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Sie lesen vor alten Mauern einen Briefwechsel im Krieg vor: Lorraine Bilo spielt Else, Valentin Wedekind ist Ernst.

Eppsteiner Geschichte

Feldpost von Ernst an Else

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Zur Eröffnung präsentierten auch die Burgschauspieler einige besondere Szenen.

Sie kamen nicht unbedingt freiwillig nach Eppstein. Und nicht alle sind hier längere Zeit geblieben. Aber ob es wenige Tage waren oder viele Jahre – sie sind alle ein Stück Eppsteiner Geschichte. An Flüchtlinge, Zwangsarbeiter, Besatzer oder Heimatvertriebene, die mit der Burgstadt in Verbindung stehen, erinnert die neue Ausstellung „Station in Eppstein“ im Burgmuseum.

„Mal etwas, was nichts mit Rittern zu tun hat, aber das Thema ist mir wichtig“, sagt Museumsleiterin Monika Rohde-Reith. Stellvertretend für die Vielen, die das Schicksal in Krisen- und Kriegszeiten nach Eppstein verschlug, hat sie die Spuren einiger Menschen gesichtet und für die Ausstellung nachgezeichnet. Mit ihren Vornamen sind die einzelnen Tafeln überschrieben. Der Besucher erfährt etwas über „Ernst und Else“ oder „Emmi“ oder „Alfred und Anna“. Das schafft Nähe. Denn auch Rohde-Reith weiß, was die Museumspädagogik (und die Autoren historischer Romane) längst begriffen haben: Nicht abstrakte Fakten, sondern Erzählungen aus der Perspektive eines Betroffenen lassen Geschichte lebendig werden.

Wie sehr, hat die Museumsleiterin bei ihrer Spurensuche selbst erfahren. „Es sind Menschen dabei, von denen wir nicht viel wissen, aber deren Schicksal trotzdem anrührt“, denkt Rohde-Reith etwa an Emmi Maier-Bender, über die das Stadtarchiv nur eine kleine Notiz bewahrt hat, die ihre Ausbürgerung dokumentiert.

Auch die Burgschauspieler haben sich von den Schicksalen, die die Ausstellung aufgreift, inspirieren lassen. Zur Eröffnung präsentierten sie im Burghof Szenen, die die Personen noch ein wenig greifbarer für die Besucher machen sollten. Wie der Zweite Weltkrieg etwa auf das Leben von Ernst und Else, gespielt von Valentin Wedekind und Lorraine Bilo, Einfluss nahm, konnten die Zuschauer anhand des verlesenen Briefwechsels zwischen den beiden verfolgen. Dabei waren nur die Briefe von Ernst authentisch – Feldpost, die Rohde-Reith vor einem Jahr fürs Archiv geschenkt bekam und die ganz entscheidend einen Anstoß für die jetzige Ausstellung lieferte.

Juliane Rödl hatte sich besonders vom Schicksal der Johanna Beck angesprochen gefühlt, wohnte die Kaufmannsfrau doch einst mit ihrem jüdischen Ehemann in der Villa Mathilde, in der die Vorsitzende der Burgschauspieler heute selbst lebt. Rödl hat sich hineingefühlt in die Gedanken der Wahl-Eppsteinerin, die ihr vor ihrem Freitod im Jahr 1940 durch den Kopf gegangen sein könnten und sie in der Rolle der Johanna Beck den Vernissage-Besuchern eindrucksvoll nahe gebracht.

Bekannter als ihr Name ist den Eppsteinern der von Alfred und Anna, denn das Ehepaar Neufville hat der Stadt unter anderem die „Villa Anna“ hinterlassen. Dass die Neufvilles als

„Religionsflüchtlinge“

in die Burgstadt kamen, ist für Rohde-Reith im Zusammenhang mit dieser Ausstellung erwähnenswert, weil ihre Villa nicht nur nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch aktuell wieder Flüchtlingen ein Zuhause auf Zeit ist. „Da schließt sich für mich der Kreis.“ Dass Geschichte nicht nur etwas für Bücher ist, sondern ganz konkret Menschen betrifft, möchte Rohde-Reith in den kommenden Monaten vor allem auch möglichst vielen Schülern nahebringen. Mit der Freiherr-vom-Stein-Schule werde es da einige Projekte geben, sagt die Historikerin.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. September mittwochs von 16 bis 18 Uhr, samstags von 14 bis 17 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr im Stadt- und Burgmuseum auf der Burg Eppstein zu sehen.

(babs)

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