Schon ein eingespieltes Team: Die Hamburgerin Mareike Clausing(rechts), die nun für zwei Jahre ihre praktische Ausbildung zur Pfarrerin in Eppstein absolviert, mit ihrer Mentorin Heike Schuffenhauer hinter dem Altar der Talkirche.
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Schon ein eingespieltes Team: Die Hamburgerin Mareike Clausing(rechts), die nun für zwei Jahre ihre praktische Ausbildung zur Pfarrerin in Eppstein absolviert, mit ihrer Mentorin Heike Schuffenhauer hinter dem Altar der Talkirche.

Neue Vikarin in der Talkirche

Eppstein: Sie vermisst die Nähe zu den Gläubigen

  • vonJulian Dorn
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Von der Hanse- in die Burgstadt: Die Hamburgerin Mareike Clausing startet ihr Vikariat in der Talkirchengemeinde in herausfordernden Zeiten. Doch sie kann der Krise auch positive Seiten abgewinnen.

VON JULIAN DORN

Eppstein -In jedem Leben gibt es Schlüsselmomente. Kurze Augenblicke, die so schnell gehen, wie sie gekommen waren - und nach denen man plötzlich ganz klar sieht. Mareike Clausing erlebte einen solchen Moment, während sie eine Fernsehdokumentation über die Hamburger Wasserschutzpolizei schaute. Bis zu diesem Zeitpunkt spielte die gebürtige Hanseatin noch mit dem Gedanken, selbst zur "Entenpolizei" zu gehen, wie die Wasserschutzpolizei in ihrer Heimatstadt scherzhaft genannt wird. Der Inhalt des Beitrags war aber weniger amüsant: "Die Doku zeigte die Beamten, wie sie einen Mann aus dem Wasser ziehen mussten, der sich von einer Brücke gestürzt hatte", erinnert sich Clausing.

Da war der jungen Frau klar: "Ich wollte nicht erst kommen, wenn es schon zu spät ist." Die im christlichen Glauben verwurzelte Hamburgerin will Menschen durch Krisen lotsen. Einfach da sein. "Und da gibt es eigentlich nur einen Beruf, der beides zusammenbringt: Gottes Wort zu verkündigen und seelsorgerisch mit Menschen zu arbeiten." Ihr Entschluss stand fest: Sie wollte Theologin werden. Auf die Kanzel statt aufs Wasser - und zumindest metaphorisch Menschen durch stürmische Zeiten navigieren.

Seit Februar ist die 32-Jährige nun Vikarin in der Talkirche und zurzeit viermal pro Woche in der Burgstadt. Den zweiten Teil ihrer praktischen Ausbildung zur Pfarrerin absolviert sie am Theologischen Seminar Herborn. In der Talkirche assistiert sie nun zwei Jahre lang Pfarrerin Heike Schuffenhauer bei den Sonntagsgottesdiensten: Clausing trägt die Lesung vor, begrüßt die Gemeinde oder spricht die Psalmen. Die Norddeutsche begann ihr Studium in Hamburg, wo sie auch ihren Freund kennenlernte. Er will ebenfalls Pfarrer werden. Gemeinsam studierten sie dann in Berlin und Mainz und wohnen inzwischen in Wiesbaden.

Von der Millionenstadt Hamburg ins verschlafene Eppstein. Ein "Kulturschock"? Clausing lacht am Telefon. "Nein, ganz im Gegenteil. Mein Weg führte mich ja von Hamburg über Berlin und Mainz nach Wiesbaden. Ich wurde also schrittweise an eher beschauliche Orte herangeführt", sagt sie mit einem Augenzwinkern. Sie fühle sich in der Burgstadt sehr wohl. Eine kleine Gemeinde habe auch Vorteile, meint die Theologin. Man kenne sich, die Atmosphäre sei familiärer, die Menschen kämen leichter ins Gespräch - eigentlich. Wäre da nicht Corona. "Das Virus durchkreuzt gerade so ein bisschen mein berufliches Ziel", sagt Clausing. Sie wolle sich schließlich mit den Menschen austauschen, auf sie zugehen, für sie da sein. Die fehlende Nähe mache ihr deshalb schon zu schaffen. Richtig kennenlernen konnte sie die Gemeinde bislang noch nicht. Selbst die Kirchgänger, die sich früher nach dem Sonntagsgottesdienst noch zum Plausch vor der Kirche getroffen haben, wollen momentan so schnell wie möglich nach Hause. Die beliebte Marktmusik, Orgelkonzerte oder Gesprächskreise gibt es zurzeit nicht, nicht einmal unter freiem Himmel. Im vergangenen Jahr hat nur ein Brautpaar in der Talkirche "Ja" gesagt. Die Konfirmanden kennt Clausing bisher nur als Kacheln auf dem Monitor. Die Gruppe, die sich seit einigen Monaten auf die Konfirmation Anfang Mai vorbereitet, hatte bislang noch kein persönliches Treffen. "Das Miteinander fehlt, und das schmerzt."

Krise als "spannende

Herausforderung"

Die Vikarin kann der Krise aber auch positive Seiten abgewinnen. Es sei eine "spannende Herausforderung", neue Formate zu entwickeln, um die Gläubigen auch in der Pandemie zu erreichen - auf digitalem Wege. "Fakt ist: Wir brauchen innovative Ideen, um Gottes Botschaft zu verkünden." Egal ob Videos - wie Schuffenhauers Online-Botschaften - oder Livestream-Gottesdienste: Spätestens seit Corona muss sich die Kirche digital neu erfinden. Clausing sagt: "Man wird regelrecht zur Kreativität gezwungen." Die junge Vikarin sieht das als Chance, mehr Menschen zu erreichen, vor allem junge, medienaffine Zielgruppen.

Auch wenn die Gemeindearbeit derzeit eingeschränkt ist, an Aufgaben mangelt es der Vikarin dennoch nicht. Ihr Schwerpunktthema ist gerade Religionspädagogik. Deswegen arbeitet sie derzeit an der Burg-Schule. "Momentan findet kein Religionsunterricht statt, deshalb hospitiere ich im Deutschunterricht", berichtet die angehende Pfarrerin. Vor Ostern hat sie ihre erste Unterrichtseinheit konzipiert. Sie behandelte denn auch das Fest der Auferstehung, "allerdings nicht so sehr aus religiöser Perspektive, sondern eher den Ursprung des Brauchtums". Sie wolle das Interesse an Religion bei den Grundschülern wecken und zum Nachdenken anregen, erklärt Clausing. Ein schwieriger Balanceakt - denn der Deutschunterricht muss religiös neutral bleiben.

Osterpredigt

als Feuertaufe

Der Unterricht ist nur eine von vielen Bewährungsproben für die junge Frau, die in ihrer Freizeit Aquarelle malt, paddelt und davon träumt, sich irgendwann ein DJ-Pult anzuschaffen. Bewähren musste sie sich auch an Ostern, bei ihrer ersten Predigt vor der Gemeinde. "Ziemlich aufgeregt" sei sie gewesen. "Schließlich bin ich in die großen Fußstapfen meiner Chefin getreten." Die Rückmeldungen seien aber positiv gewesen, berichtet sie. Feuertaufe bestanden. Einziger Wermutstropfen: Ihr maßgeschneiderter Talar war nicht rechtzeitig fertiggeworden.

Clausings Einstand jedenfalls ist auch ohne Talar geglückt. Jetzt kann die Gemeindearbeit beginnen. "Hoffentlich bald auch wieder im persönlichen Austausch." Echte Gemeinschaft und Nähe, meint Clausing, gebe es eben nicht von Monitor zu Monitor.

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