Sie feierten Konfirmationsjubiläum: Sigrid Schneider, Annegret Wilde, Inge Deschner, Vera Schmidt (v. l.) mit Pfarrer Andreas Schmalz-Hannappel.
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Sie feierten Konfirmationsjubiläum: Sigrid Schneider, Annegret Wilde, Inge Deschner, Vera Schmidt (v. l.) mit Pfarrer Andreas Schmalz-Hannappel.

Konfirmation vor 60 Jahren

Erste Nylons und Dauerwelle

Die Gemeinde St. Johannes ehrte am Sonntag ihre besonderen Konfirmanden. Unter ihnen sind Vera Schmidt und Inge Deschner, die sich für uns an ihren besonderen Moment vor 60 Jahren erinnerten.

Von Robin Kunze

„Zunächst mal hatten wir alle ziemliche Angst“, erinnert sich Inge Deschner an ihre Konfirmationszeit, „es war einfach so furchtbar viel zu lernen“. Wo heute die wenigsten Jugendlichen auch nur das Glaubensbekenntnis auswendig können, da mussten Inge Deschner und ihre Altersgenossen vor 60 Jahren gefühlt fast die komplette Bibel aufsagen können.

Dementsprechend lange fiel auch der Konfirmandenunterricht damals aus. „Drei Jahre lang ging das“, berichtet Inge Deschner, „und ausnahmslos jeden Sonntag waren wir beim Gottesdienst“. Am Ende dieser Zeit folgte eine Prüfung mit anschließender Konfirmation – und der großen Feier im Kreise der Familie. „Wir waren bestimmt mit 25 Mann im Wohnzimmer meiner Eltern versammelt“, erinnert sich Inge Deschner zurück.

Vera Schmidt aus Berlin-Spandau hingegen feierte ihre Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft im kleinen Kreis. Bereits im frühen Kindesalter verlor sie ihren Vater, die schlesische Verwandtschaft wohnte nach dem Krieg bei Braunschweig. „Die Nachbarn waren damals der erweiterte Familienkreis“, erklärt Vera Schmidt. Und vor den versammelten Nachbarn präsentierte sie sich nach der Konfirmation in voller Pracht. „Als Geschenk bekam ich meine ersten Nylons“, erzählt sind, „sogar mit Ziernaht an den Fersen“. Auch wenn diese gleich beim ersten Anprobieren rissen, war die damals 15-Jährige super stolz auf das Beinkleid und auch auf die festliche Frisur. „Denn ich habe zusätzlich zu den Nylons auch meine erste Dauerwelle bekommen“, verrät Schmidt mit einem Grinsen, „da haben die Nachbarjungs schon geguckt“.

Tassen und Handtücher

„An meine Geschenke kann ich mich auch noch sehr gut erinnern“, ergänzt Inge Deschner. „Von der Verwandtschaft gab es drei Sammeltassen, eine Tortenschaufel und Frottee- Handtücher.“ Die kleinen, praktischen Gaben seien kein Vergleich zu den Präsenten, die die Jugendlichen heutzutage bekommen. Doch die kleinen Aufmerksamkeiten symbolisierten für die Fischbacherin Vera Schmidt einst den Eintritt in die Erwachsenenwelt. An den religiösen Aspekt musste sie sich allerdings erst gewöhnen.

Reli war eher „Freistunde“

„Das war für mich alles fremd zum damaligen Zeitpunkt“, gesteht Vera Schmidt, „Religion kannte ich eigentlich nur aus dem Schulunterricht, und da war es ehrlich gesagt mehr eine Freistunde“. Doch mit dem Konfirmationsunterricht lernte sie nicht nur Psalmen, sondern auch die Glaubensgemeinschaft als einen weiteren Ort der Geborgenheit nebst der Mutter zu schätzen.

Umso größer war die Enttäuschung, dass die Resonanz im heimischen Spandau auf eine Jubiläumsfeier mau ausfiel. Doch auch in Kelkheim hatte die Berlinerin längst Wurzeln gezogen, schließlich folgte sie ihrem Mann 1970 in den Main-Taunus-Kreis und zog hier ihre beiden Kinder groß. Also initiierte sie vor zehn Jahren die Jubiläumstreffen kurzer Hand einfach in der hiesigen Gemeinde. „Ich finde das eine sehr schöne Aktion“, pflichtet Inge Deschner bei, die vor zehn Jahren noch im heimischen Homberg/Efze feierte, sich aktuell die Fahrt aber nicht mehr zutraut.

Mit den beiden Kelkheimerinnen wurden am Sonntag von Pfarrer Andreas Schmalz-Hannappel auch Sigrid Schneider (60 Jahre) und Annegret Wilde (25 Jahre) geehrt. Auf Nylons und Dauerwelle haben die Jubilare aber diesmal verzichtet – die Freude über den Ehrentag war ihnen dennoch anzusehen.

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