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Alltagshelferinnen mit ehemaligem Schützling (von links): Gisela Kümmerle, Elisabeth Frake-Rothert, Elfie Helmling und Michael.

Integration

Eppstein: Ehrenamtliche helfen Flüchtlingen, sich in Deutschland zurechtzufinden

  • vonJulian Dorn
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Wie bediene ich einen Fahrkartenautomaten? Was steht auf den Lebensmittelpackungen? Alles ist neu für die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Eine Initiative aus Eppstein hilft ihnen, sich im deutschen Alltag zurechtzufinden. Die Ehrenamtlichen müssen dabei viele Hürden meistern.

Eppstein -Michaels Stimme stockt immer wieder, als er von seiner Flucht nach Deutschland erzählt. Zu sehr ins Detail will der 24 Jahre alte Eritreer nicht gehen, doch seine knappen Sätze reichen aus. Rasch ist klar: Der junge Mann hat viel durchgemacht in seinem Leben. Eine Odyssee hat er hinter sich, in einem Schlauchboot von Libyen über das Mittelmeer bis nach Italien. Hungernd, frierend und allein. Auf Schlepperrouten kam er über Ungarn und Österreich nach Deutschland. Das war im September 2013.

Seitdem ist viel passiert. Michael hat in Eppstein seinen Hauptschulabschluss gemacht. Es folgten einige Praktika, dann eine Ausbildung zum Elektriker, die er 2019 erfolgreich abschloss. Jetzt hat er einen Job in Niederjosbach, eine eigene Wohnung in Vockenhausen und ein eigenes Auto. Michael ist angekommen in Deutschland. Der schlanke Mann mit dichtem schwarzen Haar, blauer Jeans und schwarzem Sweater sitzt im rustikalen Gastraum der ehemaligen Gaststätte Schützenhof an der Neugasse hinter einem massiven Holztisch. Für ihn ist klar: "Ohne den Asylkreis hätte ich das nicht geschafft."

Beratung und

Begleitung im Alltag

Als sie das hört, winkt Gisela Kümmerle verlegen ab. "Selbstverständlich" sei das gewesen, sagt die zierliche Frau mit den graumelierten Haaren und der grauen Strickjacke, die Michael gegenüber sitzt. Seit fünf Jahren hilft sie ehrenamtlich beim Asylkreis, einer Initiative von Eppsteiner Bürgern, die im März 2014 ins Leben gerufen wurde. Es gibt Hausbeauftragte, die sich um die Bewohner der vier Flüchtlingsunterkünfte kümmern, Fahrer, die Arztbesuche begleiten, Menschen, die unentgeltlich Sprachkurse und Einzelunterricht anbieten. Kümmerle und Elfie Helmling, die neben ihr sitzt, veranstalten immer montags im ehemaligen Ballsaal des Schützenhofs einen bunten Nachmittag. Es wird gespielt, gebastelt und genäht. An den Tischen sitzen einige Frauen mit bunten Kopftüchern und spielen mit ihren Kindern "Mensch-ärger-dich-nicht". Auf anderen Tischen liegen bunte Stoffe, im Hintergrund rattern Nähmaschinen.

Es sind die alltäglichen Dinge, die Kümmerle und Helmling den Geflüchteten näherbringen: Wie bediene ich einen Fahrkartenautomaten? Was steht auf den Lebensmittelverpackungen? "Wir wollen, dass sich die Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten, in der für sie sehr fremden Umgebung wohlfühlen", sagt Helmling.

Und bis dahin ist es ein weiter Weg. Alles ist neu für die Flüchtlinge, die Menschen, die Kultur, das Essen - und die Regeln, die hier gelten: Das Asylverfahren ist komplex, die Bürokratie erdrückend, die Gesetzeslage oft diffus. Die Helfer unterstützen die Geflüchteten bei den Behördengängen, helfen ihnen, eine Schneise durch den Bürokratie-Dschungel zu schlagen. Für die, die bleiben dürfen, wird es nach der Anerkennung nicht eben einfacher. Dann müssen sie Wohnungen und Jobs finden - auch dabei helfen Kümmerle und ihre Mitstreiter. "Wir lesen zum Beispiel auch Bewerbungsschreiben Korrektur oder schauen uns die Mietverträge genau an", erklärt sie. Doch zunächst muss die Sprachbarriere überwunden werden, viele Flüchtlinge sprechen nur gebrochen Englisch, wenn überhaupt. Das ist die größte Hürde für die Ehrenamtlichen. Es dauere meistens zwei bis drei Jahre, bis die Flüchtlinge einigermaßen Deutsch sprechen können, sagt Helmling. "Natürlich verständigt man sich erstmal nur mit Händen und Füßen." Aber irgendwie funktioniert es immer.

Jeder Helfer bringt seine individuellen Erfahrungen, Talente und Kontakte ein. Dazu wurden Ressorts geschaffen, in denen sich Arbeitsgruppen mit bestimmten Themen befassen. Das Ressort "Kindergarten und Schule" etwa unterstützt anerkannte Flüchtlingsfamilien, Kindergartenbesuch und Schulalltag der Kinder zu organisieren. Die Arbeitsgruppe "Wohnungen" hilft Flüchtlingen dabei, eine eigene Bleibe zu finden, weil sie nach der Anerkennung die Gemeinschaftsunterkunft verlassen müssen, 70 Flüchtlinge betreuen die Ehrenamtlichen derzeit. Von rund 200 Helfern seien jetzt noch 30 aktiv, sagt Kümmerle. "Viele andere sind eigentlich nur noch Karteileichen." Doch dass sich damals in einer 13 000-Einwohner-Gemeinde so viele Helfer innerhalb eines Jahres gefunden haben, sei immer noch überwältigend, findet die Flüchtlingshelferin. Auch jetzt sei die Hilfsbereitschaft noch groß. Menschen spenden Möbel, Kleidung und Elektronikgeräte etwa von Haushaltsauflösungen.

Auch Michael fühlt sich in Vockenhausen wohl. Die Leute seien hilfsbereit und "behandeln mich mit Respekt". Obwohl er nun auf eigenen Füßen steht, ist er noch oft beim Asylkreis. "Die Tür steht auch ehemaligen Schützlingen immer offen", betont Kümmerle. Mit einigen steht sie nach wie vor in Kontakt. Etwas Erfüllenderes, als anderen zu helfen, kann sie sich nicht vorstellen. Schon vor 30 Jahren half sie kurdischen Flüchtlingen dabei, sich im deutschen Alltag zurechtzufinden. "Man erfährt unfassbar viel über andere Lebensgewohnheiten." Kümmerle stellt selbst gebackenen syrischen Orangenkuchen auf den Tisch. "Und man lernt exotisches Essen kennen, wie man sieht", sagt sie und schmunzelt, während sie die Stücke auf die Teller verteilt.

Für Helmling ist die Arbeit vor allem eine Bereicherung, "weil man immer wieder sehe, dass das Engagement sich auszahlt": Michael ist nicht die einzige Erfolgsgeschichte der Ehrenamtlichen: Von den Flüchtlingen, die 2014 und 2015 vom Asylkreis betreut wurden, gehen mittlerweile alle einer geregelten Arbeit nach. Erst vor zwei Wochen zeichnete der Asylkreis zwölf Flüchtlinge aus, die ihre Ausbildungen abgeschlossen haben. Sie sind jetzt unter anderem Altenpfleger, Schreiner oder sogar IT-Fachinformatiker. "Die meisten der Geflüchteten sind sehr ehrgeizig, wollen sich ihre Teilhabe verdienen und rasch auf eigenen Beinen stehen", betont Kümmerle. Natürlich müsse man bei dem ein oder anderen mal insistieren. "Man kann nicht um 10 Uhr noch im Bett liegen, wenn man einen Arzttermin hat." Und die Unterschrift für den Deutschkurs bekommt nicht, wer fünf Minuten vor Unterrichtsende erscheint. Das Team versichert, es sei da konsequent.

Das musste es bei Michael nie sein. Elektriker zu werden war sein Traum. Diesen Wunsch hat er sich mit viel Fleiß erfüllt. Das schätze er auch so an Deutschland, sagt der Eritreer. "Wenn man ein Ziel hat, kann man es erreichen, wenn man nur will." Wovon er noch träumt? "Alles step by step", antwortet er. "Erstmal Geld verdienen, dann kann man auch an Familie denken." In Vockenhausen will er aber erstmal bleiben. Dort fühlt er sich sicher und geborgen. Julian Dorn

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