Ausgestattet mit einer Nähmaschine, bunten Stoffen und Nähgarn in vielen verschiedenen Farben: Cavaris King an ihrem Arbeitsplatz. An der Puppe kann sie testen, ob der Schnitt sitzt.
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Ausgestattet mit einer Nähmaschine, bunten Stoffen und Nähgarn in vielen verschiedenen Farben: Cavaris King an ihrem Arbeitsplatz. An der Puppe kann sie testen, ob der Schnitt sitzt.

Multikulturelle Mode

Eines Tages wusste sie: "Ich muss nähen"

  • VonKatrin Eva Walter
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Cavaris King aus den USA designt in Vockenhausen ihre eigene Kleidung aus afrikanischen Stoffen. Wie sie dazu kam und was die 38-Jährige inspiriert, hat sie dieser Zeitung erzählt.

VON KATRIN WALTER

Vockenhausen -Ausgerechnet bei einem Vorstellungsgespräch bei einer Bank wurde Cavaris King klar, was sie nicht tun wollte. "Ich hatte mich für das Gespräch überhaupt nicht vorbereitet", gesteht sie. Aber ein Kleid habe sie getragen, eines, das sie aus einem traditionellen afrikanischen Stoff selbst genäht hatte. "Es war wie bei einer Modenschau", erinnert sie sich lachend daran zurück, auf welche Art sie die Bank betrat, und demonstriert einen Gang wie auf dem Catwalk. Im Laufe des Gesprächs wurde ihr klar, dass sie nicht in der Bank arbeiten, sondern ihr eigenes Design-Unternehmen aufziehen möchte. Also habe sie zu dem Bank-Mitarbeiter kurzerhand gesagt: "Ich kann nicht, ich muss nähen!"

Bis zu diesem Punkt war das Nähen ein Hobby gewesen. Zwei oder drei Kleider hatte sie bis dahin für sich selbst angefertigt. Ende 2018 startete sie als Designerin - "mit nichts". Der Weg dorthin war nicht einfach für die quirlige 38-Jährige. Sie hat viele Jahre beim US-Militär gearbeitet und hatte in Deutschland Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Hier landete sie, weil ihr Mann 2009 ein Jobangebot als Projektmanager in der IT-Branche angeboten bekommen hatte. Zuerst lebte die Familie in Stuttgart, nun in Vockenhausen.

Inspiration von den Großmüttern

Auf die Frage, wie sie denn zum Nähen gekommen sei, holt King weit aus. Sie erinnert sich an ihre Großmutter, die sie immer für ihre elegante Kleidung bewundert habe. Die andere Großmutter wiederum habe ihr das Häkeln beigebracht. Auch die Stoffe lernte sie als Kind schon kennen, wenn die Großmutter sie von Reisen nach Ghana mitbrachte. Ihr gefielen die Stoffe, also zog sie die Kleidung auch mal in der Schule an. Aber die traditionell geschnittenen Kleider seien etwas unbequem. Sie bestehen aus sehr viel Stoff, der recht dick und fest ist und teilweise gewickelt wird, teils tragen die Frauen auch ein Tuch auf dem Kopf. King, damals Fünftklässlerin, merkte, dass es ihr irgendwie unangenehm war, diese Kleidung zu tragen. Und das fand sie sehr schade. "Das bin ich und das ist meine Kultur, ich sollte mich nicht dafür schämen", findet sie.

Also hat sie überlegt, wie sie die traditionellen Stoffe mit modernen Schnitten kombinieren kann. Dafür verwendet sie ab und zu auch Schnittvorlagen, aber meist gestaltet sie die Kleidungsstücke selbst. Inspirieren lässt sie sich unter anderem vom Fernsehen: "Meine Lieblingsserie ist ,Columbo'", erzählt sie. "Ich liebe die Frauen in der Serie." Sie meint ihren "Style" und ihre "Attitude", also wie sie sich anziehen und sprechen. Eine weitere Inspiration ist der Karikaturist Al Hirschfeld, dessen Zeichnungen sie sich früher immer in der "New York Times" angesehen hat. Heute hat sie einen dicken Wälzer mit Hirschfeld-Zeichnungen, den sie durchblättert, wenn sie eine Idee braucht. Daraus entstehen dann zum Beispiel die Kleider mit gerafften Röcken und Oberteilen in Wickeloptik.

Neue Kollektion ist in Arbeit

Und das ohne ein Designstudium oder eine Schneiderlehre. Das Nähen hat sie in verschiedenen Kursen gelernt, zunächst auf Youtube, aber auch an der Volkshochschule. Und auch beim Militär konnte sie grundlegende Dinge lernen. Eines der ersten Dinge, die sie genäht hat, ist ein Nadelkissen in Patchwork-Optik, das sie heute noch benutzt: Es liegt auf dem kleinen Tisch, auf dem auch ihre Nähmaschine steht. Ihre Werkstatt hat sie sich in einem kleinen Zimmer des Hauses eingerichtet, in dem sie mit ihrem Mann und den drei Kindern lebt. Hinter ihrem Arbeitsplatz hängen verschiedenfarbige Garnrollen aufgereiht, gegenüber ist ein Schrank mit bunten Stoffen gefüllt.

Wobei das mit den Stoffen gar nicht so einfach ist. King holt einen schwarz-weiß gemusterten Stoff aus dem Schrank. "Dieser Stoff ist ausverkauft", sagt sie. Gerade dieses Material sei jedoch bei ihren Kundinnen sehr beliebt. Um nicht mehr davon abhängig zu sein, dass ein Stoff lieferbar ist, hat sie nun zusammen mit einer Grafikdesignerin ihre eigenen Muster entworfen. Bei einer Firma in Berlin lässt sie die Stoffe nach Bedarf bedrucken, wenn sie eine Bestellung bekommt. Sie stellt die Kleidung nach gängigen Größen her oder nimmt gegen einen Aufschlag Maß. Ihre Kundinnen kommen aus der internationalen Gemeinschaft. Interessieren sich hauptsächlich Frauen mit afrikanischem Hintergrund für ihre Designs? "Nein!", widerspricht King vehement. "Meine Kundinnen kommen von überall her." Manche Frauen sagten, sie könnten die bunten, "lauten" Farben nicht gut tragen, aber es sei für jede etwas dabei, auch für sogenannte Winter- und Sommertypen, findet King.

Zurzeit ist sie dabei, ihre neue Kollektion zu entwickeln. Und auch für die Zukunft hat sie schon ganz neue Ideen: zum Beispiel Blusen herzustellen, nach dem Schnitt eines ihrer Lieblingsstücke. Allerdings aus Seide - aber natürlich auch in knalligen Farben und Mustern.

Extravagant und knallig

Die Kleidung von Cavaris King gibt es für rund 300 bis 400 Euro pro Stück. Ihre Kollektionen und Entwürfe gibt es auf ihrer Homepage unter www.sewgloboutique.com.

Moderner Schnitt, traditionelles Material: Kings Entwürfe, gern auch in knalligen Farben.

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