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Matthias Derstroff (fast) in Aktion: Auf dem Spielplatz am Rathaus will er das Unkraut bekämpfen. Doch der riesige Wasserkocher im Hintergrund versagt seinen Dienst ? es ist einfach zu kalt.

Vorreiterrolle

Eppstein ist auf der Suche nach Glyphosat-Ersatz fündig geworden

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Die Eppsteiner nehmen mit ihrem System nach eigenen Angaben eine Vorreiterrolle im Kreis an. Das nicht ganz so günstig ist.

Mit diesem Vorführeffekt können Bürgermeister Alexander Simon, Bauamtsleiter Michael Durchholz und Matthias Derstroff, Chef des Eppsteiner Bauhofs, ganz gut leben. Denn eigentlich wollen sie an diesem Vormittag vorstellen, wie die Stadt künftig das Unkraut auf öffentlichen Plätzen, Wegen und Anlagen beseitigen will. Doch der große weiße Behälter verweigert seinen Dienst. Bei 6 Grad minus ist das auch kein Wunder. Das Wasser im 500-Liter-Tank sei gefroren – keine Chance, es auf 120 Grad zu erhitzen, bedauert Derstroff und kann noch so oft versuchen, die Maschine in Gang zu setzen und die Sprühpistole zu drücken.

Doch darum geht es an diesem Tag auch nicht zwingend. Denn die Wirkung des heißen Wassers auf unliebsame Pflanzen kann sich jeder Bürger vorstellen. Das erhitzte Nass verbrennt nicht nur die äußere Hülle der Pflanzen, es greift auch die Blätter durch einen Thermoschock an und dringt bis zu den Wurzelfasern durch. Wird das noch zwei oder drei Mal wiederholt, hat die Stadt dem Unkraut endgültig den Garaus gemacht.

Viel entscheidender ist für den Bürgermeister aber, warum die Stadt nun auf heißes Wasser im Kampf gegen die Wildkräuter setzt. Dazu muss er nur das Reizwort „Glyphosat“ nennen, das als wahrscheinlich krebserregend gilt und 2017 in aller traurigen Munde war. Auf die politischen Diskussionen und Begleiterscheinungen dazu wolle er gar nicht eingehen, betont Simon. Vielmehr sei es ein Fakt, dass dieses Bekämpfungsmittel für Unkraut in den Kommunen nicht mehr eingesetzt werden dürfe. „Da gibt es nichts zu diskutieren“, sagt der Rathauschef und hat sich daher mit seinem Team früh nach Alternativen für das unter dem Namen „Roundup“ verkaufte Mittel umgesehen. Dem Kraut mit Schabern und Werkzeugen beizukommen, sei nie wirklich diskutiert worden. Schon eher die Variante, ein Schaummittel mit einem erlaubten Zusatz aufzubringen. Doch der Schaum verflüchtige sich erst nach einer Stunde – so sei das auf Spielplätzen, Friedhöfen oder dem Kopfsteinpflaster der Altstadt kaum praktikabel, erzählt Simon. Ebenso wenig, wie die Variante, das Unkraut abzuflammen. Das hätte im Sommer Probleme mit der Brandgefahr gegeben, sagt Derstroff.

Und so stießen die Mitarbeiter des Rathauses über die Firma Noll Kommunal- und Gartentechnik in Bremthal auf das neue System mit dem „großen Wasserkocher“ (Simon). Der Hersteller sitzt in Frankreich, in Paris wird das Unkraut mit Heißwasser schon länger bekämpft. Die Metropole an der Seine ist Vorreiter und hat mehr als 25 solcher Geräte im Einsatz. Das ist aber eine finanzielle Frage – die Eppsteiner mussten für ihren Unkrautvernichter immerhin 27 000 Euro bezahlen. Viel Geld, das weiß auch Simon. Doch eine saubere und nicht gesundheitsgefährdende Sache – und das ist ihm wichtig. Für rund 3000 Euro habe die Stadt ja außerdem jedes Jahr das Mittel „Roundup“ bestellt. Das spare sie nun ein.

Eppstein nimmt mit dem Projekt nun eine Vorreiterrolle im Kreis ein, wie Bauamtsleiter Derstroff nach den Gesprächen mit Kollegen überzeugt ist. Wenn es demnächst wärmer wird, soll der Wasserkocher auf den Bauhof-Fahrzeugen durch die Stadt rollen. Einsatzgebiete sind vor allem die 19 Spielplätze, die Friedhöfe, öffentliche Plätze und Straßen. Dort wuchert das Unkraut inzwischen schon kräftig, wie auf der Spielanlage am Rathaus zu sehen ist. Denn in der Übergangsphase hat die Stadt hier nichts machen können. Es habe schon einige Beschwerden gehagelt, wissen Simon, Derstroff und Gabriele Wittich, die für die Spielplätze im Bauamt zuständig ist. Der Bürgermeister räumt ein, dass zum Beispiel das Kopfsteinpflaster in der Altstadt deutlich grüner war als zuvor.

(wein)

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