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Polizeioberkommissarin Karina Kolb erklärt den Vorschulkindern im Kindergarten das richtige Verhalten an einem Fußgängerüberweg.

„Erst gehen, wenn die Räder stehen“

Wie Vorschulkinder für den Schulweg trainieren

Manche Kindergartenkinder haben noch nie alleine eine Straße überquert. Die Polizei zeigt, wie man es richtig macht.

„Fangt Ihr auch Verbrecher?“, wollen die Kinder als erstes wissen. Immerhin stehen zwei Polizistinnen vor ihnen. Karina Kolb und Mieke Reifenberger klären dann aber schnell auf, dass sie heute nicht wegen irgendwelcher böser Buben zum Kindergarten in die Talstraße gekommen sind. Vielmehr soll es heute um das Thema Schulwegtraining gehen.

In Hessen starten jedes Jahr rund 50 000 Erstklässler in den Ernst des Lebens, und nicht zuletzt der ADAC empfiehlt, rechtzeitig und wiederholt mit den Kindern zu üben, damit sie dann – ohne Erwachsene – sicher in die Schule und wieder nach Hause kommen. Gerade vor dem Hintergrund des auch in Lorsbach akuten Problems des „Elterntaxis“, das eher chaotische Situationen provoziert, ist dieses Training unerlässlich. Schließlich sollen die Kinder ein selbständiges und souveränes Verhalten im Straßenverkehr lernen sowie komplexe Situationen und mögliche Gefahren adäquat einschätzen können.

Die Grundlagen dafür legen die beiden Polizeioberkommissarinnen von der Mobilen Jugendverkehrsschule Hattersheim, die sich ansonsten schwerpunktmäßig mit der Fahrradausbildung in den vierten Klassen beschäftigen. „Gerade weil viele Kinder gar keine Erfahrungen mit dem Straßenverkehr haben oder machen, da sie immer nur ins Auto ein- oder aussteigen und die Eltern ihnen alles abnehmen, machen wir diese Verkehrserziehung“, sagt Kolb. „Wichtig ist, dass die Kinder ein bisschen Gefühl für die Verkehrssituation bekommen, also wissen, wo die Autos herkommen und wo sie gucken müssen. Auch dürfen sie sich nicht hinter Hindernissen verstecken, so dass man sie gar nicht sehen kann.“

Informationen des ADAC

Manche Kinder seien noch nie – alleine – über eine Straße gegangen, daher soll auf das Überqueren besonders intensiv eingegangen werden, zumal nach Informationen des ADAC hierbei die meisten Unfälle passieren. Zum einen fehle den Schulanfängern aufgrund ihrer geringen Körpergröße der nötige Überblick, zum anderen würden sie von den anderen Verkehrsteilnehmern leicht übersehen.

Zwölf Vorschulkinder versammeln sich also an einem Tisch, auf dem ein großes Blatt Papier liegt. Kolb zeichnet darauf eine Straße ein – mit Bürgersteigen, einem Zebrastreifen, Parkplätzen, Häusern und Zäunen sowie einer Eisdiele. Mit Spielzeugautos und -figuren werden Szenen aus dem Straßenverkehr demonstriert, denn das kleine Mädchen Lisa muss auf viele Dinge achten. So könnten aus einer Einfahrt Autos plötzlich über den Bürgersteig auf die Straße fahren. Und um zum Eiswagen auf der anderen Seite zu gelangen, darf sie nicht einfach schräg über die Straße laufen. Sie muss an einer Stelle mit guter Sicht den kürzesten Weg über die Straße wählen, also im rechten Winkel queren.

Besonders einprägsam wird es für die Kinder mit Merksprüchen, die ein paarmal wiederholt und rhythmisch geklatscht werden, so beispielsweise „Stehen, Sehen, Gehen – wenn die Straße frei ist!“ Kurz und prägnant muss es sein, weiß Kolb, und sich reimen, denn dann bleibt es im Gedächtnis haften. Gemeinsam wird deshalb auch ein kleines Lied gesungen, das die Puppenbühne, das Verkehrspräventionsprogramm des Polizeipräsidiums Westhessen, verwendet: „Die freie Stelle“ – denn so kann ein Autofahrer ein querendes Kind gut erkennen.

Hilfreiche Merksprüche

Wenn die Kleinen allerdings erst zwischen parkenden Autos hindurch müssen, ist besondere Vorsicht geboten. Daher gilt ein weiterer wichtiger Satz: „Bis zum Licht, weiter nicht, dann freie Sicht!“ Mit dem Licht ist der äußere Scheinwerfer oder das Rücklicht des Autos gemeint.

Ein Missverständnis gibt es häufig an Fußgängerüberwegen, erzählt Kolb. „Autofahrer bremsen oft weit vorher und rollen langsam heran. Aber die Kinder dürfen erst dann den Zebrastreifen überqueren, wenn sich die Räder wirklich nicht mehr bewegen!“ Hier heißt es also: „Erst gehen, wenn die Räder stehen“. An einer Ampel sieht das allerdings wieder anders aus.

Draußen wird das dann alles im echten Straßenverkehr geübt. Kolb und Reifenberger müssen die aufgeregten Kleinen immer wieder zur Konzentration ermahnen und an die Merksätze erinnern. So wird zu zweit oder alleine ein paarmal die Straße überquert. Als Belohnung fürs Mitmachen erhält jedes Kind einen „Fußgängerpass“ – mit echtem Polizeistempel und Fingerabdruck, dazu kann ein Foto reingeklebt werden.

von Stephanie Kreuzer

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