Klein, aber effektiv: Mobile Luftreinigungsgeräte können laut verschiedener Studien die Aerosol-Belastung in der Raumluft um bis zu 90 Prozent senken.
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Klein, aber effektiv: Mobile Luftreinigungsgeräte können laut verschiedener Studien die Aerosol-Belastung in der Raumluft um bis zu 90 Prozent senken.

Infektionsschutz an Schulen

Eppstein: Dicke Luft wegen Corona-Filtern

  • vonJulian Dorn
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PETITION Lüften, lüften, lüften - das ist die Devise der Landespolitik beim Infektionsschutz an Schulen. Luftfilter könnten das nicht ersetzen. Eine Eppsteiner Mutter findet das unzumutbar - sie fordert in einer Petition nun Filter für jeden Raum an allen Schulen des MTK. Und auch Studien zu den Geräten bringen die Argumentation der Politiker allmählich ins Wanken.

Eppstein/Main-Taunus -Lüften, lüften, lüften - Kerstin Lünenbürger kann diesen Unterrichts-Tipp des hessischen Kultusministers Alexander Lorz (CDU) nicht mehr hören. "Damit macht er es sich ziemlich einfach", so ihr Verdikt. Noch sind alle Schulen zwar ohnehin geschlossen, doch die Diskussion um die Frage nach dem geeigneten Infektionsschutz in Klassenräumen tobt weiter. Für die Eppsteinerin Lünenbürger, selbst Mutter einer 16 Jahre alten Tochter, kann es darauf nur eine Antwort geben: mobile Luftreinigungsgeräte, die infektiöse Aerosole aus der Raumluft filtern können - und zwar in jedem Klassenraum im Kreis.

Luftfilter nur für 100 von 1208 Räumen

Der Kreistag hat bislang zwar für Luftreinigungsfilter 3 Millionen Euro bereitgestellt. Allerdings nur für bestimmte Räume mit hohem Infektionsrisiko, etwa Lehrerzimmer, Sekretariate, Ganztagsräume und schwer zu lüftende Zimmer. Das betrifft nach Einschätzung des Landratsamts nur 100 von 1208 Räumen in den Schulen des Kreises.

Denn auch für Landrat Michael Cyriax (CDU) gilt weiterhin: Stoßlüften ist das Mittel der Wahl. Private Schulen haben dagegen bereits Luftreinigungsfilter gemietet oder angeschafft, etwa das Privatgymnasium Dr. Richter in Kelkheim, das 35 Luftreinigungsfilter für all seine Räume geleast hat.

Das will die Informatikerin Lünenbürger nun auch für öffentliche Schulen erreichen. Deswegen hat sie eine zweite Online-Petition an den Landrat initiiert (unter: https://www.openpetition.de/!luftfiltermtk) und bereits mehr als 150 Unterstützer gewonnen. Schon im November hatte sie Unterschriften dafür gesammelt, alle Schulen in Hessen mit Luftfiltern auszustatten. Insgesamt unterzeichneten damals 2774 Menschen. "Die Kälte beim Lüften ist nicht zumutbar", lautet eines ihrer Argumente. Die notwendige Belüftung hätte schon im November zu Temperaturen in den Klassen geführt, "die ein erfolgreiches Lernen konterkarieren". Lünenbürger meint: "Wenn der Körper damit beschäftigt ist, sich warm zu halten, bleibt für den Geist keine Energie mehr übrig." Zudem seien dadurch Erkältungen und grippale Infekte programmiert, die dann fälschlich als Symptome einer Corona-Infektion gedeutet werden und die Verunsicherung noch verstärken könnten.

Dieses Argument lässt Kultusminister Lorz nicht gelten und betonte in der Vergangenheit immer wieder, dass die Raumtemperatur beim Stoßlüften nur kurzzeitig um zwei bis drei Grad absinke. Das sei laut Medizinern unbedenklich. Luftfilter könnten Lüften nicht ersetzen, so die Linie in Wiesbaden und Hofheim.

"Das stimmt so nicht", erwidert Lünenbürger und verweist auf eine Studie der Goethe-Universität. Joachim Curtius, Professor für Experimentelle Atmosphärenforschung, hat in einer Wiesbadener Schule mobile Luftfilteranlagen getestet - vier kleine Geräte mit HEPA-Filter, verteilt in einem Klassenzimmer. Das Ergebnis: 100 Prozent Schutz vor Aerosolen habe man nicht, aber "in einem typischen Klassenzimmer konnten in einer halben Stunde 90 Prozent der Aerosole entfernt werden", schreiben die Forscher. Und weiter heißt es: "Es gibt eigentlich keine Gründe, warum man die Luftreiniger nicht im Klassenraum einsetzen sollte." Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Untersuchungen an der Bundeswehr-Universität in München. Selbst das Umweltbundesamt sieht einen Nutzen in den Filtern.

Warum also zögert der Kreis bei der Anschaffung der Geräte? Lünenbürger vermutet Kostengründe. Das ist für sie jedoch kein Argument. "Für die Wirtschaft werden hunderte Milliarden Euro ausgegeben, aber für unsere Kinder und Lehrer - viele davon vulnerabel - gilt nicht dieselbe Bereitschaft", moniert sie. Forscher der Bundeswehr-Uni rechnen vor, dass es circa 1,5 Milliarden Euro kosten würde, um alle Schulen in Deutschland mit Filtern auszurüsten. "Ein marginaler, aber gut angelegter Betrag", findet die Eppsteinerin.

Außerdem handelt es sich ihrer Meinung nach um eine nachhaltige Investition: "Die Luftfilter könnten auch weiter eingesetzt werden, um die Klassenräume auch in Zukunft im Winter virenfrei zu halten", ist Lünenbürger überzeugt. Was sie besonders wütend macht: Die Staatskanzlei etwa hat Luftfilter für ihre Räume in großer Zahl bereits angeschafft. "Und den Schulen soll das verwehrt bleiben?"

Hier müsse rasch ein Umdenken stattfinden, denn für Lünenbürger ist auch klar, dass dauerhafter digitaler Unterricht "wegen fehlender Konzepte und Ausstattung" nicht möglich sei. Das weiß sie aus eigener Erfahrung: Ihre Tochter wird nächstes Jahr Abitur an der Main-Taunus-Schule machen. Die Schule hat circa 1500 Schüler, "es können jedoch über die Plattform nur 400 Schüler gleichzeitig unterrichtet werden", so Lünenbürger. Wenn Videounterricht stattfinde, dann nur ohne Kamerabildübertragung, da sonst die Schulplattform überlastet wäre. Die Lehrer haben die Wahl, ob sie das anbieten oder Arbeitsblätter hochladen. "Meine Tochter braucht die zwei- bis dreifache Zeit, weil sie sich alles selbst erarbeiten muss. Da dies für mehr als die Hälfte der Stunden zutrifft, ist das eine enorme Arbeitsbelastung." Da die Lehrer zudem die Arbeitsblätter nicht immer korrigierten, sei die Gefahr groß, dass Lücken entstünden oder auch Falsches gelernt werde, fürchtet Lünenbürger. Daran seien aber nicht die Pädagogen Schuld, betont Lünenbürger. "Um das klarzustellen: Ich sehe die Verantwortung im Kultusministerium, das die Digitalisierung schon jahrelang verschlafen hat. Die Lehrer haben sich sehr angestrengt, konnten jedoch mangels Fortbildung und schlechtem Schulportal nicht viel mehr tun." Statt dieses "halbfertigen Digitalunterrichts" bräuchte es eine sichere Präsenz-Lehre mit maximal 15 Kindern pro Raum und mit Filtern und Trennwänden.

Fakt ist, dass mancherorts bereits ein Umdenken stattgefunden hat. In Göttingen etwa werden nun flächendeckend Filter und Trennwände angeschafft. Am Donnerstag will Lünenbürger ihre erste Bittschrift mit den 2774 Unterschriften dem Petitionsausschuss des Landtags überreichen. Und ihre jüngste Petition an den Landrat gewinnt auch immer mehr Unterstützer. Der Druck auf die Entscheidungsträger wächst.

Julian Dorn

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