Die Tüftlerinnen der Sütterlingruppe orientieren sich im Stadtarchiv: Heidelinde van Krüchten (sitzend) mit Ehemann (rechts in blau), hinter ihr Helga Pauly-Gegenheimer mit Ehemann und Maria Augustin mit Ehemann (von links) sowie Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith. Juliane Rödl ist nicht auf dem Bild.
+
Die Tüftlerinnen der Sütterlingruppe orientieren sich im Stadtarchiv: Heidelinde van Krüchten (sitzend) mit Ehemann (rechts in blau), hinter ihr Helga Pauly-Gegenheimer mit Ehemann und Maria Augustin mit Ehemann (von links) sowie Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith. Juliane Rödl ist nicht auf dem Bild.

Geschichte

Sie suchen nach Geheimnissen des Eppsteiner Stadtarchivs

  • VonKatrin Eva Walter
    schließen

Seniorenberaterin Juliane Rödl hat eine Sütterlin-Gruppe ins Leben gerufen. Welche Schätze könnten noch in den alten Akten schlummern?

Eppstein -"Bleibe stets recht brav und willig", soll das heißen, was da in einer der Zeilen auf einer Postkarte von 1914 in Schnörkelschrift geschrieben steht. Lesen kann das heutzutage kaum noch jemand, nur einige wenige ältere Menschen, die als Kinder gelernt haben, Sütterlin zu lesen und zu schreiben, können es. Zum Beispiel drei Eppsteiner Damen, die sich neuerdings auf Initiative von Seniorenberaterin Juliane Rödl über das reich gefüllte Archiv der Burgstadt hermachen.

Sütterlin war eins Standardschrift

Die Sütterlinschrift ist von 1924 bis 1941 die deutsche Standardschrift gewesen, die Erstklässler schreiben und lesen lernten. Das ist auf der Webseite der SWR-Sendung "Planet Wissen" unter www.planet-wissen.de nachzulesen. Der Berliner Schriftkünstler Ludwig Sütterlin habe sie einige Jahre vorher als Variante der sogenannten Kurrentschrift entwickelt. Letztere gab es schon in den Jahrhunderten zuvor und ist auch - wenn nicht sofort, dann zumindest mit ein bisschen Übung - für diejenigen lesbar, die Sütterlin entziffern können.

Unterlagen verraten so einiges

Quellen aus der Zeit um 1900 oder auch aus dem 19. Jahrhundert gibt es einige im Eppsteiner Stadtarchiv. Und die sind noch längst nicht alle entziffert und übersetzt, dabei könnte dort noch die ein oder andere Information über die Geschichte der Stadt schlummern.

Diese Dinge möchte die Stadt gerne ans Tageslicht befördern, weshalb Stadtarchivarin und Museumsleiterin Monika Rohde-Reith sich über das Engagement der Sütterlingruppe sehr freut. Sie hofft, dass vor allem in den Meldebüchern noch das ein oder andere Schätzchen zum Vorschein kommt.

Besucher aus allen Kontinenten

In den sogenannten Melde- oder Fremdenbüchern wurde zu früheren Zeiten eingetragen, wer in die Stadt oder zur Burg reiste, sei es ein Tagesausflug oder ein Aufenthalt mit Übernachtung. Denn schon ab 1800 war die Burg ein beliebtes Ziel. In den rund 50 000 Einträgen finden sich Besucher von allen Kontinenten. "Die meistgenannten Herkunftsstädte des illustren Publikums sind London, Paris, St. Petersburg oder New York", war auf dem Plakat einer einstigen Ausstellung im Stadtmuseum zu erfahren.

Die Gäste kamen aber auch aus ferneren Ländern wie Israel, Madagaskar oder von den Philippinen. 1849 war der französische Dichter Victor Hugo da - wohl der berühmteste Gast in der Burgstadt. Unter den Besucherinnen und Besuchern sind aber auch bekannte Namen aus der Umgebung dabei, zum Beispiel Mitglieder der Familie Gontard aus Frankfurt. Der Bankier Jakob Friedrich Gontard engagierte Autor Friedrich Hölderlin als Hofmeister und Hauslehrer für seine Kinder. Einer seiner Romane wurde durch die Frau des Hauses inspiriert.

Meldebücher als Spiegel der Geschichte

Zu späteren Zeiten finden sich Eintragungen von Vertriebenen in den Fremdenbüchern. "Diese Bücher sind ein Spiegel der Geschichte", erklärt Rohde-Reith. Sie hofft auch, in Zukunft Spannendes in Heirats- und Geburtsurkunden zu finden, die auch noch im Archiv schlummern.

Für jemanden, der die Sütterlin- oder Kurrentschrift nicht als Kind gelernt hat, ist es schwieriger, die Zeilen zu entziffern, weiß Initiatorin Rödl, die die Bücher selbst sehr interessant findet. Die 59-Jährige kann selbst ein wenig Sütterlin lesen, da ihre älteren Geschwister die Schrift in der Schule gelernt haben. "Ich bin aber nicht flüssig."

Die drei Eppsteinerinnen übersetzen zunächst unter anderem Postkarten. Dabei unterstützen sie sich gegenseitig. Erst fängt eine an und schickt ihre Ergebnisse an die anderen, die dann wiederum Ideen haben, welcher Schnörkel welcher Buchstabe sein könnte. Das passiert im Moment per E-Mail, denn persönliche Treffen sind wegen der pandemischen Lage nicht möglich. Es ist aber geplant, künftig regelmäßige Sitzungen abzuhalten, auf denen die Frauen schwierige Fälle aus dem Stadtarchiv lösen sollen. Sie seien alle "voller Elan und Spaß" dabei, freut sich Rödl. Vielleicht wird die Gruppe irgendwann auch Aufträge von Privatleuten annehmen, welche die Unterlagen ihrer Vorfahren entziffert haben wollen.

Weitere Knobler erwünscht

Aber zunächst steht das Archiv an. "Das ist eine immense Aufgabe", sagt Rödl, die sich freut, wenn sich noch mehr Menschen beteiligen möchten. Sie ist unter juliane.roedl@drk-maintaunus.de per E-Mail zu erreichen.

Hier die Transkription der Postkarte:

An das Lehrerstöchterlein Hansi Meixner, München, 24. Juni 1914

Liebe Hansi!

Zu Deinem Namensfest wünsche ich Dir alles Gute. Bleibe stets recht brav und willig und mache so Deinen verehrten Eltern und der guten Tölzer Großmutter und allen, die Dich so innig lieben, recht viel Freude! Bete fleißig zur lieben Himmelsmutter und zum hlg. Schutzengel, damit sie Dir helfen und Dich auch recht gesund und froh bleiben lassen! Deine Zeilen haben mich sehr gefreut und Deine Photographie schaue ich gerne an. An Dein liebes, mir so treues Mütterlein mußt Du recht, recht viele Grüße entrichten von Deiner Dich herzlich liebenden Marie, I.B.N.V.

Die Vorderseite einer Postkarte.
Die Rückseite der Postkarte.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare