Schließlich erfüllten Musikschulen einen wichtigen gesellschaftlichen Auftrag: Sie fördern die musikalische Bildung und die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern. Eine Gleichstellung mit Kindergärten etwa, bei denen das Land immerhin ein Drittel der Kosten trage, wünscht sie sich. Doch eine entsprechende Gesetzesinitiative der SPD scheiterte unlängst im Landtag. "Ich will nicht jammern", sagt Wasserstraß. "Aber wenn es ums Geld geht, werden die Musikschulen schon stiefmütterlich behandelt."

Spenden für die Musikschule

Die Kontodaten bei der Nassauischen Sparkasse lauten: IBAN: DE55510500150225020655, BIC: NASSDE55.

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