hkp_wunderbar_081220
+
In seinem Element: Betreiber Ralf Otto hinter dem Tresen seiner Kneipe.

Corona-Pandemie

Eppstein: Leere Kneipe voller Sorgen

  • vonDetlef Kinsler
    schließen

Outdoor-Konzerte mit Zelt und Abstand: Die Betreiber der Eppsteiner Kult-Kneipe "Wunderbar Weite Welt"zogen in der Pandemie alle Register, um ihr Lokal zu retten. Doch jetzt ist der Laden wieder dicht. Wie geht es nun weiter?

Eppstein -Noch bevor die Bundeskanzlerin mit den Länderchefinnen und -chefs Anfang Dezember die Verlängerung des Teil-Lockdowns bis 10. Januar beschloss, mutmaßte das Team der "Wunderbar Weite Welt" auf seiner Website schon: Wenn man bei den Politikern zwischen den Zeilen liest, werden wir vermutlich bis Ende Januar 2021 nicht arbeiten dürfen. Man entwickelt als von Corona gebeutelter Gastronom ein untrügliches Gespür für Eventualitäten."

Fragt man dann bei Ralf Otto vom Führungstrio des Restaurants und Live-Musikclubs nach, macht er keinen Hehl aus seinen Gefühlen: "Richtig weitermachen können wir erst, wenn es einen Impfstoff gibt, der schnell verteilt wird. Ohne diesen werden unsere Hauptadressaten, zumal bei Konzerten, die fast allesamt zur Risikogruppe gehören, nicht wiederkommen." Kein Wunder also, dass er sich jetzt schon wie die meisten den Frühling herbeisehnt. "Denn dann haben wir ab März wieder unsere Biergarten-Auftritte ohne Eintritt und mit Hut für die Gage wie im Sommer, um das Schlimmste für die Musiker und uns zu überbrücken."

Dann wird es ein Jahr her sein, dass Otto, sein Sohn Joschka Mader und Ottos Lebensgefährtin Sylvie Schramm am 13. März den Schock des ersten Lockdowns zu verdauen hatten. Im ersten Halbjahr fielen schon zwölf Konzerte der Pandemie zum Opfer, bis Jahresende werden es dann noch mal siebzehn Gastspiele sein. "Außer Haus haben wir nicht verkauft, da wir als Stadtrandlage und ohne entsprechende Infrastruktur nicht profitabel hätten arbeiten können", erklärt Otto, warum es in der "Wunderbar Weite Welt" keinen Abholservice gab.

Outdoor-Konzerte mit Zelt und Abstand

Dafür gab es am 30. Mai das erste Konzert unter freiem Himmel. "Zum Glück haben wir einen großen, atmosphärischen Biergarten mit viel Abstand zwischen den Gästen", erklärt Otto, wie es möglich war, Corona-konforme Events anzubieten. Er wusste nur zu gut, dass das Publikum seine Ansicht teilte: "Ganz ohne Musik macht das Leben viel weniger Spaß." Präsentieren konnte man vor dem liebevoll sanierten Stadtbahnhof von Eppstein vor allem regionale Künstler wie die "Down Home Perculators", das "King Baumgardt Duo", "Wolf Schubert & Friends" und wegen der Reisestopps hier gestrandete US-Musiker wie Austin Lucas.

Trotz einer Betriebsunterbrechungsversicherung und Kurzarbeitergeld: "Die Monate Juni und Oktober 2020 waren für uns sehr schlecht, im Sommer war es Biergarten-bedingt etwas besser, die November- und Dezemberhilfen sind wichtig für uns als Ausgleich für immense Umsatzausfälle durch alle ausfallenden Parties, runden Geburtstage und Weihnachtsfeiern", sagt Otto, doch "trotz Rücklagen geht unserem Girokonto langsam die Luft aus",

Am Tag der deutschen Einheit gab es mit "Neal Black & The Healers" das bis dato letzte Konzert. "Der Auftritt wurde dann witterungsbedingt nach innen verlegt, wo wir mit 30 Personen einer guten Band lauschen durften, ohne die Kosten einspielen zu können", musste Otto auch erkennen. "Ich hatte eigentlich vor, im Winter indoor mit kleinen Konzerten unter Einhaltung der Hygienerichtlinien weiterzumachen." Er wurde jedoch durch die Corona-Regeln ausgebremst. Und auch die Fans hatten vorab erklärt, lieber draußen, aber ungern drinnen sein zu wollen, solange die Corona-Zahlen so hoch sind. Dabei hatte man auch in der "Wunderbar Weite Welt" einen großen Aufwand betrieben, "neue Deckenventilatoren eingesetzt, die Lüftung auf Vordermann gebracht, Trennwände gekauft, Schilder und jede Menge Hygienestationen aufgebaut, ein Zelt vors Haus gestellt und minutiös die Gästeliste geführt, um 45 Personen platzieren zu dürfen", berichtet Kneipier Otto.

Zwei bereits gebuchte US-Bands wurden längst auf 2022 verschoben. "Für den Bluesgitarristen Henrik Freischlader, dessen Gastspiel vom Mai 2020 in den Januar 2021 geschoben wurde, suchen wir nun einen Termin im Sommer 2021, alternativ auch einen für den Januar 2022", gibt Otto einen Einblick in seine Arbeit als Konzertbooker. "Wir müssen immer auch ein wenig auf Sicht fahren, immer gewahr, dass die Politik Neues ausheckt und uns überrascht", weiß Otto. "Wir glauben aber nicht, vor Juni 2021 wieder in den normalen Indoor-Spielbetrieb zurückkehren zu können,"

Der gebeutelte Gastronom ist sich sicher: Geduld und gegenseitige Fürsorge sind momentan das Gebot der Stunde . Detlef Kinsler

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare