Klangkünstler Peter Kiefer mit den pinkfarbenen Skulpturen, die die Form der Schlüsselloch-Schießscharten aufgreifen. Begleitet wird die Installation von Klängen, die das Hämmern von Stein wiedergeben und an die Arbeiter erinnern, die den Burggraben geschaffen haben. 	Foto: Maik Reuß
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Klangkünstler Peter Kiefer mit den pinkfarbenen Skulpturen, die die Form der Schlüsselloch-Schießscharten aufgreifen. Begleitet wird die Installation von Klängen, die das Hämmern von Stein wiedergeben und an die Arbeiter erinnern, die den Burggraben geschaffen haben. Foto: Maik Reuß

Peter Kiefer in Eppstein

Kunst mit Schlüsselloch

  • Christine Sieberhagen
    VonChristine Sieberhagen
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Im Rahmen der Skulpturenbiennale „Blickachsen“ verwandelt der Klangkünstler Peter Kiefer die Burg in einen ungewöhnlichen Erfahrungsort.

Sie ist umgeben von hohen Mauern und thront hoch oben über den Dächern Eppsteins: Eine schier uneinnehmbare Festung, die sich einerseits abgrenzt, andererseits aber auch öffnen musste, um die Menschen die dort lebten, mit Waren zu versorgen. „Eine Burg ähnelt der menschlichen Zellmembran, die sich negativen Einflüssen gegenüber verschließt, sich andererseits öffnen muss, um den Austausch von Ionen oder Molekülen zu ermöglichen“, beschreibt Peter Kiefer den Charakter der Burg, die der Künstler vom kommenden Sonntag, 31. Mai, an in einen Klangraum verwandelt. Erstmals kommt die Skulpturenbiennale „Blickachsen“, einer der Höhepunkte im Kunstkalender der Region, in diesem Jahr nach Eppstein.

Zurück zu Kiefers Vergleich und damit dem Gerüst seines Konzepts: „Die Diskrepanz zwischen Abgrenzen und Öffnen, zwischen Innen und Außen ist gerade mit Blick auf die politische Situation hochaktuell“, sagt Kiefer, der seine Installationen seit Monaten vorbereitet und dabei nicht nur vom Burgverein und „Ritter Ulrich“, alias Ulrich Geffers unterstützt wird, sondern ebenso von der Stadt und heimischen Handwerksbetrieben. „Es ist fantastisch, wie mir alle mit Rat und Tat zur Seite stehen“, sagt der 54-Jährige, der an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz Neue Musik/Neue Medien lehrt.

Die Burg will der Künstler und Komponist durch visuelle und klangliche Eingriffe in einen besonderen Erfahrungsort verwandelt: Auf sieben Stationen laden Klangräume zum Lauschen und Verweilen ein und öffnen klingende Fenster in die Welt. Der Bergfried wird vorübergehend zu einem interkulturellen Minarett-Glockenturm. Im Palas und im Altangarten kann der Besucher verweilen und sich auf ungewöhnliche Klänge einlassen, die aus in die Erde gelassenen Lautsprechern kommen, die wiederum in Form des Burg-Grundrisses gestaltet wurden. Sich bewegende Klänge verwandeln bekannte Stellen der Burg in neue und ungewohnte Orte, die den Besucher motivieren sollen, „den eigenen Standort zwischen Innen und Außen, Schutz und Öffnung, Aufgeschlossenheit und Gewohnheit zu hinterfragen – ganz in der Tradition der Burg, deren geschlossene Abgrenzung sich mit Weltoffenheit verbindet“. Die Vision einer besseren Gesellschaft greift Kiefer durch den Blick in den Himmel durch eine der typischen Schlüsselloch-Schießscharten visuell auf. Deshalb ist das Projekt mit dem Titel „Die Vermessung des Himmels“ überschrieben und versteht sich als Aufruf für Toleranz, mitfühlendes Verständnis und gegen jegliche Gewalt gegenüber Andersdenkenden.

Die kleinen Schlüsselloch-Schießscharten begegnen dem Besucher immer wieder: Mal säumen sie als phonetische Metallplatten den Weg hinauf zur Burg, dann greift Kiefer ihre Form in Gestalt überdimensionaler, neon-pinkfarbener Skulpturen auf, die er im Ostzwinger platziert, während im Südzwinger aufgestellte Rotorblätter eines Militär-Hubschraubers – ebenfalls in Neon-Pink – ein sichtbares Zeichen gegen die Abschottung in unserer Gesellschaft und der „Festung Europa“ setzen sollen.

Dass dieses avantgardistische Kunstprojekt nicht unbedingt nur auf positive Reaktionen stoßen wird, ist sowohl dem Künstler als auch Bürgermeister Alexander Simon und Museumsleiterin Monika Rohde-Reith bewusst. „Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, nicht in das Konzept von Peter Kiefer einzugreifen. Kunst soll zum Nachdenken anregen und auch den Wandel widerspiegeln, den die Burg durchlebt hat“, betont der Rathauschef, der stolz darauf ist, dass die in Bad Homburg und im Hochtaunus-Kreis beheimateten „Blickachsen“ erstmals die Burgstadt integrieren. Der Stadt sind dadurch übrigens keine Kosten entstanden, diese werden vom Veranstalter der Skulpturenbiennale getragen. Von kommendem Sonntag an können sich die Besucher während der Öffnungszeiten der Burg auf Klanginstallationen von Peter Kiefer einlassen. Die Zeiten stehen in der Kreisblatt-Rubrik „Heute“.

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