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Mit dem Computer statt dem Pinsel

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Von: Katrin Eva Walter

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Dieses Bild hat eine Künstliche Intelligenz "gemalt": Es heißt "Puppet King", also "König der Marionetten.
Dieses Bild hat eine Künstliche Intelligenz "gemalt": Es heißt "Puppet King", also "König der Marionetten. © Nicolai Richter

Nicolai Richter erschafft Kunst mit künstlicher Intelligenz. Er stellt seine Bilder bis 30. April in der Wunderbar aus.

Eppstein -Einen Pinsel in die Hand genommen hat Nicolai Richter schon lange nicht mehr. Kunst sei sein schlechtestes Schulfach gewesen, erinnert sich der 52-Jährige. Nun ist er aber zumindest nebenbei doch zum Künstler geworden und stellt zum ersten Mal aus: Der Frankfurter, der in Griesheim und Bockenheim wohnt, kreiert ungewöhnliche Bilder mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) und zeigt 30 davon in der "Wunderbar Weiten Welt" unter dem Titel "Blicke in das digitale Unterbewusstsein".

Technik ist noch ganz neu

Auch ohne Pinsel ein Bild zu erschaffen, das doch immerhin auf den ersten Blick so aussieht, als sei es gemalt, ist noch gar nicht so lange möglich. Einige wenige kennen sich damit aus, sagt Richter. Schon seit Jahren beschäftige er sich mit Computerprogrammen und sei dadurch auch zu seinem Job im Risikomanagement einer Bank gekommen. Studiert hat er ursprünglich etwas anderes: Psychologie an der Uni Gießen. Durch das Studium kam er vor gut 20 Jahren zum ersten Mal mit KI in Berührung. Damals hatte die Forschung versucht, Prozesse im Gehirn damit abzubilden.

Text gibt vor, welches Bild entsteht

Diese Kenntnisse waren für ihn dann noch brauchbar, als er vor etwa elf Jahren begann, mit Hilfe von KI Gedichte zu schreiben. Die seien eher dadaistisch gewesen, sagt er - aber immerhin konnte der Computer tatsächlich reimen. Es sei weniger die Bildende Kunst, sondern das Medium Text, dass ihn immer fasziniert habe, sagt Richter. Er habe schon mit fünf Jahren lesen können und früh Bücher gelesen. Und genau das ist es nun auch, was ihn an der Kunst reizt, der er nun schafft. Die Bilder basieren nämlich auf Text. Richter gibt der künstlichen Intelligenz einen Titel auf Englisch vor, und der Computer sucht dann in seinem Fundus, zu welcher bildlichen Darstellung die Begriffe passen. Das funktioniert nach dem Prinzip des sogenannten Machine Learnings. Nach diesem Prinzip kann eine KI nämlich im Internet Bilder erkennen, die zum Beispiel gegen Jugendschutz-Richtlinien verstoßen: zum Beispiel, wenn auf einem Foto nackte Personen sind. Richters "Werkzeug" wendet dieses Prinzip nun umgekehrt an. Es erschafft also eine Darstellung, die zu seiner vorgegebenen Zeile passt. Denn die KI weiß zum Beispiel, dass eine Kirche einen spitzen Turm mit einem Kreuz darauf hat und was fröhliche und düstere Farben sind. Das weiß sie, weil überall auf der Welt Menschen bei Google oder anderen Diensten Bilder mit Beschreibungen versehen, zum Beispiel mit "dies ist eine Kirche im Sonnenuntergang" oder ähnlichem.

Massenaufträge über Nacht

Für manchen Betrachter mag sich nun die Frage stellen, worin der künstlerische Akt besteht, wenn doch die KI alles macht. Ganz so leicht sei es nicht, sagt Richter. Die Kunst bestehe darin, genau die richtigen Schlagwörter auszuwählen. Das erfordere Erfahrung. Zu spezifische Begriffe zum Beispiel brächten nicht das gewünschte Ergebnis. Jede Textzeile, die Richter durch die KI schickt, sei ein Experiment, mit der er mehr über die Funktion der KI lernt.

Ein Bild sei auch nicht einfach so per Knopfdruck fertig, erklärt Richter weiter. Die KI brauche etwa zehn Minuten, bis sie ein Werk "errechnet" hat. Und das sei in den meisten Fällen gar nicht so spannend: Nur etwa jedes zehnte Bild sei für ihn interessant. Deshalb gibt er dem Programm Massenaufträge und lässt es über Nacht rechnen, um sich am nächsten Morgen gleich hunderte Ergebnisse anzeigen zu lassen. Ganz oft ist er dabei überrascht, das mache viel Spaß.

Widersprüche sind besonders spannend

Besonders spannend findet er, wenn sich Begriffe eigentlich widersprechen. Bei Zeilen wie "Blumen des Bösen" kämen die interessantesten Bilder zustande, sagt er. Eines seiner Lieblingsbilder heiße "Der König der Marionetten" (Englisch: "Puppet King"). Marionetten empfehlen sich eher als Gesichter, denn die KI sei noch nicht imstande, menschliche Gesichter darzustellen.

Auch den Kunststil "rechnet" die KI dazu. Um herauszufinden, welcher Titel zu welchem Stil passe, habe Richter mehrere Kunst-Webseiten durchforstet. Was dabei herumgekommen ist, können Interessierte sich noch bis zum 30. April in der Wunderbar, Am Stadtbahnhof 1, ansehen.

Bei diesem Werk hieß die Vorgabe "The summer meadow in a fairytale" ("Die Sommerwiese in einem Märchen").
Bei diesem Werk hieß die Vorgabe "The summer meadow in a fairytale" ("Die Sommerwiese in einem Märchen"). © Nicolai Richter
Nicolai Richter
Nicolai Richter © Katrin Walter

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